Die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe | a
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Haftbefehl gegen Gambier Mord im Auftrag des Diktators?

Stand: 18.03.2021 18:01 Uhr

Die deutsche Justiz hat Haftbefehl gegen einen Gambier erlassen, der in seiner Heimat in mehrere Morde verwickelt gewesen sein soll. Nach WDR-Recherchen stammt er aus dem Westen des Landes und trat 1997 dem Militär bei.

Von Florian Flade, WDR

Mehr als 20 Jahre hat Yahya Jammeh das westafrikanische Gambia mit eiserner Hand regiert. Der Diktator, der meist weiß gekleidet und mit einem Koran in der Hand auftrat, ging mit brutaler Gewalt gegen politische Gegner, Journalisten und Homosexuelle vor. Auch sollen zahlreiche Frauen im Zuge einer von Jammeh initiierten "Hexenjagd" verfolgt, gefoltert und vergewaltigt worden sein. Nach einem Militärputsch im Jahr 1994 war Jammeh an die Macht gekommen und hatte ein Schreckensregime errichtet, das erst 2017 endete.

Florian Flade

Während der Schreckensherrschaft soll es in Gambia zu zahlreichen Menschenrechtsverletzungen gekommen sein. Viele Menschen wurden verschleppt, in Gefängnissen gefoltert und misshandelt - oder verschwanden spurlos. Als besonders gefürchtet galt eine Militäreinheit des Diktators, die sich "Junglers" nannte.

Ein mutmaßliches Mitglied dieses Killerkommandos wurde nun in Deutschland festgenommen. Am frühen Dienstagmorgen rückte das Bundeskriminalamt (BKA) in Hannover an und nahm den 45-jährigen Gambier Bai L. fest. Der Generalbundesanwalt wirft ihm Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord und versuchten Mord vor. Er soll ein ehemaliges Mitglied der "Junglers" sein. 

Bereits im Juli 2020 hatte der Generalbundesanwalt die Wohnungen von sieben Gambiern in Baden-Württemberg durchsuchen lassen. Die Männer hatten in ihren Asylanhörungen angegeben, nach einem gescheiterten Putschversuch im Dezember 2014 auf Seiten des Diktators Jammah gewaltsam gegen Oppositionelle vorgegangen zu sein. Sie seien etwa an Misshandlungen von Gefangenen beteiligt gewesen und könnten deshalb nicht mehr in ihr westafrikanisches Heimatland zurückkehren, sollen die Asylbewerber gesagt haben.  

Die Ermittler bewerteten die Aussagen als "Selbstbezichtigungen", mit denen wohl vor allem Abschiebehindernisse geschaffen werden sollten. Ob die Gambier tatsächlich an besagten Verbrechen beteiligt waren, ist weiterhin unklar. Bislang hat sich der Verdacht nicht erhärtet.

Seit 1997 beim Militär

Anders ist es bei dem aktuellen Fall in Hannover. Der Gambier stammt nach WDR-Recherchen aus der Ortschaft Fass Njaga Choik im Westen von Gambia. Er soll im Oktober 1997 dem Militär beigetreten sein und dann für den Schutz des Amtssitzes von Präsident Yahya Jammeh zuständig gewesen sein. Später war er wohl auch ein Fahrer im Konvoi des Diktators. Die Militäreinheit, die damals für die Bewachung von Jammehs Anwesen zuständig war, nannte sich anfangs "Patrol Team" und soll unter anderem von Militärs aus Libyen trainiert worden sein.

 Fahrer der "Junglers"

Ab 2002 traten die gambischen Soldaten als "Junglers" auf. Der Name soll darauf zurückzuführen sein, dass einige der Männer eine besonders harte Ausbildung im Dschungelkampf absolviert haben sollen. Zwischen Dezember 2003 und Dezember 2006 soll der Gambier als Fahrer den "Junglers" angehört haben. "Vor diesem Hintergrund war der Beschuldigte an insgesamt drei solcher Liquidierungsaufträge beteiligt", teilte der Generalbundesanwalt mit. Ende Dezember 2003 soll er eine Einheit transportiert haben, die einen Mordanschlag auf den Rechtsanwalt Ousman Sillah verüben sollten. Auf Sillah wurden mehrere Schüsse abgefeuert, er überlebte jedoch.

Im Dezember 2004 dann gab es ein Attentat auf Gambias bekanntesten Journalisten Deyda Hydara. Der 58-jährige war auf dem Weg nach Hause, als ein Auto ohne Kennzeichen, getarnt als Taxi, neben seinem Wagen hielt. Darin sollen Soldaten der "Junglers"-Einheit gesessen haben, die auf den Journalisten schossen und ihn ermordeten. Der jetzt verhaftete Gambier soll der Fahrer gewesen sein. Nach dem Mord an Hydara soll er noch an weiteren Attentaten als Fahrer beteiligt gewesen sein.

Flucht nach Europa

Der Mann soll aus unbekannten Gründen gemeinsam mit zwei weiteren Soldaten im Jahr 2012 in Gambia festgenommen worden sein. Sechs Monate soll er in Haft verbracht haben, dann wurde er entlassen und soll den Befehl bekommen haben, wieder zur Schutztruppe des Präsidenten zurückzukehren. Er weigerte sich, floh daraufhin aus Gambia nach Europa und kam 2013 als Asylbewerber nach Deutschland. 

In seinen Asylanhörungen soll Bai L. wahrheitsgemäß angegeben haben, den "Junglers" angehört zu haben. An Tötungsaktionen habe er jedoch nicht teilgenommen, soll er damals erklärt haben. Er habe sich solchen Befehlen stets widersetzt. Die deutschen Ermittler wurden dann allerdings auf ein Interview aufmerksam, dass er im Jahr 2013 einem gambischen Exil-Radiosender gab. Darin sprach er ganz offen über seine Zeit bei den "Junglers" und erzählte, dass er auch bei den Mordanschlägen regelmäßig als Fahrer dabei gewesen sei. Detailliert schilderte er etwa das Attentat auf den Journalisten Hydara.

Es sei sein Job gewesen, das Mordkommando zu fahren, so der Gambier. Die Aufträge für die Tötungsaktionen seien direkt von Staatspräsident Jammeh gekommen. Er habe die Soldaten angewiesen, Schrotflinten zu benutzen, Sturmgewehre oder andere militärische Waffen seien zu auffällig, damit würde der Verdacht zu schnell auf das Militär fallen. 

Diktator Jammeh habe, so sagte Bai L. in dem Radiointerview, eine Liste mit rund 20 Personen angelegt, die getötet werden sollten. Auch seine Geschwister ließ der Despot angeblich ermorden. Die "Junglers" sollen, so berichtet der Gambier, auch an weiteren Verbrechen beteiligt gewesen sein. Etwa an der Ermordung von 59 westafrikanischen Migranten im Jahr 2005.

Wahrheitskommission tätig

In Gambia ist seit einigen Jahren eine Wahrheitskommission mit der Aufklärung der Verbrechen des Regimes beschäftigt. Zahlreiche Zeugen, darunter nicht nur Opfer, sondern auch mutmaßliche Täter, wurden bereits befragt. Die Befragungen werden im Staatsfernsehen übertragen und sollen Transparenz schaffen. Auch Angehörige der "Junglers" haben bereits ausgesagt und sollen dabei auch den jetzt verhafteten Mann belastet haben.

Die Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch (HRW) und TRIAL International sammeln seit Jahren Belege gegen den ehemaligen Diktator Jammeh und seine Handlanger. "Diejenigen, die internationale Verbrechen begangen haben, müssen vor Gericht gestellt werden, wo immer sie sich befinden", sagt der US-amerikanische Menschenrechtsanwalt Reed Brody. Er begrüßt die Ermittlungen der deutschen Justiz.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. November 2016 um 18:40 Uhr.