Der Lkw und eine Gruppe von Polizisten am Tag nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz. | Bildquelle: dpa

Terroranschlag am Breitscheidplatz Zweifel am Alleingang Amris

Stand: 01.07.2020 06:01 Uhr

Hat Anis Amri seinen Anschlag wirklich alleine ausgeführt? Der Untersuchungsausschuss im Bundestag will nun einen Gutachter beauftragen, der alle Spuren vom Tatort nochmals bewerten soll.

Von Florian Flade, WDR

Die Fahrerkabine des Lastwagens, mit der Anis Amri am Abend des 19. Dezember 2016 in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz gerast war, war ziemlich verwüstet. Getränkedosen, Flaschen und allerlei Müll lagen herum, dazu Glas- und Holzsplitter. Und eine Wolldecke. Sie verdeckte offenbar ein schwarzes Lederportemonnaie. Darin befand sich Bargeld - und das Duldungsschreiben aus dem nordrhein-westfälischen Kleve.

Viele offene Fragen

Innenraum des Lkw
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Der Innenraum des Lkw war durch den Anschlag verwüstet worden.

Mit dem Portemonnaie konnte der polizeibekannte Islamist schließlich als der Attentäter - oder zumindest als dringend Tatverdächtiger - identifiziert werden. Allerdings wurde die Geldbörse nicht direkt nach dem Anschlag entdeckt, sondern wohl erst am Nachmittag des nächsten Tages. Als der Lastwagen vom Tatort abgeschleppt und in einer Bundeswehrkaserne im Norden Berlins gründlich auf Spuren abgesucht wurde. Da war Amri bereits auf der Flucht.

Ob - und falls ja, warum - die Geldbörse des Terroristen erst so spät gefunden wurde, gehört bis heute zu den offenen Fragen im Fall Amri. Es gebe immer noch zu viele Ungereimtheiten und Widersprüche bei den Spuren, die nach dem Attentat festgestellt worden waren, heißt es dazu aus dem Untersuchungsausschuss im Bundestag. 

U-Ausschuss will Sachverständigen beauftragen

Nach WDR-Informationen wollen die Abgeordneten des Ausschusses nun einen unabhängigen Sachverständigen damit beauftragen, ein Gutachten zur "Spurenlage Breitscheidplatz-Attentat" zu erstellen. Am kommenden Donnerstag soll ein entsprechender Beweisantrag fraktionsübergreifend beschlossen werden. 

Der Gutachter soll demnach unter anderem die Ermittlungen zum Tatort, zum Lkw und auch zu Amris Leichnam untersuchen. Dabei soll der Experte der Frage nachgehen, ob die Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) wirklich allen Spuren nachgegangen sind und ob die Hypothesen zur Entführung des Lkw, zum Tathergang oder zu Amris anschließende Flucht stichhaltig sind.

Vorwürfe an Ermittler und Ankläger

"Durch die Aufklärungsarbeit im Untersuchungsausschuss ist deutlich geworden, dass das BKA und der Generalbundesanwalt es versäumt haben, die Spurenlage am Lkw umfassend auszuwerten", sagt die Grünen-Innenpolitikerin Irene Mihalic. Auf Basis der bearbeiteten Spuren könne "nicht der Schluss erfolgen, dass Amri alleine den Lkw gekapert und gesteuert hat", so die Bundestagsabgeordnete. Der Frage, ob es weitere Mittäter oder Helfer und Unterstützer gegeben habe, sei nicht konsequent nachgegangen worden.

"In den vergangenen zwei Jahren hat das vom Bundeskriminalamt nach dem Anschlag präsentierte Spurenbild kontinuierlich Risse bekommen", meint auch Martina Renner, Bundestagsabgeordnete der Linkspartei. Das BKA habe sich zu früh auf die Einzeltäterthese festgelegt. "Ich befürworte daher eine vom Innenministerium unabhängige Begutachtung aller vorhandenen Spuren durch einen ausgewiesenen Sachverständigen auf diesem Gebiet."

Zweifel am Alleingang Amris

Anis Amri nach dem Anschlag im U-Bahnhof Zoologischer Garten (Quelle: rbb)
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Amri soll laut den Ermittlern allein geflohen sein.

Die BKA-Ermittler der Besonderen Aufbauorganisation (BAO) "City", die mit der Aufklärung des Anschlags beschäftigt sind, gehen davon aus, dass Amri seine Tat alleine ausgeführt hat. Der Tunesier habe demnach am Abend des 19. Dezember 2016, gegen 19.30 Uhr, am Berliner Friedrich-Krause-Ufer den polnischen Lastwagenfahrer Lukasz Urban mit einem Kopfschuss getötet und anschließend dessen Sattelschlepper entführt. Amri soll dann mit dem Fahrzeug durch die Stadt gefahren und gegen 20 Uhr in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast sein. Zwölf Menschen wurden bei dem Attentat ermordet.

Amri soll sich nach Erkenntnissen der Ermittler während der gesamten Fahrt alleine im Lastwagen aufgehalten haben. Auch gebe es keine Belege dafür, dass er bei seiner mehrtägigen Flucht durch Deutschland, die Niederlande, Belgien, Frankreich und Italien Helfer gehabt habe. Drei Tage nach dem Attentat, am 23. Dezember 2016 , war Amri von Polizisten im italienischen Sesto San Giovanni erschossen worden.

Schwierige Spurenlage

Wie mehrere BKA-Ermittler in den vergangenen Wochen dem Untersuchungsausschuss berichtet hatten, waren in der Lkw-Fahrerkabine nur wenige DNA-Spuren und Fingerabdrücke von Amri festgestellt worden. Am Lenkrad des Fahrzeugs fand sich demnach lediglich eine "Mischspur" mit der DNA des Attentäters. Amris Fingerabdrücke wurden zudem an der Außenseite der Tür des Lastwagens entdeckt - und auf Papieren und Geldscheinen im Portemonnaie, das im Fußraum des Sattelschleppers lag. 

Mehrere DNA-Spuren, die ebenfalls im Tatfahrzeug festgestellt wurden, konnten jedoch bis heute nicht zugeordnet werden. Es ist unklar, von wem sie stammen und wie sie dorthin gelangten.

Was geschah mit dem Handy?

Nicht geklärt werden konnte außerdem bis heute, wie Amris Mobiltelefon an jene Stelle gelangte, wo es nach dem Anschlag gefunden wurde. Das Smartphone der Marke HTC lag außerhalb des Lkw, in einem Spalt hinter der Stoßstange an der linken Vorderseite des Fahrzeugs. Eine These der Ermittler war bisher, dass das Handy wohl durch die zerbrochene Frontscheibe des Lkw rutschte und auf die Stoßstange fiel - das allerdings bezweifelte ein Experte des Berliner Landeskriminalamtes (LKA). Er sagte im Untersuchungsausschuss, er schließe aus, dass das Handy auf diese Weise dorthin kam. Denkbar sei vielmehr, dass es abgelegt worden sei.

Lkw bereit verschrottet

Der Sachverständige, der nun die Spurensicherung und die Schlussfolgerungen der Ermittler bewerten soll, wird sein Gutachten wohl nur auf Grundlage von Akten erstellen können. Der Lkw, den Amri als Waffe missbrauchte, kann nicht mehr untersucht werden. Er wurde nach Angaben des Spediteurs längst verschrottet.

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