Das Haus der Verlagsgruppe Bauer in Hamburg | Bildquelle: picture-alliance / dpa

Zeit des Nationalsozialismus Bauer-Verlag stellt sich der Geschichte

Stand: 15.01.2020 06:00 Uhr

Der Medienkonzern Bauer will seine Geschichte während des Nationalsozialismus aufarbeiten. Recherchen des NDR-Medienmagazins ZAPP und des "Spiegel" zeigen: Die NS-Zeit brachte einen Aufschwung.

Von Sebastian Friedrich, NDR

Er ist einer der größten Verlage der Welt: die Bauer Media Group aus Hamburg. Mehr als 600 Zeitschriften sowie 100 Radio- und Fernsehsender in 17 Ländern bringen jährlich einen Umsatz von zwei Milliarden Euro. Der Verlag kann auf eine fast 150-jährige Geschichte zurückblicken: vom kleinen mittelständischen Unternehmen zum weltweit agierenden Konzern. Eine stolze Geschichte, auf die der Verlag auch auf seiner Homepage verweist.

Doch in der Unternehmenshistorie klafft zwischen den Jahren 1926 und 1945 eine auffällige Lücke. Die Bauer Media Group hat sich bisher nicht systematisch mit der eigenen Rolle zur Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Dabei legen gemeinsame Recherchen von ZAPP und dem "Spiegel" nahe, dass sich der Verlag mit dem Naziregime arrangiert und davon profitiert hatte.

Screenshot Bauer Verlag
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In der Geschichte des Unternehmens wird die NS-Zeit bislang nicht erwähnt. Geschildert werden dort die Anfänge des Verlages.

Einfluss per Programmzeitschrift

Die für den Bauer-Verlag erfolgreichste Zeitschrift zur Zeit des Nationalsozialismus war die Radio-Programmzeitschrift "Funk-Wacht". 1930 hatte sie noch eine Auflage von 40.000 Stück, 1934 verkaufte sich die "Funk-Wacht" auch durch die Übernahme des wichtigsten Konkurrenten bereits 200.000 Mal. Drei Jahre später lag die Auflage dann bei 450.000. Damit zählte die "Funk-Wacht" zu den erfolgreichsten Rundfunkzeitschriften des Landes.

Screenshot Bauer Verlag
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Die Entwicklungen der Dreißiger- und Vierzigerjahre werden in der Firmenchronik bislang nicht thematisiert.

Für die Nazis waren Rundfunk-Zeitschriften damals ein wichtiges Instrument zur Lenkung und Beeinflussung der Bevölkerung. Das zeigt auch die Entscheidung der Nazis, schon früh den Tageszeitungen das Recht auf Abdruck des Radioprogramms zu entziehen. So blieb eine Handvoll Zeitschriften übrig, die sie kontrollieren und nutzen konnten. Wer etwas über den Rundfunk und das Programm wissen wollte, war auf die Rundfunkzeitschriften angewiesen. Davon profitierten zweifellos auch Bauer und die "Funk-Wacht".

Die Illustrierte "Funk-Wacht" aus dem Bauer Verlag
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Bereits 1933 gab es in der "Funk-Wacht" eine Geschichte, die vom Gedankengut des Nationalsozialismus geprägt war.

Ideologie im Fortsetzungsroman

Neben dem Radioprogramm fanden sich in der "Funk-Wacht" Artikel über Mode, Rätsel und Informationen zu neuester Radiotechnik. Politik spielte eine untergeordnete Rolle. Umso erstaunlicher, dass in der "Funk-Wacht" bereits im Herbst 1933 ein Fortsetzungsroman erschien, der in Diktion und Gedankengut nationalsozialistisch geprägt war. Es ging um eine Gruppe sozialdemokratischer Antifaschisten, dargestellt als korrupt und unfähig - ganz gemäß herrschender Ideologie. Am Romanende landeten diese in einem Konzentrationslager, in dem einige Mitglieder der Gruppe durch körperliche Arbeit zurück ins "wahre" nationalsozialistische Leben gebracht wurden.

Fall für Presseausschuss

Für den Medien-Historiker Karl Christian Führer wirft diese Veröffentlichung viele Fragen auf, vor allem die nach dem Anlass. "Es hätte kein Hahn danach gekräht, wenn die "Funk-Wacht" einfach einen weiteren Unterhaltungsroman publiziert hätte. Sie publizierte plötzlich einen Roman, der die Diktatur legitimiert, rechtfertigt und die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten befürwortet."

Der Roman beschäftigte nach dem Krieg auch den Hamburger Presseausschuss. Hier versuchte der Bauer-Verlag eine neue Lizenz für die "Neue Funkwacht" zu erhalten. Die Lizenz wurde unter Auflagen ausgestellt, der Roman allerdings als Anbiederung an die NSDAP und Diffamierung der demokratischen Parteien beurteilt.

Der Verleger Alfred Bauer im Jahr 1966 | Bildquelle: picture-alliance / dpa
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Welche Rolle spielte Verleger Alfred Bauer in der NS-Zeit?

Zeit des "Bereicherungswettlaufs"

Doch nicht nur das publizistische Wirken des Bauer-Verlages wirft Fragen auf. Alfred Bauer, seit 1935 neben seinem Vater Mitinhaber des Verlags, wurde 1939 Mitglied der NSDAP. Die genauen Gründe für diesen vergleichsweise späten Eintritt sind unklar. Er kaufte in den 1930er-Jahren Immobilien - insgesamt acht Stück, darunter auch mindestens zwei Immobilien von jüdischen Eigentümern. Diese erwarb er 1938, also zu einer Zeit, in der viele jüdische Eigentümer ihre Immobilien verkaufen mussten, um vor dem Nazi-Terror zu flüchten.

Für die Historikerin Jessica Erdelmann deutet vieles darauf hin, dass der Bauer-Verlag von den Bedingungen des Nationalsozialismus profitierte. Die Zeit, in der Alfred Bauer die Immobilien aus jüdischem Besitz erwarb, sei eine Zeit des "Bereicherungswettlaufs" gewesen. Von einem angemessenen Kaufpreis könne keine Rede sein. Nach dem Krieg klagten zwei ehemalige Eigentümer gegen Bauer. Der Prozess endete in einem Vergleich: Bauer zahlt.

Bauer will Historiker beauftragen

Auf Anfrage von ZAPP und "Spiegel“ äußerte sich die Bauer Media Group schriftlich und erklärte nun, das Verlagshaus könne ausschließen, dass sich heute Grundstücke oder Liegenschaften aus "Arisierung" in seinem Besitz befänden. Wörtlich heißt es: "Wir verfügen über keinerlei Dokumentation über unsere Geschichte und besitzen keine Firmenunterlagen mehr aus der Zeit des Nationalsozialismus. Wir werden noch im Laufe des Jahres 2020 einen Historiker damit beauftragen, die Geschichte und die Vorgeschichte des Bauer-Verlages zu recherchieren und mit der Öffentlichkeit zu teilen."

Damit stellt sich, 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, nun auch die Bauer Media Group ihrer Geschichte.

Über dieses Thema berichtete der NDR im Medienmagazien ZAPP am 15. Januar 2020 um 23:20 Uhr.

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