Eine unbenutzte Schaukel ist auf einem Spielplatz zu sehen. | picture alliance / dpa
Exklusiv

Vorwürfe gegen Kinderpsychiater Das System Winterhoff läuft weiter

Stand: 01.09.2021 19:00 Uhr

Trotz massiver Kritik an den Behandlungsmethoden von Michael Winterhoff arbeiten mehrere Jugendhilfe-Einrichtungen weiterhin mit dem Bonner Kinderpsychiater zusammen. Ministerien und Behörden scheinen es mit der Aufklärung des Skandals nicht eilig zu haben.

Von Nicole Rosenbach, WDR

Die HPW Dierdorf, eine Jugendhilfe-Einrichtung im Westerwald, präsentiert sich als heile, bunte Welt mit einem blauen, roten und grünen Haus. Die Wohngruppen in Dierdorf zählen zu den 20 bis 30 Jugendhilfe-Einrichtungen, die seit Jahren mit Michael Winterhoff zusammenarbeiten. Der bekannte Bonner Kinder- und Jugendpsychiater hat nach Recherchen von WDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) seinen jungen Patienten und Patientinnen in der Fachwelt höchst umstrittene Diagnosen ausgestellt und sie dann mit Medikamenten behandelt.

Dutzende ehemalige Patienten und Patientinnen berichten, er habe ihnen das Neuroleptikum Pipamperon schon im Kindesalter verschrieben. Sie hätten das Mittel jahrelang einnehmen müssen. Laut Herstellerangaben wirkt es sedierend und kann schwerste Nebenwirkungen hervorrufen.

Nach Bekanntwerden seiner Behandlungsmethoden kündigten einige Jugendämter, Einrichtungen und Jugendhilfeträger an, die Vorwürfe gegen Winterhoff zu prüfen. Andere teilten mit, die Zusammenarbeit mit ihm zu beenden. Die HPW Dierdorf äußerte sich zunächst nicht.

Medikamente werden immer noch verabreicht

Nach Informationen von WDR und SZ gibt es in der Einrichtung immer noch Listen mit den Namen der Kinder und Jugendlichen und verschiedenen Medikamenten, die sie täglich erhalten. Neben allen aufgeführten Namen findet sich das Medikament Pipamperon, dazu die jeweilige Dosis. Die Kinder und Jugendlichen bekommen das Mittel offenbar dreimal täglich, je eine oder anderthalb Tabletten oder fünf bis zehn Milliliter Saft.

Ein Vater, dessen Kind seit Jahren in der Einrichtung lebt, wandte sich an die Leiterin, als er aus den Medien vom Fall Winterhoff erfuhr. Auf Nachfrage äußert die Einrichtung nun, man nehme die Vorwürfe gegen Winterhoff "sehr ernst". Das Wohl "der uns anvertrauten Kinder" stehe an erster Stelle. Auf die Medikation der Kinder habe man keinen Einfluss, darüber entschieden die Sorgeberechtigten "im Dialog mit entsprechenden Fachärzten".

Eltern und Sorgeberechtigte der Kinder aus der Einrichtung erhielten am Montagabend eine Nachricht von der Leiterin: Eine Medikamentenliste habe "auf uns noch unbekanntem Weg" die Einrichtung verlassen. Ein Anwalt werde sich um die Angelegenheit kümmern "und, wenn nötig, zur Strafanzeige zu bringen".

Einrichtungen halten an Kooperation fest

Auch andere Einrichtungen stellen sich hinter den Bonner Kinderpsychiater und wollen offenbar an der langjährigen Kooperation festhalten - so wie der Kleine Muck e.V. in Bonn, der die Anbindung zur Praxis Winterhoff bis heute aufrechterhält.

Der Kinderhof Campemoor, eine Einrichtung nahe Osnabrück, schrieb die Eltern und Sorgeberechtigten in Sachen Winterhoff vor einigen Tagen an. Dieses Schreiben schickte ein besorgter Vater dem WDR. Darin heißt es: Man arbeite seit vielen Jahren intensiv und "wie wir meinen oft mit gutem Erfolg" mit dem Arzt zusammen. Bei vielen Kindern und Jugendlichen stehe das Erscheinungsbild einer Fixierung im frühkindlichen Narzissmus im Vordergrund, "das Dr. Winterhoff in seinen Büchern ausführlich beschrieben hat".

Es handle sich dabei um eine "Durchgangsphase der psycho-sexuellen Entwicklung im zweiten Lebensjahr". Wenn das Kind auf dieser Stufe stehen bleibe, komme es zu einer Entwicklungsstörung. In den meisten dieser Fälle setze Winterhoff Pipamperon ein. Das Mittel verbessere "zum Teil deutlich spürbar die emotionale Erreichbarkeit" der Kinder und Jugendlichen.

Tablettendosierer mit Pipamperon | Sendungsbild WDR

Das Medikament Pipamperon kann schwere Nebenwirkungen hervorrufen. Bild: Sendungsbild WDR

Berufsverband widerspricht Winterhoff

Dies entspricht der Argumentation Winterhoffs. Er behauptet, die Gabe des Medikaments sei häufig die Voraussetzung für eine heilpädagogische Behandlung gewesen. Der Berufs- und Fachverband Heilpädagogik (BHP) hat dieser Auffassung widersprochen. Heilpädagogische Handlungskonzepte basierten "auf einer Vielzahl bindungs- und beziehungsgestützter, ressourcen- und teilhabeorientierter Handlungsansätze und nicht auf dem Einsatz bestimmter Psychopharmaka", teilte der Verband mit.

Der Kinderhof Campemoor wiederholt in seinem Schreiben an die Eltern auch Winterhoffs Aussage, es gehe bei der Gabe von Pipamperon keinesfalls darum, die Kinder zu sedieren. Auch dazu gibt es deutlichen Widerspruch aus der Fachwelt. Renate Schepker, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, sagte, in diesem Fall hätte Winterhoff das Mittel in wesentlich geringeren Dosen verschreiben müssen - und zeitlich begrenzt, nicht jahrelang, wie er das getan habe. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie werde das Medikament heute nur in Notfällen verwendet, etwa bei heftigen Wutanfällen.

Untätigkeit in Behörden

Begünstigt wird die Unterstützung von Winterhoff durch manche Einrichtungen durch die relative Untätigkeit der verantwortlichen Behörden und Ministerien. Bei der Staatsanwaltschaft Bonn liegen mehrere Strafanzeigen gegen Winterhoff vor. Bisher werden sie nur geprüft, sagt ein Sprecher. Der Aktenstapel dürfte in den kommenden Tagen anwachsen: Weitere Betroffene haben Anwälte beauftragt, gegen Winterhoff und mit ihm kooperierende Einrichtungen vorzugehen.

Das für den Kinderschutz verantwortliche Familienministerium von Nordrhein-Westfalen forderte kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe ehemaliger Patienten und Patientinnen Winterhoffs eine umfassende und lückenlose Aufklärung. Heimkinder benötigten schließlich "besonderen Schutz". Drei Wochen später hat sich das Ministerium noch immer nicht durchgerungen, die Untersuchung selbst in die Hand zu nehmen. Man werte gerade Berichte der zuständigen Landesjugendämter aus, teilt ein Sprecher mit.

Ministerium sieht keine Gefährdung

Das Familienministerium von Rheinland Pfalz, in dessen Einzugsbereich die HPW Dierdorf fällt, gibt an, Heime und Einrichtungen würden zur Kooperation mit Winterhoff abgefragt. Die Rückmeldungen lägen aber "noch nicht abschließend vor". Eine akute Kindeswohlgefährdung sieht man hier offenbar nicht.

Gleichzeitig melden sich beim WDR betroffene Familien, Therapeuten und Erzieherinnen und bestätigen, dass nach wie vor Kinder und Jugendliche in Einrichtungen von Michael Winterhoff mit Pipamperon behandelt werden. Die Ärztekammer Nordrhein, die von einzelnen Betroffenen schon vor den Veröffentlichungen in ARD und SZ über die Missstände informiert worden war, hat erst jetzt - drei Monate nach der Beschwerde einer ehemaligen Patientin von Winterhoff - um die Zusendung ihrer Patientenakte gebeten.