Ein Eisbär steht im Nordpolarmeer auf eine Eisscholle. | dpa
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Weltklimabericht Auch Zwei-Grad-Ziel am seidenen Faden

Stand: 18.08.2021 18:31 Uhr

Bei weiter steigenden Treibhausgas-Emissionen ist die Welt nur noch drei Jahre davon entfernt, selbst das Zwei-Grad-Klimaziel zu verspielen. Diese Gefahr sieht der Weltklimarat laut einem durchgesickerten Berichtsentwurf.

Von Volker Mrasek, WDR

Die globale Erwärmung noch vor Überschreiten der 1,5-Grad-Schwelle zu stoppen - dieses hehre Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens muss man wohl inzwischen verlorengeben. Doch selbst für eine Beschränkung auf zwei Grad bleibt offenbar nur noch verschwindend wenig Zeit. Dafür müsste der globale Ausstoß von Kohlendioxid vor 2025 seinen Höhepunkt erreichen, also spätestens in drei Jahren. So steht es in einem Text aus der Feder des Weltklimarates, der im März nächsten Jahres erscheinen soll. Konkret handelt es sich um den Entwurf einer Kurzfassung von Teil III des neuen Weltklimareports. Er befasst sich mit Maßnahmen zur Minderung des Klimawandels.

Eine Organisation namens "Scientist Rebellion" hat das vertrauliche Papier, das dem WDR vorliegt, in Umlauf gebracht. Dahinter stecken nach eigener Aussage Wissenschaftler, für die energisches Handeln gegen die Erderhitzung keinerlei Aufschub mehr duldet. Es sei zu befürchten, dass der Berichtsteil in der späteren Schlussfassung durch die Politik verwässert werde, so die Aktivisten.

Klima-Bibel in drei Teilen

Der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (engl.: Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) veröffentlicht seine Sachstandsberichte in drei Teilen. Der Report von Arbeitsgruppe I befasst sich mit den physikalischen Grundlagen der globalen Erwärmung und gibt den Stand der eigentlichen Klimaforschung wieder. Teil II erörtert die Auswirkungen des Klimawandels und Teil III Maßnahmen zu seiner Minderung.

Der inzwischen sechste Weltklimareport hat sich durch die Corona-Krise um Monate verzögert. Arbeitsgruppe I hat ihren fast 4000-seitigen Bericht nun Anfang August vorgelegt. Die Teile II und III sollen im Februar und März des nächsten Jahres erscheinen. Von ihnen und deren Kurzfassungen, den "Zusammenfassungen für politische Entscheidungsträger", existieren bisher nur vertrauliche Entwürfe.

Kurze Gnadenfrist für fossile Brennstoffe

Global gesehen hinkt die Energiewende den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens laut dem Entwurf weit hinterher. Soll das 1,5-Grad-Ziel weiter die Richtschnur bleiben, dürfen Kohle- und Erdgaskraftwerke deshalb nur noch neun beziehungsweise zwölf Jahre lang betrieben werden. Für das Zwei-Grad-Ziel verlängern sich die Restlaufzeiten auf 16 beziehungsweise 17 Jahre. Diese Rechnung hat allerdings einen Haken: Sie berücksichtigt keine neuen Anlagen, wie sie etwa in China und der Türkei noch immer gebaut und projektiert werden.

An anderer Stelle des Berichtsentwurfs heißt es, alle heutigen und geplanten fossilen Kraftwerke werden noch fast 850 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Luft emittieren. Das sei mehr als doppelt so viel CO2 wie für das Erreichen des 1,5-Grad-Zieles noch erlaubt wäre. Selbst das verbleibende Budget für das Zwei-Grad-Ziel - laut Weltklimarat 870 Milliarden Tonnen - sei damit fast ausgeschöpft.

Vor allem wohlhabende Länder in der Pflicht

Die IPCC-Autorinnen und -autoren sehen vor allem die Wohlstandsländer in der Pflicht, drastisch umzusteuern. Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung verursachten um die 40 Prozent aller Treibhausgasemissionen. Zwei Drittel von ihnen lebten in Industrie-, ein Drittel in Schwellenländern. Die ärmsten zehn Prozent seien dagegen nur für vier Prozent des Gesamtausstoßes verantwortlich.

Der "stärkste Emissionstreiber" sei nicht etwa die Zunahme der Weltbevölkerung, sondern der stetige Anstieg des Bruttosozialproduktes in den entwickelten Ländern der Erde. Exemplarisch dafür ist die im Entwurf genannte starke Zunahme "treibhausgasintensiver Aktivitäten" im zurückliegenden Jahrzehnt. So sei der Luftverkehr um 29 Prozent gewachsen, die Nutzung von SUVs im Straßenverkehr um 17 Prozent und der Energiebedarf für Klimaanlagen um 40 Prozent. Wie das Papier außerdem betont, seien beträchtliche Emissionen in Entwicklungsländern mit der Produktion von Exportgütern für reiche Länder verbunden. 2015 habe dieser Anteil bei 41 Prozent gelegen.

Untätiger Agrarsektor

In dem Entwurf wird beklagt, dass Methan und Lachgas in vielen nationalen Klimaschutzstrategien bisher gar nicht berücksichtigt seien. Die beiden Treibhausgase stammen unter anderem aus der Rinderhaltung und dem Einsatz von Stickstoffdünger. Dem Agrarsektor attestiert der IPCC-Entwurf daher enormen Nachholbedarf: "In den Szenarien, die die Erwärmung auf 1,5 und zwei Grad begrenzen, müssen Land- und Forstwirtschaft ihre Maßnahmen zur Emissionsminderung innerhalb dieses Jahrzehnts um das Fünffache und bis 2050 um das Zehnfache steigern."

400 Milliarden US-Dollar müssten dafür im globalen Agrarsektor jedes Jahr umgeschichtet werden. Ein großes Potenzial zur Vermeidung von Emissionen stecke in einer schonenderen Bodenbearbeitung und einem besseren Nährstoffmanagement in Feld und Stall - und auf Verbraucherseite in der Vermeidung von Lebensmittelabfällen sowie im Umstieg auf eine fleischärmere Ernährungsweise: "Eine pflanzenbasierte Kost könnte bis zu 50 Prozent der Emissionen vermeiden, die heute mit der sogenannten westlichen Ernährung verbunden sind", konstatiert der Entwurf.

Sollte Klimaschutz "hip" sein?

Problematisch sieht der IPCC die fortschreitende Urbanisierung. Städte könnten im Jahr 2050 90 Milliarden Tonnen Beton, Zement und andere Baumaterialien benötigen, mehr als doppelt so viel wie 2010. Mögliche Lösungen, um dem zu begegnen, sieht der Bericht in einem stärkeren Materialrecycling, im Vermeiden von unnötigem Bauschutt und der Nutzung von Holz für den Häuserbau.

Im Verkehrsbereich wird Altbekanntes, aber nicht ausreichend Umgesetztes empfohlen: eine stärkere Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und Car-Sharing-Angebote, der Verzicht auf Flugreisen und vielleicht sogar auf das Auto: Für "Leute mit hohem sozioökonomischem Status" sei es ohne Weiteres möglich, ihre Emissionen zu reduzieren und so zu "Trendsettern für einen kohlenstoffarmen Lebensstil" zu werden, liest man im Text. Zehn bis 30 Prozent der Bevölkerung müssten mitmachen: "Dann entwickeln sich neue gesellschaftliche Normen."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 9. August 2021 um 21:35 Uhr.