Polizisten führen den Attentäter von Halle ab | Bildquelle: AFP

Halle-Anschlag Psychologisches Gutachten für Stephan B.

Stand: 22.10.2019 18:02 Uhr

Ist der Attentäter von Halle nur eingeschränkt schuldfähig? Das will der Generalbundesanwalt mit einem psychologischen Gutachten klären lassen. Zum ersten Mal wurde die Mutter von Stephan B. vernommen.

Von Florian Flade, WDR

Im Fall des Anschlags von Halle will der Generalbundesanwalt nach Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" ein psychologisches Gutachten über den mutmaßlichen Attentäter Stephan B. anfertigen lassen. Der 27-jährige, der bereits vor dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs ein umfangreiches Geständnis abgelegt hat, soll daraufhin untersucht werden, ob eine eingeschränkte Schuldfähigkeit aufgrund einer psychischen Erkrankung vorliegt.

Der Generalbundesanwalt wirft Stephan B. Mord in zwei Fällen sowie versuchten Mord in mehreren Fällen vor. Er soll aus antisemitischen Motiven versucht haben, am 09. Oktober 2019 in die Synagoge von Halle einzudringen, um "möglichst viele Personen jüdischen Glaubens töten". Aufgrund der gesicherten Tür des Gebäudes gelang es dem Attentäter nicht, in die Synagoge einzudringen. Stattdessen soll Stephan B. zwei Passanten, eine 40-jährige Frau und einen 20-jährigen Mann, erschossen haben.

Erstmals Vernehmung der Mutter

Die Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) konnten am Montag erstmals die Mutter von Stephan B. vernehmen. Sie soll kurz nach dem Attentat unter Schock gestanden haben und galt bislang als "nicht vernehmungsfähig". Da Mutter und Sohn gemeinsam in einer Wohnung lebten, erhoffen sich die Ermittler von ihr mehr Informationen über die Motive von Stephan B. und dessen Radikalisierung.

Rund zwei Wochen nach dem Anschlag in Halle mit zwei Toten gebe es weiterhin keine Hinweise auf Mittäter oder Helfer des mutmaßlichen Attentäters Stephan B., heißt es aus Ermittlerkreisen. Die Auswertung von diversen Datenträgern, darunter mehrere Computer und zwei Mobiltelefone, dauere allerdings noch an.

Waffen in Gartenlaube gebaut

Nach bisherigen Erkenntnissen des BKA soll B. die verwendeten Schusswaffen und Sprengsätze eigenhändig in der Gartenlaube seines Vaters angefertigt haben, teilweise unter Nutzung eines 3D-Druckers. Die meisten Bauteile für die Gewehre, Pistolen, Schrotflinte und Explosivstoffe, darunter Metallrohre und Aluminiumpulver, soll der ehemalige Chemiestudent jedoch über Onlineshops erworben haben.

Im Bundesamt für Verfassungschutz soll eine Sonderauswertung ermitteln, ob Stephan B. über Kontakte in die rechtsextreme Szene verfügte - etwa zu rechten Parteien, Organisationen oder behördenbekannten Einzelpersonen. Bislang aber stellten die Verfassungsschützer keinerlei solche Verbindungen fest. Meldungen, wonach Stephan B. vor einigen Jahren im Umfeld der NPD aktiv gewesen sein soll, konnten die Verfassungsschützer bislang ebenfalls nicht bestätigen. Auch eine Abfrage bei V-Personen in der Szene soll keine brauchbaren Informationen ergeben haben.

Ermittlungen zu Mitwissern

Ein Teil der Ermittlungen der Besonderen Aufbauorganisation "Concordia" im BKA konzentriert sich derweil auf mögliche Mitwisser des Todesschützen. Dabei geht es vor allem um einen Livestream: Stephan B. soll seine Taten mit einer Kamera, die an seinem Helm befestigt war, rund 36 Minuten lang ins Internet übertragen haben.

Einen Link zu dem Livestream über das Videoportal Twitch soll B. unmittelbar vor der Tat in dem Bilderforum "meguca" veröffentlicht haben. Drei Personen verfolgten nach BKA-Erkenntnissen den Twitch-Livestream. Die Spur der IP-Adresse der genutzten Computer führte zunächst in die USA und in die Schweiz. Es gilt allerdings als unklar, ob sich die Zuschauer des Halle-Anschlags auch wirklich dort aufgehalten haben: Die tatsächliche Standorte der Computer sollen durch die Nutzung des Tor-Browsers verschleiert worden sein.

Ebenfalls noch unklar ist, ob der Halle-Attentäter tatsächlich eine Geldspende in einer digitalen Krpyto-Währung erhielt, um damit ein Attentat zu finanzieren. In dem Dokument, das von Stephan B. stammen soll und das kurz vor der Tat im Internet veröffentlicht wurde, heißt es, er habe von einer Person namens "Mark" 0,1 Bitcoin erhalten. Das Geld habe ihm "sehr geholfen". Die Ermittlungen zu dem möglichen Bitcoin-Spender laufen noch.

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