Salafist mit Koranausgaben

Salafisten-Aktion "Lies!" Wohin mit den beschlagnahmten Koranen?

Stand: 12.05.2020 11:58 Uhr

Deutsche Behörden sind seit fast vier Jahren ratlos. Sie haben Tausende Korane der Salafisten-Aktion "Lies!" beschlagnahmt. Doch was damit tun? Altpapier? Verschenken? Keine Lösung scheint in Sicht.

Von Florian Flade, WDR

Ibrahim Abou-Nagie hatte Großes vor. Er wollte die Menschen in Deutschland zum Islam bekehren. Zu diesem Zweck ließ der Kölner Prediger kostenlose Übersetzungen des Koran im Land verteilen - in Fußgängerzonen, an Bahnhöfen, vor Einkaufszentren. Ein Koran für jeden deutschen Haushalt, so das erklärte Ziel der missionarischen "Lies!"-Kampagne.

Im November 2016 aber war Schluss. Das Bundesinnenministerium erließ ein Verbot gegen Abou-Nagies Organisation "Die Wahre Religion" (DWR) und deren Koran-Verteilaktion. Es handele sich bei den Initiatoren um Salafisten, die für einen extremistischen Islam werben  und Jugendliche mit Verschwörungstheorien radikalisieren, hieß es aus dem Ministerium.

Aktion radikalisierte viele Muslime

Verfassungsschützer nannten die Kampagne einen "Durchlauferhitzer". Viele junge Muslime, die an den Koran-Verteilungen teilgenommen hätten, seien anschließend nach Syrien oder in den Irak gereist, "um sich dort dem Kampf terroristischer Gruppierungen anzuschließen".

Mehr als 190 Wohnungen, Büros und Lagerräume in zehn Bundesländern durchsuchte die Polizei am 15. November 2016 im Zuge des Organisationsverbots. Dabei wurden zahlreiche Unterlagen, Computer, andere Datenträger und Geld beschlagnahmt - und auch rund 20.000 Koran-Exemplare.

Im Gegensatz zu den anderen Asservaten aus dem Besitz der Salafisten erwiesen sich die Bücher allerdings als wenig brauchbar für die Behörden. Für das Bundesinnenministerium sind sie sogar eine ziemlich lästige Folge des "Lies!"-Verbots. Denn was man mit den Koran-Übersetzungen machen soll, weiß auch im Ministerium niemand so genau.

Auf Bundeswehrgelände gelagert

Seit fast vier Jahren befinden sich die Bücher nun im Besitz des Bundes. Sie sind mittlerweile eingelagert auf einem Gelände der Bundeswehr. Mit "aller gebotenen Sorgfalt", wie ein Sprecher des Innenministeriums betont. Die Koran-Exemplare zu vernichten, gilt als ausgeschlossen, heißt es im Ministerium. Auf keinen Fall wolle man die religiösen Gefühle von Muslimen verletzen.

Zwar handelt es sich bei den beschlagnahmten Koran-Ausgaben um die sogenannte "ungefähre Bedeutung in der deutschen Sprachen", eine konservative deutsche Übersetzung des arabischen Originals. Für viele Muslime aber stellt die Schrift grundsätzlich das niedergeschriebene Wort Gottes dar. Wohin also mit den Koran-Exemplaren?

Doch noch verteilen?

Nach WDR-Informationen hat das Innenministerium jetzt das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) angewiesen, Vorschläge zu unterbreiten, was mit den Büchern gemacht werden könnte. Im Ministerium hatte man bereits einige Ideen: Man könnte etwa die ersten Seiten aus den Büchern entfernen, auf denen der Herausgeber - die salafistische "Lies!"-Stiftung und deren Organisator Ibrahim Abou-Nagie - vermerkt sind. Und dann könnte man die Koran-Übersetzungen verschenken. Aber an wen? Willige Abnehmer haben sich bislang nicht gefunden.

"Wir hoffen, dass die Koran-Exemplare inzwischen nicht einfach entsorgt worden sind", sagt ein Sprecher des Zentralrats der Muslime (ZMD) auf Anfrage. "Wir haben 2016 dem Ministerium bei diesem Unterfangen unseren Rat angeboten, dann nie mehr was gehört." Was genau der Vorschlag des Zentralrats war, teilte ein Sprecher auf Nachfrage jedoch nicht mit.

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