Polizeibeamte untersuchen den Tatort in Berlin-Moabit. | Bildquelle: REUTERS

Mord in Berlin-Moabit War es Moskau?

Stand: 12.09.2019 18:00 Uhr

Beim Mord in Berlin an einem Tschetschenen aus Georgien sieht die US-Regierung Russland als Auftraggeber. Deutsche Sicherheitsbehörden sind da vorsichtiger. Die Bundesregierung ist allerdings sehr besorgt.

Von Florian Flade, WDR und Georg Mascolo, WDR/NDR

Der Mann, der angeblich Vadim Sokolov heißt, hatte sich gerade noch den Bart abrasiert und seine Klamotten gewechselt, bevor ihn die Polizisten festnahmen. Nur den Oberlippenbart hatte er stehen lassen, dann soll er einen Elektrorasierer und eine Perücke in der Spree versenkt haben. Genau wie sein Fahrrad - und eine Pistole: Eine Glock 26, Kaliber 9mm, mit Schalldämpfer. 

Vadim Sokolov soll einen Mord begangen haben. Am 23. August gegen 11.55 Uhr, so berichteten Zeugen der Polizei, habe er sich auf einem Fahrrad einem Mann im Kleinen Tiergarten im Berliner Stadtteil Moabit genähert und ihn aus kurzer Distanz mit mehreren Schüssen in den Kopf getötet. Das Opfer war Zelimkhan Khangoshvili, ein Georgier aus der sunnitischen Minderheit der Kisten, die mit der Volksgruppe der Tschetschenen eng verwandt sind. Er lebte als Asylbewerber in Deutschland und hatte Anfang der 2000er-Jahre im Kaukasus gegen das russische Militär gekämpft. In seiner Heimat galt Khangoshvili als Volksheld, in Russland hingegen als Terrorist und Staatsfeind. 

Mutmaßlicher Täter schweigt

Khangoshvilis mutmaßlicher Mörder sitzt seit fast drei Wochen in Berlin in Untersuchungshaft - und schweigt. Und die Ermittler rätseln: Wer ist der Täter? Und wer hat ihn auf seine tödliche Mission nach Deutschland geschickt? Ist möglicherweise der russische Geheimdienst involviert? War es gar eine Hinrichtung im Auftrag des Kreml? 

Diese Fragen beschäftigt derzeit nicht nur die 7. Mordkommission des Berliner Landeskriminalamtes (LKA), das die Ermittlungen führt - auch im Kanzleramt, bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, im Auswärtigen Amt und bei den deutschen Geheimdiensten wird der Mordfall mit größter Priorität beobachtet. Denn er könnte weitreichende Konsequenzen haben.

Immer klarer wird: Die Tat könnte ein Auftragsmord sein, es werden mögliche Hintermänner gesucht. Der Verhaftete gibt den Ermittlern indes weiter Rätsel auf. Es ist ein kräftiger Mann mit Glatze, 1,76m groß, fast 90 Kilogramm schwer, mit auffälligen Tätowierungen: Eine Schlange, eine Krone und eine Raubkatze prangen auf seinen Armen. Sein russischer Pass ist ausgestellt auf den Namen "Vadim Andreevich Sokolov", geboren 1970 im sibirischen Irkutsk - die Ermittler gehen inzwischen davon aus, dass es sich um eine falsche Identität und ein speziell angefertigtes Ausweisdokument handelt.

Hinweis auf wahre Identität

Nach Informationen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" erhielt der Bundesnachrichtendienst (BND) vor kurzem den Hinweis eines ausländischen Dienstes auf die wahre Identität des Mannes, der sich Vadim Sokolov nennt. Inzwischen geht man auch Informationen nach, wonach der Tatverdächtige bereits wegen Auftragsmordes in einem russischen Gefängnis gesessen haben soll. 

Wie das "Wall Street Journal" jüngst meldete, soll die US-Regierung indes der Meinung sein, dass der Attentäter von russischen staatlichen Stellen mit einem Pass ausgestattet worden sei. Auch der Mord selbst solle von Russland angeordnet worden sein. 

Beunruhigung im Kanzleramt

Die Bundesregierung wiederum demonstriert nach außen Gelassenheit, man wolle keine vorschnellen Schlüsse ziehen. Zu hoch sei die politische Brisanz des Falls. Es sei Sache der Justiz und der Berliner Polizei aufzuklären, wer hinter dem Mord steckt, heißt es. Tatsächlich hat der Fall allerdings bis hinauf ins Kanzleramt höchste Beunruhigung ausgelöst. Sollte ein russischer Geheimdienst und der Kreml hinter der Hinrichtung stecken "werden wir sehr, sehr hart reagieren müssen", so ein Regierungsmitglied gegenüber NDR, WDR und SZ.

Andererseits ist man sowohl im Auswärtigen Amt als auch beim BND der Auffassung, dass Moskau derzeit wohl kaum an einer Eskalation interessiert sein dürfte. Aktuell sei eher Entspannung angesagt. Die Lockerung der Russland-Sanktionen stehe im Raum. Ebenso die Erweiterung der G7 auf G8-Treffen. Kürzlich erst gab es einen Gefangenenaustausch zwischen Russland und der Ukraine. Würde Moskau all das tatsächlich durch die Ermordung eines ehemaligen Rebellenkommandeurs im deutschen Exil gefährden? Auf der anderen Seite, so heißt es, habe nicht zuletzt der Fall Skripal gezeigt, dass Russland wenig Skrupel habe, auch im Ausland Attentate zu begehen. 

Staatlicher Auftrag oder organisierte Kriminalität?

Dass der Mörder von Zelikham Khangoshvili von einem russischen Geheimdienst instruiert worden ist, ist aus Sicht deutscher Sicherheitsbehörden längst nicht das einzig denkbare Szenario: Nicht nur staatliche Stellen könnten Auftragsmörder anheuern, auch die organisierte Kriminalität könne das.  

Ein verfälschter Pass, wie ihn Vadim Sokolov offenbar besaß, könnte auch anders beschafft worden sein. Der Schwarzmarkt für solche Dokumente, so sagen deutsche Geheimdienstler, sei nahezu unüberschaubar. Möglicherweise, so eine These der Ermittler, wisse nicht einmal der mutmaßliche Täter selbst, wer ihn beauftragt habe. Vielleicht sei er über Mittelsmänner angeleitet worden. Eine "Firewall", so nennt es ein Ermittler.

Auffällig allerdings ist: Vadim Sokolov hatte sich wohl zielstrebig durch Europa bewegt. Ende Juli beantragte er in der französischen Botschaft in Moskau ein Visum für den Schengenraum und gab dabei eine falsche Adresse in Sankt Petersburg an. Dann flog er nach Paris und reiste anschließend offenbar weiter – nicht direkt nach Berlin, sondern zunächst wohl nach Polen. Auch nach der Tat wollte der Verhaftete offenbar wieder nach Warschau reisen, so soll er es der Polizei gesagt haben, bevor er schwieg.

Bis zu 40 Ermittler stehen bereit

In Berlin verwendete Vadim Sokolov, bei dem mehr als 3500 Euro in bar gefunden wurden, offenbar ungewöhnliche Fluchtmittel: Das Fahrrad, das er nach der Tat in die Spree geworfen haben soll, war ein Mountainbike der Marke Commencal aus dem Fürstentum Andorra. Ein solches Rad kostet leicht mehrere tausend Euro. Interessant ist auch der E-Scooter, den Sokolov wohl für die weitere Flucht verwenden wollte. Es ist kein Leihgerät, wie sie derzeit in Berlin zum Straßenbild gehören, sondern ein privates Gefährt: VOLTeBoard, Modell M400 Pro. Kostenpunkt: Rund 400 Euro.

Aus Ermittlerkreisen heißt es, es gelte als unwahrscheinlich, dass der Tatverdächtige komplett alleine agiert habe. Er habe sein Opfer wohl kaum innerhalb weniger Tage so gründlich auskundschaften können - vielleicht habe man ihm sogar die Tatwaffe, das Fahrrad und den Roller erst kurz vor dem Mord zur Verfügung gestellt. 

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe lässt sich derweil fortlaufend über den Ermittlungsstand in Berlin informieren. Noch wird der Fall als gewöhnlicher Mord behandelt - nicht als Spionagefall oder gar Staatsterrorismus. Dann erst wäre der Generalbundesanwalt zuständig. Beim Bundeskriminalamt (BKA) steht man schon bereit. Bis zu 40 Ermittler sind aktuell auf "stand by" um das Verfahren zu übernehmen. 

Über dieses Thema berichtete rbb24 in der Abendschau am 30. August 2019 um 19:30 Uhr.

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