Der Corona-Skeptiker und Koch Attila Hildmann spricht bei der Abschluss-Kundgebung einer Demonstration gegen die Corona-Politik der Bundesregierung in Berlin. | dpa
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Haftbefehl Wer warnte Attila Hildmann?

Stand: 17.05.2021 18:00 Uhr

Im Februar wurde ein Haftbefehl gegen Attila Hildmann ausgestellt. Der Extremist hat davon offenbar noch vor der Staatsanwaltschaft erfahren. Seitdem wird der Maulwurf gesucht.

Von Florian Flade, WDR

Plötzlich war Attila Hildmann weg. Der Kochbuchautor und extremistische Verschwörungsideologe veröffentlichte im Februar auf seinem Telegram-Kanal ein Foto, das ihn vor einer antiken Tempelanlage zeigte. "Fluchtgefahr als Grund für einen Haftbefehl. Und nicht eine einzige Anklage!", schrieb Hildmann unter das Foto. "Bin seit ein paar Wochen im wohlverdienten Urlaub! Was will man aktuell in Mao-Merkels-GULAG?"

Florian Flade

Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt seit einigen Monaten gegen Hildmann, es geht unter anderem um Volksverhetzung, um Beleidigung und Bedrohung in Dutzenden Fällen. Mittlerweile ist klar: Hildmann hat Deutschland verlassen und hält sich offenbar in der Türkei auf. Die genauen Umstände seiner Flucht sind weiter unklar.

Hildmann war vor Staatsanwaltschaft informiert

Nach Recherchen von WDR und "Süddeutscher Zeitung" beschäftigt sich nun auch die Berliner Justiz mit dem Fall. Es geht um die Frage, ob Hildmann durch einen Informanten vor den Ermittlungen gegen ihn gewarnt wurde. Denn als der Gesuchte erstmals hämisch über den Haftbefehl gegen ihn schrieb, war dieser gerade erst ausgestellt worden. Nicht einmal die zuständige Staatsanwaltschaft soll zu diesem Zeitpunkt davon gewusst haben.

Woher wusste Hildmann so früh, dass ein Haftbefehl gegen ihn vorlag? Die Staatsanwaltschaft Berlin hat dazu ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, es richtet sich gegen "Unbekannt" und der Vorwurf lautet "Verrat von Dienstgeheimnissen". Die Behörde hat die Vorgänge und den zeitlichen Ablauf inzwischen rekonstruiert.

Anfang des Jahres beantragte die Staatsanwaltschaft beim Amtsgericht Berlin-Tiergarten einen Haftbefehl gegen Hildmann. Erst am 19. Februar, einem Freitag, traf die zuständige Haftrichterin ihre Entscheidung. Und zwar nachmittags, kurz vor Feierabend. Erst am darauffolgenden Montag soll die Staatsanwaltschaft darüber informiert worden sein, dass nun ein Haftbefehl vorliegt. Schon am Wochenende zuvor aber war Attila Hildmann offenbar darüber im Bilde.

Information auf Telegram veröffentlicht

In der Nacht von Samstag auf Sonntag, vom 20. auf den 21. Februar, verbreitete er über seinen Telegram-Kanal, auf dem ihm mehr als 100.000 Profile folgen, eine verdächtige Nachricht. Es war eine Meldung einer anderen verschwörungsideologischen Plattform, abgesetzt am 20. Februar, um 23.30 Uhr. "Uns wurde heute sicher bestätigt, dass für Attila Hildmann ein Haftbefehl wegen des Aussprechens der Wahrheit vorliegt". Daher müsse er nun "dringend untertauchen". Hildmann klagte tags darauf bei Telegram: "Kein einziger Medienbericht zu dem offenen Haftbefehl gegen mich wo sonst 100 Artikel geschrieben werden, wenn ich mal nen Finger krümme!"

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass zu diesem frühen Zeitpunkt nur wenige Menschen Kenntnis von dem frisch ausgestellten Haftbefehl hatten: die Haftrichterin, deren Mitarbeiter, eine Sekretärin in der Geschäftsstelle oder auch ein Sicherheitsmann, der die Akte transportiert hatte. Weder Hildmann noch seine Anwälte wurden vom Gericht informiert.

Hildmann verweist auf Polizei als Quelle

Hildmann behauptet indes, die Polizei selbst habe die Existenz des Haftbefehls noch an besagtem Wochenende ausgeplaudert. Er schrieb damals auf Telegram, mehrere Polizisten hätten seine Mutter aufgesucht. Sie hätten nach ihm gefragt und erklärt, es läge ein Haftbefehl gegen ihn vor.

Der Haftbefehl hätte die Flucht von Hildmann wohl nicht verhindern können, denn er hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst ins Ausland abgesetzt. Schon seit Mitte Dezember 2020 hielt sich der 40-Jährige wohl nicht mehr an seinem Wohnsitz im brandenburgischen Wandlitz auf. Und so wurde der Haftbefehl auch damit begründet, dass der Kochbuchautor "nicht mehr regelhaft anzutreffen" sei.

Vollstreckung momentan nicht möglich

Die Personenfahndung der Berliner Polizei machte sich auf die Suche nach Hildmann. Seine angeblichen Urlaubsfotos wurden überprüft, man ging dem Verdacht nach, dass er möglicherweise alte Aufnahmen verbreitet hatte, um eine falsche Spur zu legen. Ende März dann bestätigte die Berliner Generalstaatsanwaltschaft, dass sich der Gesuchte wohl in der Türkei aufhält.

"Mit der zeitnahen Vollstreckung des Haftbefehls wegen dringenden Verdachts der Volksverhetzung, der öffentl. Aufforderung zu Straftaten u. Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte ist nicht zu rechnen", twitterte die Behörde.

Hildmann besitzt neben der deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft. Die Ermittler gehen daher davon aus, dass die türkischen Behörden ihn wohl nicht ausliefern werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. November 2020 um 17:00 Uhr.