Eine Gruppe Menschen mit Mundschutz auf der Staten Island-Fähre. | Bildquelle: AP

Folgen des Corona-Schocks New Yorker zieht es aufs Land

Stand: 02.09.2020 17:27 Uhr

Rund 33.000 Menschen sind bislang in New York an oder mit Corona gestorben. Immer mehr gestresste New Yorker verlassen jetzt die Metropole und ziehen aufs Land. Da explodieren die Immobilienpreise.

Von Christiane Meier, ARD-Studio New York

Auf zu neuen Ufern, heißt es jetzt im traumatisierten New York, und es sind die Ufer des Hudson, des Flusses, der die Insel Manhattan im Westen begrenzt. Hier suchen neuerdings immer mehr von Corona gestresste New Yorker nach einem besseren Leben, viele sogar auf Dauer.

"Ich hätte nie gedacht, dass wir so schnell ein Haus kaufen würden. Es hat drei Tage gedauert", erinnert sich Chase: "Jetzt können die Kinder Krach machen. Aber wir vermissen New York. Vorher hatten wir zwei Jobs und Kinderbetreuung. Ich habe meinen Mann kaum gesehen. Jetzt haben wir plötzlich Zeit für die Familie. Ich fühle mich allerdings wie eine Hausfrau aus den 1950er-Jahren. Und wegen meiner Privilegien habe ich fast Schuldgefühle."

Leere Bürotürme - Steigende Immobilienpreise

Junge Frau in Kingston, USA | Bildquelle: ARD-Studio New York
galerie

Chase ist mit ihrer Familie im März nach Kingston gezogen

Wenn man dem breiten Fluss nach Norden folgt, wird es mit jeder Meile idyllischer und vor allem billiger. Denn bis vor Kurzem wollte niemand das kosmopolitische Leben im umtriebigen New York missen, selbst himmelhohe Mieten und Apartmentpreise wirkten nicht abschreckend. Auf dem Land hingegen verbrachte man höchstens die heißen Sommerwochenenden im Ferienhaus.

Das hat sich mit Corona grundlegend geändert. Seit die Bürotürme fast leer sind und die Restaurants nur noch im Freien servieren, seit es keine Broadwayvorstellungen gibt, keine Comedy-Clubs, keine Clubszene, keine Konzerte, seitdem wollen viele New Yorker ihr Homeoffice im Grünen aufschlagen.

Ganz besonders begehrt ist der Ort Kingston. Das kleine Städtchen im Hudson Valley, 90 Meilen von New York entfernt, zieht neuerdings massenhaft New Yorker nicht nur in seinen Bann, sondern auch auf den Immobilienmarkt. Vor allem die hippe Tech-Szene hat in den letzten Monaten für einen rasanten Anstieg der Immobilienpreise gesorgt. Kingston war schon vor der Pandemie im Aufschwung, jetzt ist es eine der zehn beliebtesten Fluchtburgen des Landes, und die Häuserpreise haben sich verdoppelt.

Ein Gegenentwurf zum gehetzten New York

Mit knapp 23 000 Einwohnern, einer guten Highschool und bestechendem Umland, das zum Wandern und Skifahren einlädt, ist Kingston der Gegenentwurf zu stressigen Alltagshatz der New Yorker City. Gemütlich an der Waterfront dinieren und dann nach Hause laufen - so sieht das neue Leben in der Provinz aus. Und anders als in vielen Kleinstädten ist die Bevölkerung hier sehr bunt, an vielen Ecken stehen "Black Lifes Matter"-Schilder. Fast ein bisschen wie in New York selbst. Da fühlt sich der Brooklyner schnell zuhause.

John Murphy | Bildquelle: ARD-Studio New York
galerie

Immobilienmakler John Morphy rechnet mit anhaltendem Boom

"Im Mai ist der Markt explodiert, so etwas haben wir hier noch nie gesehen", erzählt der Immobilienmakler John Murphy. "Es ging uns schon vorher sehr gut, und dann kam die Pandemie. Es war ein perfekter Sturm. Viele, die aus der Stadt geflüchtet waren, wollen jetzt einfach hierbleiben. Es war schon nach dem 11. September verrückt, aber da war der Markt nicht so stark. Auch die Investoren kaufen jetzt ein. Manche Grundstücke werden 100.000 bis 150.000 Dollar über Wert verkauft."

Wer mehr zahlt, kriegt den Zuschlag

Einen regelrechten Bieterkrieg mussten auch die beiden Einheimischen Jay und Jenna erleben, als sie versuchten, ihr erstes Haus in Kingston zu kaufen. Erst nach sechs Monaten und mehreren Anläufen haben sie es geschafft: 30.000 Dollar mehr als gefordert mussten sie hinlegen. Den Zuschlag bekamen sie nur, weil der New Yorker Konkurrent sein Cash-Angebot nicht rechtzeitig umsetzen konnte. Trotzdem freuen sich die beiden auf die Zugereisten aus der City: "Kingston hat sowieso schon eine Renaissance erlebt. Das wird jetzt auch nicht allzu viel ändern", ist sich Jay sicher.

Auch anderswo rund um New York reißen sich City-Bewohner um Häuser. In New Jersey hatte ein Haus 24 Angebote und wurde 20 Prozent über dem geforderten Preis verkauft. 

Im Juli, so der Immobilienbewerter Miller Samuel Real Estate, wurden 44 Prozent mehr Immobilien verkauft als im Vorjahr. Im Landkreis Westchester sogar 112 Prozent. Und zugleich wurden allein in Manhattan 56 Prozent weniger Wohnungen gekauft. Zudem beginnen die Preise zu sinken.

Eine Straße in Kingston, USA | Bildquelle: ARD-Studio New York
galerie

Die Kleinstadt Kingston profitiert vom Zuzug aus New York

Unwägbare Folgen für New York

Aber was bedeutet das für New York? Die Stadt beginnt, sich Sorgen zu machen, dass mit den Einwohnern die Einkommenssteuererträge wegbleiben. Dann ist weniger Geld für Polizei, Infrastruktur und vor allem die Subway da, die Lebensader der Stadt.

Bürgermeister Bill DeBlasio versucht zu beruhigen. Die New Yorker werden zurückkommen, sagt er. Wer das nicht glaubt, kenne New York nicht. Aber selbst mit einem Impfstoff lässt sich dieses neue Virus der Landlust nicht bekämpfen. Denn durch das erzwungene Arbeiten im Homeoffice sind viele auf den Geschmack gekommen, sich die Anreise ins Büro zu sparen, mehr Zeit zuhause und vielleicht sogar im Grünen zu verbringen und dabei auch noch Geld zu sparen.

Das "Ship to Shore"-Steakhouse in Kingston, USA | Bildquelle: ARD-Studio New York
galerie

Der Run auf Kingston lässt die Mieten deutlich steigen

In Kingston jedenfalls bietet die Ankunft der reichen New Yorker neue Chancen für das Leben der zuvor hier untergeschlüpften Künstler, Musiker und Lebenskünstler. Aber auch das Risiko, die Mieten langfristig nicht mehr bezahlen zu können. Neu-Brooklyn, so nennen bereits einige Alteinwohner ihre Stadt mit leiser Ironie. Denn dort hatte die Invasion junger gutverdienender Startups, Unternehmer und Angestellter im letzten Jahrzehnt die Preise explodieren lassen.

Eine Gentrifizierung im Turbotakt oder eine freundliche Übernahme durch die Großstädter? Das ist in Kingston noch nicht ausgemacht.

Darstellung: