Schwerbewaffnete Polizisten in der Wiener Innenstadt   | AP

Terroranschlag von Wien Mitwisser in Deutschland?

Stand: 07.07.2021 12:08 Uhr

Zwei Islamisten aus Osnabrück und Kassel sollen möglicherweise vom geplanten Anschlag in Wien gewusst haben. Der Generalbundesanwalt hat ihre Wohnungen erneut durchsuchen lassen. 

Von Florian Flade, WDR

Es war gegen kurz vor 20 Uhr am 02. November 2020, dem Abend vor dem Lockdown, als Kujtim F. in der Wiener Innenstadt das Feuer eröffnete. Mit einem Sturmgewehr und einer Pistole schoss der 20-jährige Islamist auf Menschen, die sich gerade in dem beliebten Ausgehviertel der österreichischen Hauptstadt, dem sogenannten "Bermudadreieck", aufhielten. Vier Menschen wurden getötet und mehr als zwanzig teils schwer verletzt. Ein Spezialeinsatzkommando der österreichischen Polizei erschoss schließlich den Attentäter, einen Anhänger der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS).

Florian Flade

Noch vor Beginn des Attentats von Wien sollen zwei Islamisten in Deutschland damit begonnen haben, ihre Kommunikation mit dem späteren Attentäter auf ihren Handys und Social-Media-Profilen zu löschen - so jedenfalls die Erkenntnisse des Bundeskriminalamtes (BKA). Die Männer stehen deshalb im Verdacht, nicht nur Freunde des Wien-Attentäters zu sein, sondern möglicherweise auch Mitwisser.

Durchsuchungen in Osnabrück und Kassel

Am Mittwochmorgen ließ der Generalbundesanwalt daher die Wohnungen der beiden Islamisten in Osnabrück und Kassel erneut durchsuchen. Es handelt sich um einen Deutschen und einen Kosovaren. Der Vorwurf gegen sie lautet: Nichtanzeige geplanter Straftaten. Die Beschuldigten hätten möglicherweise davon gewusst, dass Kujtim F. einen Anschlag plante und hätten dies nicht angezeigt, sondern seine Tat "billigend in Kauf genommen", so der Generalbundesanwalt. Beide "verfolgen ebenfalls eine radikal-islamische Gesinnung und standen schon geraume Zeit vor der Tat über soziale Medien in engem Kontakt mit Kujtim F.". Später hätten sie versucht, eine Verbindung zu ihm zu verschleiern. 

Schon kurz nach dem Attentat in Wien hatte es auch hierzulande Razzien bei Kontaktpersonen von Kujtim F. gegeben, es waren Telefone und andere Datenträger beschlagnahmt worden. Und die Islamisten wurden auch weiterhin vom BKA und dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) überwacht. Der Verdacht des BKA: Beide Extremisten, die in verdächtiger Weise ihre Kommunikation mit dem Wien-Attentäter gelöscht hatten, waren möglicherweise in dessen Anschlagsplanung eingeweiht.

Kurz nachdem der Wiener Islamist das später eingesetzte Sturmgewehr erworben hatte, sollen die Islamisten aus Deutschland im Juli 2020 für mehrere Tage nach Wien gereist sein. Dabei sollen sie auch in der Wohnung des späteren Attentäters übernachtet und sich mit weiteren Extremisten aus Österreich und der Schweiz getroffen haben. Diese Zusammenkunft wurde damals nach einem Hinweis der deutschen Sicherheitsbehörden zeitweise vom österreichischen Verfassungsschutz überwacht.

DNA-Spuren auf Tatwaffen

Nur wenige Tage nach dem Islamisten-Treffen in Wien hatte die österreichischen Behörden ein wichtiger Hinweis aus der Slowakei erreicht. Der spätere Attentäter und eine weitere Person sollen in einem Waffengeschäft in Bratislava versucht haben, Munition zu erwerben. Die Information wurde allerdings in Österreich nicht an die zuständigen Stellen weitergeleitet.

Wie inzwischen ermittelt werden konnte, soll auf den Waffen, die bei dem Anschlag benutzt wurden, die DNA von einigen Islamisten, die bei dem Treffen in Wien im Juli 2020 dabei waren, gefunden worden sein - ebenso auf einem Siegelring der IS-Terrormiliz, den der Attentäter während der Tat trug. Die Ermittler gehen daher davon aus, dass einige Personen zumindest frühzeitig vom Waffenbesitz des Islamisten wussten und möglicherweise auch, dass dieser einen Anschlag plante.

In Deutschland stehen die Kontaktpersonen von Kujtim F., darunter auch der Deutsche und der Kosovare, bei denen am Mittwoch durchsucht wurde, schon länger im Fokus der Behörden. Im BKA wurde vor mehr als einem Jahr ein Gefahrenabwehrvorgang namens "Metapher" eingeleitet, um ein mögliches terroristischen Netzwerk aufzuklären, dass sich über Deutschland, Österreich, die Schweiz und einige Staaten des West-Balkan erstrecken soll. "Löwen des Balkan" wird dieses Netzwerk genannt, zu dem auch der Wien-Attentäter gehört haben soll. 

Die Ermittler gehen davon aus, dass sich dabei vor allem junge Islamisten vernetzt haben, die mehrheitlich nicht in Syrien oder dem Irak gekämpft haben, aber dennoch der Ideologie des IS anhängen. Es handele sich um eine "neue Generation" von Dschihadisten, die teils über enge familiäre Verbindungen auf den Balkan verfügen und über Chatgruppen mit dortigen islamistischen Akteuren vernetzt seien, heißt es in Sicherheitskreisen. Radikalislamische Prediger und auch zurückgekehrte Syrien-Kämpfer stünden im Verdacht, das Netzwerk maßgeblich zu steuern.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. Juli 2021 um 12:23 Uhr.