Hans-Georg Maaßen tritt am 29. August 2019 bei der WerteUnion in Hoppegarten auf | Bildquelle: dpa

Datenanalyse zur Werteunion Viel Applaus von ganz rechts

Stand: 17.02.2020 13:44 Uhr

Wie hält es die Werteunion mit der AfD? Diese Frage wird zurzeit intensiv diskutiert. Eine Datenanalyse auf Twitter zeigt eine große Zustimmung für die Werteunion von ganz rechts.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Am 9. Februar twitterte der ehemalige Direktor des Bundesamts für Verfassungsschutz unter Bezugnahme auf einen Zeitungsartikel, Merkel habe nach der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen gedroht, sämtliche Koalitionen auf Landesebene mit der FDP zu beenden. Mehr als 2000 Profile teilten diesen Tweet von Hans-Georg Maaßen. Im deutschsprachigen Raum ist das eine beachtliche Anzahl.

Unter diesen Accounts sind diverse Nutzer, die sich selbst als Anhänger der AfD oder der rechtsradikalen "Identitären Bewegung" bezeichnen. Auch andere Tweets von Maaßen werden von AfD-Politikern weiterverbreitet - oder von anonymen Konten, die ansonsten äußerst aktiv rechte Blogs und Publizisten teilen. Bekannte CDU-Politiker finden sich hingegen kaum.

Schnittmenge zu Höcke-Anhängern

Der Analyst Philip Kreißel wertete für tagesschau.de wichtige Twitter-Konten von CDU und FDP in Thüringen sowie der Werteunion aus und stellte fest, von wem die jeweiligen Tweets weiterverbreitet wurden. Dann prüfte er, wie viele der mehr als 400.000 Retweets von Konten stammen, die ebenfalls Beiträge des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke teilten.

Die Auswertung zeigt: Von den Profilen, die Tweets der CDU-Fraktion Thüringen teilten, verbreiteten 17 Prozent auch Inhalte von Höcke. Bei der SPD-Fraktion liegt diese Schnittmenge bei lediglich 1,5 Prozent, beim CDU-Landesverband Thüringen bei gut fünf Prozent, bei dem FDP-Politiker Thomas Kemmerich und dem CDU-Politiker Mike Mohring jeweils bei knapp neun Prozent.

Deutlich höhere Überschneidungen gibt es bei Vertretern der Werteunion: 42 Prozent der Retweets von Inhalten des bisherigen Sprechers Ralf Höcker sowie 56 Prozent der Retweets bei Maaßen stammen von Profilen, die auch Inhalte von Höcke teilten. Bei dem rechtsradikalen Aktivisten Martin Sellner liegt diese Übereinstimmung bei 65 Prozent, bei Alice Weidel bei 77 Prozent.

ProfilÜberschneidung mit Höcke-Tweets
SPD-Fraktion Thüringen1,5 Prozent
Mike Mohring8,8 Prozent
Thomas Kemmerich8,8 Prozent
Friedrich Merz18 Prozent
Ralf Höcker42 Prozent
Hans-Georg Maaßen55 Prozent
Martin Sellner65 Prozent
Alice Weidel77 Prozent

Kaum Überschneidungen bei Ramelow-Tweets

Datenspezialist Kreißel überprüfte zudem, welche Überschneidungen es zum bisherigen Ministerpräsidenten Thüringens, Bodo Ramelow, gab. Das Ergebnis: Drei Prozent der Retweets bei Maaßen stammen von Nutzern, die auch Beiträge des Politikers der Linkspartei verbreiteten. Bei der CDU- bzw. FDP-Fraktion Thüringen liegt dieser Wert bei acht bzw. 17 Prozent, bei CDU-Politiker Mohring bei zwölf Prozent.

Zudem wurden als weitere Vergleichsgröße die Retweets des CDU-Politikers Ruprecht Polenz ausgewertet. Polenz ist bei Twitter sehr aktiv und positioniert sich deutlich gegen Werteunion und AfD. Bei Maaßen stammen knapp 16 Prozent der Retweets von Profilen, die ebenfalls Inhalte von Polenz teilten - also deutlich weniger als die 55 Prozent, die Tweets von Höcke teilten.

Bei Mohring liegt der Wert bezogen auf Polenz bei gut 28, bei Paul Ziemiak bei knapp 27 und beim CDU-Landesverband Thüringen bei knapp 23 Prozent. Bei Weidel gibt es eine Überschneidung von acht, bei Martin Sellner von knapp elf Prozent.

Überschneidung mit rechten Retweets

Setzt man die verschiedenen Werte in Relation zueinander, lässt sich eine Skala errechnen, die von -1 bis +1 reicht. Je niedriger der Wert, desto größer ist die Überschneidung der Retweets von Konten, die auch Inhalte von AfD-Rechtsaußen Höcke teilen.

Auf diese Skala bezogen zeigt sich bei Ex-Verfassungsschutzchef Maaßen eine größere Überschneidung mit Höcke als mit Konten von CDU und FDP.

Wert von -1Wert von +1Wert für Maaßen
HöckeThomas Kemmerich-0,68
HöckeMike Mohring-0,66
HöckeJens Spahn-0,35
HöckePaul Ziemiak-0,22
HöckeFriedrich Merz-0,1
HöckeAlice Weidel0,14

Analysen stimmen überein

Im August waren Analysten bereits zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Sie hatten festgestellt, dass Ex-Verfassungsschutzchef Maaßen auf Twitter eine rechte bis rechtsextreme Followerschaft hat, die fast nie Accounts aus der CDU retweetet.

Andere Analysen und Studien zeigten zudem, dass es eine überschaubare Zahl von äußerst aktiven Konten gibt, die einen relevanten Anteil der Interaktionen in politischen Online-Debatten generieren. Einer Untersuchung der TU München zufolge waren gerade einmal fünf Prozent der Nutzer für mehr als ein Viertel aller Kommentare verantwortlich.

Eine andere Analyse belegte ebenfalls, dass in den Netzwerken eine lautstarke Minderheit agiert. IT-Experte Kreißel hatte in Kooperation mit dem "Institute for Strategic Dialogue" in London Hunderte Diskussionen auf Facebook zu Beiträgen von großen Medien ausgewertet. Ergebnis: Lediglich fünf Prozent der Accounts waren für 50 Prozent der Likes bei Hass-Kommentaren verantwortlich.

Verzerrtes Meinungsbild

Diese äußerst aktive Minderheit kann Stimmungsbilder stark verzerren und eine große Zustimmung simulieren. So erhalten Maaßen und andere Vertreter der Werteunion bei Twitter offenkundig viel Zuspruch von sehr rechten Profilen. Diese teilen mutmaßlich besonders polarisierende Tweets, die somit scheinbar auf eine große Zustimmung stoßen.

Diese scheinbare Popularität kommt aber offenbar zu einem relevanten Anteil aus einem bestimmten politischen Milieu, das sehr zugespitzte Rhetorik honoriert. So könnte bei den Absendern der Eindruck entstehen, besonders radikale Äußerungen würden besonders viel Zustimmung in der Bevölkerung stoßen. Doch Interaktionen in sozialen Medien sind nicht repräsentativ, sondern können durch Gruppen von hyperaktiven Profilen leicht verzerrt werden.

Methodik der Datenanalyse

Für die Datenanalyse wurden für die untersuchten Politiker jeweils maximal die letzten 3200 Tweets heruntergeladen. Davon wurden in der Analyse allerdings nur selbst verfasste Tweets berücksichtigt, also keine Retweets.

Von diesen Original-Tweets der Politiker wurden wiederum insgesamt 412.000 Retweets von 44.000 Accounts analysiert. Hier wurden nur Retweets analysiert und keine "Quotes". Allerdings werden pro Tweet wegen Beschränkungen der Twitter-Schnittstelle lediglich maximal 100 Retweets erfasst. Allerdings weisen 61 Prozent aller erfassten Inhalte weniger als 100 Retweets auf. Da außerdem für jeden Account mehrere Dutzend bis Hunderte Tweets analysiert wurden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die allermeisten Mitglieder der jeweiligen Community erfasst wurden.

Insgesamt unterschätzt die Analyse aber die gemeinsame Community von zwei Politikern etwas. Grundsätzlich sind Twitter-Metriken immer verzerrt und spiegeln nie eine repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung wider.

Darstellung: