Kommentar

8. Mai Ein Tag, der Feiertag werden muss

Stand: 08.05.2020 13:12 Uhr

Andere Länder haben es getan - und auch Deutschland hätte den 8. Mai längst zum bundesweiten Feiertag erklären müssen. Als zu selbstverständlich werden Errungenschaften wie Freiheit heute angenommen.

Ein Kommentar von Barbara Kostolnik, ARD-Hauptstadtstudio

Was sagt es über dieses Land, über Deutschland aus, dass der 8. Mai noch immer kein bundesweiter Feiertag ist? Wie kann es sein, dass wir Himmelfahrten und Reformationstage feiern, aber nicht den bedeutendsten Tag in der neueren deutschen Geschichte?

Wie schnell es hierzulande mit den Feiertagen gehen kann, wenn der Wille dazu vorhanden ist, zeigt der Tag der Deutschen Einheit. Auch hier war mit freundlicher Unterstützung der USA, der Sowjetunion oder Frankreichs eine Diktatur überwunden worden, und obgleich es sich verbietet, Leid zu vergleichen: Das SED-Regime hat nicht sechs Millionen Juden umgebracht und die Welt in einen grässlichen Krieg gestoßen.

"Über die großen Hoffnungen der Menschheit nachdenken"

"Der 8. Mai muss ein Feiertag werden", hat die Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in Deutschland, Esther Bejarano, gefordert. Ihr Vorstoß muss endlich gehört und umgesetzt werden. Dass das nicht schon längst geschehen ist, ist kaum zu begreifen.

75 Jahre nach dem Ende des Wahnsinns wäre es höchste Zeit, diesen Tag zu ehren, der Deutschland die Chance gegeben hat, von einem gefürchteten und gehassten, totalitären und menschenfeindlichen Staat zu einer freiheitsliebenden Demokratie zu werden. Zu einem geschätzten Partner.

Der Tag gäbe uns die Möglichkeit, "über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken", wie Esther Bejarano schreibt. Nicht nur darüber nachzudenken, was die Vergangenheit mit uns gemacht hat, sondern wie sie uns für die Zukunft prägt.

Ein europäischer Feiertag?

Die Zeitzeugen und Zeitzeuginnen können uns sehr bald nicht mehr erzählen, wie sie gelitten haben, wie sie gequält wurden, was sie in den Jahren vor jenem 8. Mai 1945 durchstehen mussten. Umso wichtiger ist ein Tag, an dem wir alle innehalten, an dem ein ganzes Land sich fragt, wie wir miteinander umgehen wollen, welches Land wir überhaupt sein wollen. An dem wir ins Gespräch kommen, an dem wir auch kontrovers diskutieren.

Und warum nicht noch größer denken und den 8. Mai zu einem europäischen Feiertag machen? Gemeinsam mit Frankreich, Polen, Großbritannien, Belgien. Wo wir diskutieren, wie sehen wir uns als Europa? In den Flüchtlingsfragen, in den Fragen einer solidarischen Pandemie-Bekämpfung, vielleicht endlich mit einer neuen Idee von Europa als Bollwerk gegen das menschenverachtend-überwachende System China und die irritierend-irrlichternd nationalistischen USA.

Errungenschaften zu selbstverständlich geworden

Freiheit, Gleichheit, Brüder- und Schwesterlichkeit sind Errungenschaften, die im Laufe der Jahre allzu selbstverständlich geworden sind - auf die wir jetzt wieder gestoßen werden in den unsicheren Zeiten der Corona-Pandemie, in denen wir nicht wissen, wie wir leben sollen und können, um andere nicht zu gefährden.

Der 8. Mai, ein "Tag der absoluten Niederlage"? Ja. Der absoluten Niederlage der Totalen-Kriegs-Idee. Ein Tag der absoluten Befreiung. Den es unbedingt zu feiern gilt.

Kommentar: Der 8. Mai sollte nationaler Feiertag werden
Barbara Kostolnik, ARD Berlin
08.05.2020 11:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. Mai 2020 um 09:00 Uhr.

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