Kommentar

Corona und der 1. Mai Errungenschaften in Gefahr

Stand: 01.05.2020 01:37 Uhr

Im Homeoffice verschwimmen gerade die Grenzen zwischen Beruf- und Privatleben. Flexibles Arbeiten hat viele Vorteile, aber mancher Arbeitgeber wittert in der Krise die Chance, Schutzmaßnahmen über Bord zu werfen.

Ein Kommentar von Frank Christian Starke, ARD-Hauptstadtstudio

Keine Bratwurst, kein Bier dazu, keine Fahnen und auch keine kämpferische Reden - der 1. Mai fällt diesmal aus - alle Demonstrationen und Kundgebungen zum Tag der Arbeit sind abgesagt. Völlig richtig, darauf kann und muss in diesem Jahr verzichtet werden. Nicht verzichten sollte man allerdings darauf, daran zu denken, um was es immer geht am 1. Mai - um Mitbestimmung, Demokratie, um gerechte Verteilung und um die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Wichtiger denn je, in Zeiten von Corona ist nämlich vieles davon in Gefahr.

Früher zur Arbeit, länger bleiben, Homeoffice am ergonomisch nicht gerade optimalen Küchentisch, all das geht angesichts der Corona-Krise. Genauso wie eine Videokonferenz am frühen Morgen oder Mails checken im Feierabend. Natürlich vom Computer zu Hause, und die private Email-Adresse und Telefonnummer kennt inzwischen der ganze Betrieb; die Grenzen zwischen Beruf- und Privatleben verschwimmen im Moment bei vielen.

Viele Vorteile, aber Vorsicht ist geboten

Das geht in Ordnung, in der Virus-Krise lässt man Fünfe gerade sein, jetzt ist nicht die Zeit, um auch wirklich jede Regel wortgetreu zu befolgen. In vielen Betrieben und Verwaltungen finden Arbeitgeber und Arbeitnehmer flexible Wege, um die Arbeit neu zu organisieren. Vieles davon ist positiv, eine Art arbeitsorganisatorischer Innovationsschub: Vorgesetzte, aber auch Arbeitnehmer, die sich mobiles Arbeiten von zuhause aus bisher partout nicht vorstellen konnten, merken plötzlich: doch, das geht! Genauso wie flexiblere Arbeitszeiten, neue Schichtsysteme in Büros etwa, das kann durchaus Vorteile haben, für beide Seiten. Auch das Arbeiten in Vertrauensarbeitszeit bei gleichzeitiger Kinderbetreuung, weil die Kitas geschlossen sind.

Aber: Fünf gerade sein lassen, das ist das eine - Arbeitsschutzregeln aufweichen das andere. Manche Wirtschaftsvertreter und Arbeitgeber wittern in der Krise ihre Chance, Dinge über Bord zu werfen, die sie schon lange als Ballast empfinden: geregelte Höchstarbeitszeiten zum Beispiel, Mitbestimmungsrechte, Vorschriften zu Ruhezeiten, Kündigungsfristen für 450-Euro-Kräfte, Einschränkungen der Warenzustellung und Arbeit an Sonn- und Feiertagen - aus neoliberaler Sicht unnötige Bürokratie: länger und flexibler arbeiten orientiert an den Anfordernissen und der Auftragslage der Unternehmen, das ist die Vision.

Errungenschaften müssen verteidigt werden

Und deshalb müssen nicht nur, aber gerade Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter genau aufpassen - denn sie wissen, dass die Fortschritte bei Mitbestimmung, Arbeitsschutz und sozialer Absicherung nicht vom Himmel gefallen sind, sondern durchgesetzt, ja durchgekämpft wurden.

Diese Errungenschaften gilt es zu verteidigen - der 1. Mai ist der perfekte Tag, um sich und andere daran zu erinnern. Und dann gilt es in den folgenden Wochen und sicher Monaten noch wachsam zu bleiben, damit soziale Standards, Schutzvorschriften und auch Freiheitsrechte im Rahmen der Virus-Bekämpfung nicht unter die Räder kommen - das wäre eine schlimme Nebenwirkung der Corona-Therapie.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Mai 2020 um 10:50 Uhr.

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