Eine Pflegeschwester hält die Hand einer alten Heimbewohnerin. | dpa
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Schutz von Pflegeheimen Ministerium fand niemanden für Studie

Stand: 13.12.2021 15:45 Uhr

Das Bundesgesundheitsministerium wollte Corona-Ausbrüche in Pflegeeinrichtungen umfassend wissenschaftlich untersuchen lassen - auch um einen besseren Schutz zu entwickeln. Doch es fand sich niemand für eine solche Studie.

Florian Flade

Von Florian Flade, WDR

Einen griffigen Namen hatte man sich im Bundesgesundheitsministerium für die geplante Studie schon ausgedacht: CASP, ein Akronym für "Analyse der Gründe für SARS-CoV-2-Ausbrüche in stationären Pflegeeinrichtungen".

Im Sommer schrieb das Ministerium die Studie offiziell aus. In vielen Pflegeeinrichtungen waren Corona-Ausbrüche aufgetreten, Bewohnerinnen und Bewohner sowie Pflegekräfte erkrankt, viele sind an den Folgen der Virus-Infektion gestorben. Dies sollte nun umfassend untersucht werden - auch mit Blick in die Zukunft.

Es bestehe weiterhin die "Notwendigkeit, Gründe für diese Ausbrüche (…) zu identifizieren bzw. Muster zu erkennen, um gezielt Gegenmaßnahmen zu entwickeln", heißt es in den Unterlagen der Ausschreibung. Ziel der Studie sei es, Pflegeeinrichtungen "zur Vermeidung erneuter Ausbrüche diese 'Lessons learned'-Auswertung" zur Verfügung zu stellen. "Durch die Umsetzung gezielter Präventionsmaßnahmen (…) könnten bei einem möglicherweise erneut intensivem Infektionsgeschehen und eventuell unzureichendem Immunschutz schwere Krankheitsverläufe und weitere Todesfälle unter Personal und Bewohnerinnen und Bewohnern vermieden werden."

Keinen Forschungsnehmer gefunden

Die Studie, die auch zum Schutz von Pflegeeinrichtungen beitragen sollte, gibt es allerdings bis heute nicht, wie das Bundesgesundheitsministerium auf Nachfrage des WDR bestätigte. Es fand sich angeblich niemand, der für eine solche Untersuchung geeignet gewesen wäre.

"Da dem Bundesministerium für Gesundheit kein geeignetes Angebot vorgelegt wurde, konnte diese Studie nicht vergeben werden", teilte eine Sprecherin mit. "Alternativ hat das Bundesministerium für Gesundheit eine Studie "Literaturauswertung zu Ursachen für SARS-CoV-2-Ausbrüche in stationären Pflegeeinrichtungen" direkt an einen externen Forschungsnehmer vergeben. Die Ergebnisse dieser Literaturauswertung werden bis zum Jahresende 2021 erwartet."

Bei dem externen Forschungsnehmer für die Literaturauswertung handelt es sich um Prof. Thomas Fischer von der Evangelischen Hochschule Dresden, einen Diplom-Pflegewirt und Experten im Bereich Public Health. "Zu dem konkreten Projekt darf ich Ihnen keine Auskunft geben. Der Vertrag mit dem Bundesministerium für Gesundheit verpflichtet mich zur Verschwiegenheit und nur das Ministerium kann Ihnen Auskunft zu Vorgehensweisen, Inhalten, Ergebnissen usw. geben", teilte Fischer auf Anfrage mit. Dem Gesundheitsministerium obliege "auch die Entscheidung über die Veröffentlichung der Projektergebnisse".

Eigene Untersuchung in Baden-Württemberg

Während es auf Bundesebene demnach keine wie ursprünglich geplante Studie zum Ausbruchsgeschehen in Pflegeeinrichtungen gibt, wurde in Baden-Württemberg eine entsprechende Untersuchung auf Landesebene in diesem Jahr bereits durchgeführt.

Fachleute der Hochschule Esslingen führten die Studie im Auftrag des baden-württembergischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration durch. Sie befragten Mitarbeitende von Pflegeeinrichtungen, führten Gespräche mit Bewohnerinnen und Bewohnern, analysierten die Testsituation, Hygienekonzepte und die Impfungen in der Langzeitpflege.

Wichtige Erkenntnisse

Dabei konnten zahlreiche Defizite und Schwächen identifiziert werden: Etwa bei der Digitalisierung von Arbeitsabläufen, der Bürokratie und der Zusammenarbeit mit Gesundheitsämtern. Und auch die Einbindung des Personals in die Pandemiebekämpfung, so das Fazit der Studie, müsse verbessert werden.

"Pflegende aus den verschiedenen Ebenen der Einrichtungen der Langzeitpflege sind Schlüsselpersonen zur Bewältigung der Folgen der Pandemie und beim Schutz der Betroffenen", heißt es in der Studie aus Baden-Württemberg. "Sie wünschen sich dabei, an allen Entscheidungen, die dieses Geschehen betreffen, spürbarer beteiligt zu sein."

Hohe Sterblichkeit in Heimen

Die Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen sind von der Corona-Pandemie besonders stark betroffen. Eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zufolge war die Sterblichkeit in solchen Einrichtungen im Jahr 2020 deutlich angestiegen. Ende vergangenen Jahres soll die Übersterblichkeit zeitweise bei rund 80 Prozent gelegen haben.

"Die Infektionsschutzmaßnahmen während der Pandemie reichten nicht aus, um die im Heim lebenden pflegebedürftigen Menschen ausreichend zu schützen", sagte Antje Schwinger, Leiterin des Forschungsbereichs Pflege im WIdO. Für zukünftige Pandemiekonzepte müsse dies berücksichtigt werden. Ebenso wie die deutlichen gesundheitlichen Folgen für die Pflegebedürftigen, insbesondere auch die psychischen Belastungen durch die Isolation.