Green Blood - Recherche zu einer Goldmine in Tansania

Vorwürfe gegen Goldmine Dreckiges Gold aus Tansania

Stand: 18.06.2019 19:01 Uhr

Den Betreibern einer Goldmine in Tansania werden Umweltzerstörungen und schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Journalisten, die über die Missstände berichten wollten, wurden eingeschüchtert.

Von Lena Kampf und Andreas Spinrath, WDR

Etwa 100 Kilometer entfernt vom Victoriasee, nur 20 Kilometer vor der kenianischen Grenze, liegt die Nord-Mara-Mine. Lange wurde das Gold in dieser Region Tansanias mit Genehmigung der Regierung von Einheimischen abgebaut.

Dann kamen internationale Konzerne, eine zwei Meter hohe Mauer und Wachpersonal, das die Einheimischen nun vom Gold fernhalten sollte. Die Folge waren blutige Konflikte und vielfach vorgetragene Vorwürfe: Den Einheimischen sei der Lebensunterhalt genommen worden. Es werde scharf geschossen. Vergewaltigt. Und: Die Mine zerstöre die Umwelt.

Die North-Mara-Goldmine im Nordwesten von Tansania
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Die North-Mara-Goldmine im Nordwesten von Tansania

Arsen im Grundwasser

Arsenhaltiges Abwasser soll ins Grundwasser der Region gelangt sein. Das zeigen mehrere Studien. Weltweit werden Stoffe wie Arsen für die Goldgewinnung eingesetzt, immer wieder führt dies zu Problemen. So auch in Nord-Mara: Viele Anwohner der Mine sollen an einem chronischen Hautausschlag leiden, den der Bezirksarzt Mark Nega für eine Folge des Goldabbaus hält: "Viele Patienten kamen zu mir in die Behandlung, da sie nach einem Bad im verseuchten Wasser allergische Reaktionen zeigten."

Ein anderer Arzt gab an, er habe in den vergangenen vier Jahren 200 Patienten mit Ausschlag behandelt. Auch die tansanischen Behörden sahen die Umweltrisiken als erwiesen an: Erst vor wenigen Wochen verhängten sie ein Strafgeld von 5,6 Milliarden tansanischen Schilling, fast 2,2 Millionen Euro, weil kontaminiertes Wasser in die Umwelt gelangt sein soll.

Der Minenbetreiber Acacia Mining, ein britisches Unternehmen mehrheitlich im Besitz des kanadischen Barrick-Konzerns, sagte, dass man noch keine Unterlagen erhalten habe, um die Entscheidung der Behörden nachzuvollziehen. Man halte Gesundheits- und Umweltstandards ein. Die Firma verweist auf umfangreiche Programme in den letzten Jahren zur Verbesserung der Umweltstandards. Man habe erkannt, den Umgang mit Abfallstoffen in Zukunft besser organisieren zu müssen.

alt Das Recherche-Projekt Green Blood | Bildquelle: Getty Images

Forbidden Stories - Green Blood Projekt

Ziel der "Forbidden Stories" ist es, die Arbeit von ermordeten, bedrohten oder inhaftierten Journalisten fortzusetzen. Nach dem "Daphne-Project" widmet sich das "Green Blood-Project" jetzt schweren Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen durch Bergbau - und den Bedrohungen von Journalisten, die dazu recherchieren.

Seit 2009 sind laut einer Studie vom "Committee to Protect Journalists" (CPJ) mindestens 13 Journalisten getötet worden, die zu Umweltthemen recherchiert haben. Dazu kommen 16 weitere Todesfälle, die bislang nicht aufgeklärt wurden. Reporter von "Forbidden Stories" haben auf drei Kontinenten die Recherchen von bedrohten und getöteten Journalisten fortgeführt. An dem Projekt beteiligt sind unter anderem WDR, "Süddeutsche Zeitung", "Zeit", "Guardian" und "Le Monde".

Verbot der Zeitung nach kritischem Bericht

Jabir Idrissa war einer der Journalisten, die sich der Mine in den vergangenen Jahren widmeten. Vor zwei Jahren berichtete der Familienvater über angebliche Ungereimtheiten bei der Lizenzvergabe an Acacia Mining. Einen Tag nach der Veröffentlichung sei seine Zeitung von der Regierung verboten worden, sagt er.

Idrissa, so erzählt er es Reportern des Projekts "Forbidden Stories", an dem in Deutschland der WDR, die "Süddeutsche Zeitung" und die "Zeit" beteiligt sind. Er sei aus Angst vor weiterer Vergeltung geflohen. Andere Journalisten berichten davon, man habe sie eingeschüchtert, verklagt oder zensiert. Westliche Journalisten, die vor Ort recherchierten, wurden des Landes verwiesen. Kritik an internationalen Konzernen ist offenbar gefährlich in dem ostafrikanischen Land, das einen der hinteren Plätze in der Rangliste der Pressefreiheit einnimmt.

Green Blood - Recherche zu einer Goldmine in Tansania
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Der Journalist Jabir Idrissa hatte einen Artikel über die Mine berichtet.

Vorwurf der Vergewaltigung durch Wachmänner

Neben der Umweltverschmutzung ist die Nord-Mara-Goldmine auch wegen angeblicher Menschenrechtsverletzungen in die Kritik geraten. Frauen berichteten Reportern von "Forbidden Stories", dass sie von Wachmännern der Mine vergewaltigt worden seien.

Lucia Marembela hatte versucht, den Zaun zur Mine zu überwinden. Immer wieder dringen Einheimische in die Mine ein, für ein paar Dollar wühlen sie nach Gold. Schließlich durften die Einwohner der nahegelegenen Dörfer dies jahrzehntelang tun. Legal. Marembela schaffte es nicht: "Als sie mich und meine Freundinnen vor einigen Jahren erwischten, zerrten uns die Aufseher in ihr Auto und fuhren an einen abgelegenen Ort, wo sie uns vergewaltigten", berichtet Marembela.

Ihr Mann habe sie und die sechs Kinder deshalb verlassen. Sie habe sich an die Betreiberfirma gewandt, die Sicherheitspersonal beschäftigte. 8600 Dollar seien ihr als Entschädigung bezahlt worden. Die Minenbesitzer sagen, dass nach solchen Entschädigungen häufiger gefragt wurde. Sie könnten zu Einzelfällen ohne genaue Details nichts sagen. Generell hätten Klagen über Sicherheitsleute abgenommen.

22 Todesopfer seit 2014

Zudem haben Nichtregierungsorganisationen seit 2014 insgesamt 22 Todesopfer im Umfeld der Mine gezählt. Täter sollen Polizisten und Sicherheitskräfte der Mine sein. Die Opfer waren in der Regel sogenannte "intruders", Eindringlinge, also jene Menschen, die versucht haben sollen, auf dem Gelände der Mine illegal und auf eigene Rechnung nach Gold zu suchen.

"Forbidden Stories" sprach mit mehreren dieser "intruders". Sie sagen, dass das nächtliche Eindringen die einzige Möglichkeit für sie sei, Geld zu verdienen. Mary Rutenge von der tansanischen Mzumbe-Universität sagt: "Der Landerwerb durch den Konzern hat ihre Leben destabilisiert. Das wurde von dem Konzern nicht adäquat kompensiert."

Acacia Mining weist die Berichte der Nichtregierungsorganisationen zurück und bestreitet diese hohe Zahlen. Außerdem  habe sich alles verbessert.

Unklare Verbindung zwischen Sicherheitsdienst und Polizei

Barrick selbst schreibt, dass man keine operative Kontrolle über die Mine habe, man sei Anteilseigner. Der Geschäftsführer des Konzerns, Mark Bristow, weist auf Anfrage von "Forbidden Stories" jede Verantwortung von sich: "Für Verfehlungen der tansanischen Staatsgewalt kann ich nicht zur Rechenschaft gezogen werden."

Dabei ist nicht ganz klar, wo genau die Grenze zwischen der Polizei und dem privaten Sicherheitsdienst der Mine liegt. Denn die Polizei werde durch die Mine finanziell sowie materiell mit Kost, Logis und Benzin unterstützt, wie die britische NGO "Rights and Accountability in Development" (RAID) berichtet.

Ermittlungen gegen Schweizer Unternehmen

Aber wo findet sich das Gold aus der tansanischen Mine? Jahrelang, so zeigen Dokumente, soll es an die Schweizer Raffinerie Argor geliefert worden sein. Die Firma hat dies weder dementiert noch bestätigt. Inzwischen ist Argor eine hundertprozentige Tochter des Hanauer Heraeus-Konzerns, der schon vorher als Minderheitseigner an der Raffinerie beteiligt war. Gegen Argor war 2013 in der Schweiz ermittelt worden.

Damals ging es um angeblich aus Plünderungen im Ostkongo stammendes Gold. Die Ermittlungen wegen Geldwäsche und der Beihilfe zu Kriegsverbrechen wurden eingestellt. Argor habe zwar von den Plünderungen wissen können, der Vorwurf der vorsätzlichen Unterstützung von Kriegsverbrechen sei jedoch nicht aufrechtzuerhalten.

Gold für Weltkonzerne

Auch der Barrick-Konzern, der die Betreiberfirma der tansanischen Goldmine besitzt, steht nicht zum ersten Mal in der Kritik. Immer wieder wurde Barrick, einem der größten Goldförderer der Welt mit Minen in Afrika, Asien, Australien, Nord- und Südamerika, vorgeworfen, schwere Menschenrechtsverletzungen zu dulden. Der norwegische Staatsfonds stoppte seine Investitionen in Barrick-Unternehmungen. Barrick hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen.

Mittlerweile wird das tansanische Gold an eine indische Raffinerie verkauft, die zahlreiche namhafte Kunden beliefert, darunter Nokia, Canon und Apple. Die Raffinerie schrieb auf Anfrage, dass man sich vor Ort von der Unbedenklichkeit der Mine überzeugt habe und jedem zukünftigen Vorwurf genauestens nachgehen wolle. Nokia und Canon unterstrichen beiden, dass der indische Zulieferer von ihnen überprüft und als unbedenklich eingestuft worden sei. Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiteten, würde man das Geschäft mit der Raffinerie einstellen, sagte ein Nokia-Sprecher auf Anfrage. Auch Apple äußerte sich gleichlautend.

Jabir Idrissa, der bedrohte Journalist, wird sich der Nord-Mara-Goldmine weiter widmen. Er hat noch keinen neuen Arbeitgeber gefunden, hilft im Second-Hand-Laden seines Cousins. Aufzuhören sei für ihn jedoch keine Option: "Diese Dinge müssen erzählt werden. Wir haben keine Wahl. Journalismus heißt: Wir müssen die Wahrheit erzählen. Einfach die Wahrheit", sagt er.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. Juni 2019 um 11:08 Uhr.

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