Eine Person wird einen Tag nach der Zerschlagung einer rechten Terrorzelle von Polizisten zum Bundesgerichtshof gebracht. | Bildquelle: dpa

Rechtsextremer Werner S. Vom Trödelhändler zum Terroristen?

Stand: 15.11.2020 18:00 Uhr

Gegenüber seiner mutmaßlichen Terrorgruppe soll Werner S. mit Militärerfahrung und Verbindungen zu Milizen in Italien angegeben haben. Doch er hat nie gedient, in Italien hatte er lediglich ein Ferienhaus.

Von Arne Hell und Lena Kampf, WDR

Folgt man dem, was sich die Männer über Werner S. erzählen, muss dieser Mann eine echte Lichtgestalt sein. Wenn er sprach, sollen sie ihm zu Füßen gelegen und an seinen Lippen gehangen haben. Einer will geradezu "beflügelt" von ihm gewesen sein, nachdem S. ihm bei einer Spendenaktion für einen erkrankten Freund geholfen haben soll und huldigte ihm im Chat. Ein anderer sagte, er sei bereit, sich für Werner S. und den Kampf gegen das System zu opfern. Man habe ihm seine militärische Ausbildung angemerkt, er sei ein Macher, der Chef, der Denker und Lenker. Absolut klar und berechnend - für die Männer war Werner S. scheinbar der geborene Anführer.

Auch Ermittler, die sich nun seit Monaten mit der nach Werner S. benannten mutmaßlichen Terrorvereinigung "Gruppe S", beschäftigen, erkennen an, dass Werner S. eine beeindruckende Persönlichkeit hat: ein Menschenfänger. Gerade deswegen halten sie ihn für hochgefährlich.

Aus ihrer Sicht wollte er seine Gefolgsleute zu Anschlägen auf Moscheen, Geflüchtete und Politiker motivieren - mit Angriffen als Einzeltäter oder in kleinen Einheiten, um eine möglichst große Zahl von Menschen zu töten oder zu verletzen. Der Generalbundesanwalt hat nun gegen S. und elf weitere Männer wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung vorgelegt. Was sich von den Vorwürfen bewahrheitet, muss erst ein Prozess zeigen.

"Worthülsen" und "Kneipenangebereien"

Die Ermittler, ebenso wie seine Männer, trauten Werner S. offenbar Schrecklichstes zu. Er selbst jedoch lässt durch seinen Anwalt, den Strafverteidiger Werner Siebers aus Braunschweig, mitteilen, dass es sich bei den Ankündigungen um "Worthülsen auf der Ebene von Kneipenangebereien" handelte. Man habe sich nicht zu Anschlägen zusammengeschlossen, "aus dem zusammengewürfelten Haufen gescheiterter Existenzen hat sich niemand zu etwas verpflichtet."

Das sehen die Ankläger der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe anders, weswegen sich Werner S. im kommenden Jahr vor dem Oberlandesgericht Stuttgart verantworten muss. Werner S. sehen sie als Rädelsführer. Wer sich mit dem bürgerlichen Leben des Werner S. beschäftigt, muss jedoch feststellen, dass es mit dem Bild des großen Anführers, das seine Gefolgsleute offenbar von ihm hatten, wenig gemein hat. Das zeigen Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung".

Lebenslügen am Rande der Gesellschaft

Werner S., 54, wohnte bis zu seiner Festnahme am 14. Februar 2020 in einem kleinen Ort in der Nähe von Augsburg. In einer WG mit seiner Ex-Freundin und deren neuen Mann. Für seine Ex-Freundin verkaufte er Kronleuchter auf Ebay, ansonsten bezog er Sozialhilfe. Beruflich erfolgreich scheint er nur als Barmann gewesen zu sein, daneben kann er noch ein beachtliches Vorstrafenregister vorweisen: Betrug, Erpressung und Missbrauch von Titeln sind darunter. Selbst sein Abiturzeugnis soll gefälscht sein.

Während man sich unter den Rechtsextremisten bewundernd über Werner S. erzählte, er habe seine Hunde darauf abgerichtet, auf den Befehl "schwarz" nicht-weiße Menschen zu stellen, soll sich seine Ex-Freundin darüber beklagt haben, dass S. ihre Hunde zu sehr verwöhnte. Er sei nicht im Stande gewesen, die Hunde zu dressieren, er habe ihnen viel zu viele Leckerlis gegeben und sie auch noch mit ins Bett genommen.

Italienisches Ferienhaus statt Miliz

Ein anderer Mythos, den Werner S. offenbar gerne erzählte, waren seine Verbindungen nach Italien. Er trat unter dem Alias "Giovanni Teutonico" auf und es hieß, er spräche fließend Italienisch. Außerdem soll er behauptet haben, zu einer angeblichen italienischen Miliz mit mehr als 100 Mann zu gehören, die jederzeit bereit stünde. "Bin jeden Monat in Italien, da wird schon aufgeräumt, hartes Brot, aber erfolgreich", soll er einmal gesagt haben.

Die Ermittler jedoch schließen aus, dass es diese Miliz gegeben hat. Sie halten sie für ein Hirngespinst von Werner S. Selbst sein Anwalt räumt ein, dass sein Mandant kein Wort Italienisch spreche. Lediglich ein renovierungsbedürftiges Ferienhaus in Ligurien hatte er gerade gekauft - vom Geld seiner Lebensgefährtin, die ihm einen Privatkredit gab.

Auch von einer angeblichen militärischen Ausbildung bleibt nach den Ermittlungen offenbar wenig übrig, die Bundeswehr kennt keinen Werner S. - seine angeblichen Verbindungen zu Fremdenlegionären, Ex-Soldaten oder Ex-Polizisten, die zu den von ihm organisierten Treffen dazukommen sollten, schrumpften über die Dauer der Ermittlungen. Einer seiner Mitstreiter, von dem es hieß, er könne Schutzwesten, vielleicht sogar Waffen aus Bundeswehrbeständen besorgen, hat lediglich einen Stiefsohn bei den Fallschirmjägern ohne Zugang zu Lagerbeständen.

Gefährlich trotz Lügen und Angebrei

Dass Menschen sich möglicherweise mit "Lügen und Aufschneidertum" größer machen, als sie eigentlich wären, sei ihm in seiner Forschung über rechte Gruppen schon viel begegnet, sagt der Rechtsextremismusforscher Matthias Quent, Leiter des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena. Das sei kein Ausschlusskriterium dafür, dass etwas ernst gemeint sein könne, sagt er.

Im Gegenteil: "Wir haben es dabei mit Polarisierungseffekten zu tun. Das heißt, dass diejenigen, die besonders extrem, besonders entschlossen wirken, neue Normen setzen können, selbst wenn es gelogen oder gar nicht realisierbar ist." Daraus erwüchsen Erwartungen und Radikalisierungsdynamiken. "Aus solchen kollektiven Wahnvorstellungen kann der Druck entstehen, Dinge wirklich tun zu müssen, an die man glaubt", sagt Quent.

Wie viel war tatsächlich nur Angeberei?

Der Verteidiger von Werner S. kommt gegenüber WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" zu einer anderen Bewertung: "Angefangen beim Namen der Gruppe, den die Ermittler vergeben haben, wird meinem Mandanten hier eine Rolle zugeschrieben, die er so nicht eingenommen hat", sagt Werner Siebers. Sein Mandant sei vielmehr ein "Mitläufer" gewesen als ein Anführer. "Selbstverständlich ist es für die Mitangeschuldigten nun sehr einfach, alles mögliche bei ihm abladen zu können, um ihre eigene Rolle herunterzuspielen."

Der Grat zwischen Angeberei und echter Gefahr ist oft dünn, in dem Moment aber, wo die Großsprecher konkret von Bewaffnung sprechen, ist Eile geboten. So wie bei der Gruppe S. Als Werner S. bei einem Treffen mit seinen Männern in Minden bei Detmold Anfang Februar über Anschläge auf Moscheen gesprochen haben soll und die anwesenden Männer versprochen haben sollen, jeweils 5000 Euro zu geben, um sich Waffen in Tschechien zu besorgen, griffen die Ermittler zu.

Als sie bei Werner S. durchsuchten, fanden sie unter anderem eine scharfe Waffe. Der sonst so wortgewandte Werner S. konnte nicht erklären, woher sie stammte. In der Untersuchungshaft schweigt er.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 12. November 2020 um 14:10 Uhr.

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