Grafitti mit einer Sprechblase "Coole Appartments" als Werbung der Immobilienfirma Adler. | imago images/Achille Abboud
Exklusiv

Wohnungskonzern Adler Offene Rechnungen in Millionenhöhe

Stand: 27.06.2022 16:24 Uhr

Der umstrittene Wohnungskonzern Adler Group ist nach Recherchen von NDR und rbb etlichen Rechnungen nicht nachgekommen. Zudem liegen zahlreiche Grundstücke des Unternehmens seit Jahren brach.

Von Julia Saldenholz, NDR

Der Immobilienkonzern Adler - nach eigenen Angaben eine der führenden Wohnungsgesellschaften in Deutschland - hat offenbar im großen Stil Rechnungen nicht bezahlt. Den Sendern NDR und rbb liegt eine Liste aus dem April 2021 vor, die Tausende offene Forderungen auflistet, denen die Adler-Tochter Consus offenbar nicht oder nicht vollständig nachgekommen ist. Damit spitzt sich die Krise um das Unternehmen weiter zu.

Einer der betroffenen Handwerker ist Edis Bibic. Er bekam einen Auftrag von Consus über 900.000 Euro und erledigte die Arbeiten ohne Beanstandungen. Bis heute schuldet ihm das Unternehmen noch 90.000 Euro. Zeitweise waren Rechnungen von mehr als 250.000 Euro offen. "Ich hatte Angst um das, was ich mir bis jetzt alles aufgebaut hatte", sagt Bibic. "Hätte ich meine Geschäftspartner nicht gehabt, mit denen ich sehr enge und freundschaftliche Beziehungen pflege, wäre ich vor die Hunde gegangen."

Bibic ist kein Einzelfall: Auf der Liste vom April 2021 ist vermerkt, welche Rechnungen Priorität haben und welche nicht. Rechtsanwalt Raphael Slowik, der einen Geschädigten vertritt, vermutet ein System dahinter: "Diese Liste folgt nicht der Regel: 'Ich muss meine Rechnungen bezahlen, wenn sie fällig sind', sondern sie folgt der Regel: 'Wir bezahlen, wenn wir Lust haben oder nicht Lust haben'". Die Adler Group äußert sich zu diesem Vorwurf nicht.

Großes Loch statt "Grand Central"

Das Geschäftsgebaren der Adler Group sorgt seit einiger Zeit für Unverständnis. Zahlreiche Grundstücke des Unternehmens liegen seit langem brach. Dabei ist die Nachfrage nach Wohnungen hoch. Am Düsseldorfer Hauptbahnhof hatte die Adler Group angekündigt, rund 900 Wohnungen bauen zu wollen. Seit 2019 liegt eine Baugenehmigung vor, doch Adler macht keine Anstalten, zu bauen. "Grand Central" nennt sich das Projekt. "Grand Hole" nennen es die Düsseldorfer. Es ist die teuerste Brache der Stadt.

Auch beim Holsten-Areal, ein Grundstück im beliebten Hamburger Stadtteil Altona, tut sich seit Jahren wenig. Die Holsten-Brauerei hatte das Grundstück 2016 verkauft. In den folgenden Jahren wechselte das Areal dann mehrmals den Besitzer. "Mit jedem Investor stiegen eher unsere Bedenken und wir merkten, wie sich die Sprache geändert hat. Der Ton änderte sich, die Schärfe änderte sich und die Anzüge wurden immer teurer", sagt Stefanie von Berg, Leiterin des Bezirks Hamburg-Altona.

Seit 2019 gehört das Grundstück bereits der Adler Group. Es steht mit 328 Millionen Euro in den Büchern des Konzerns - das ist fast fünfmal so wie viel, wie das Grundstück noch 2016 geschätzt wurde. Auf die versprochenen 1300 Wohnungen warten die Hamburgerinnen und Hamburger bisher vergeblich.

Käufer zu Nachverträgen gedrängt

Am Steglitzer Kreisel in Berlin will die Adler Group Eigentumswohnungen bauen. "Über Berlin", "Dem Himmel so nah" - mit diesen Slogans machte die Adler-Tochter Consus Werbung für das Projekt. Ein Teil der Wohnungen ist bereits verkauft. Bereits im vergangenen Jahr sollten die ersten Käuferinnen und Käufer einziehen. Doch seit Frühjahr 2020 passiert kaum noch etwas auf der Baustelle.

André Gaufer, einer der Käufer, berichtet der ARD, dass er nach dem Kauf einer Wohnung gedrängt wurde, Nachverträge zu unterzeichnen: "Da stand unter anderem drin, dass ich meinen Stellplatz nicht mehr bekomme wie gekauft, auch den Fahrradaufzug gibt es nicht mehr so wie geplant." Als er sich weigerte, drohte Adler schriftlich mit Konsequenzen. Auf Nachfrage erklärt die Adler Group, solche Nachträge seien üblich. In zwei Jahren wolle das Unternehmen die Wohnungen an die Kunden übergeben.

Wirtschaftsprüfer kündigt Zusammenarbeit

Das Unternehmen ist jedoch seit Monaten in den Schlagzeilen. Der im Zuge des Wirecard-Skandals bekannt gewordene Shortseller Fraser Perring hatte dem Unternehmen im Herbst 2021 Betrug und Bilanzfälschung vorgeworfen. Die Adler Group bestritt die Vorwürfe und beauftragte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG mit einer Untersuchung. Der im April erschienene Bericht brachte jedoch keine vollständige Entlastung.

Kurze Zeit später kündigte KPMG die Zusammenarbeit mit der Adler Group, die ihren Sitz in Luxemburg hat, auf und verweigerte die Abnahme des Jahresabschlusses. Inzwischen hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) beschlossen, den Jahresabschluss der deutschen Tochter Adler Real Estate auf Geschäfte mit nahestehenden Personen hin zu überprüfen. Wie die Anteilseigner der Adler Group reagieren, ist noch offen. Am 29. Juni ist die Hauptversammlung des börsennotierten Unternehmens.