Das Gebäude des Bundeskriminalamts in Wiesbaden | a (Henning Retzlaff)
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Probleme bei Nachwuchssuche BKA setzt Wertebeauftragten ein

Stand: 12.03.2021 15:34 Uhr

Das BKA braucht Personal. Ein Wertebeauftragter soll nun dabei helfen, die richtigen Bewerber zu finden und extremistische Ausfälle von Mitarbeitern verhindern.

Von Florian Flade, WDR

Es wird noch gebaut hinter dem Berliner Ostkreuz. Ein 300 Meter langer Gebäudekomplex ist hier entstanden, direkt an der Rummelsburger Bucht. In den Büros sollen bald einige Tausend Menschen arbeiten, darunter auch Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA). Es ist der neueste Standort der Polizeibehörde und bereits die vierte Liegenschaft des BKA in Berlin. Das Amt wächst stetig weiter, neue Büros müssen her.

Florian Flade

In der kommenden Woche feiert das BKA 70. Geburtstag. Am 15. März 1951 wurde die Behörde gegründet. Damals hatte sie nur wenige Hundert Mitarbeiter, heute sind es mehr als 7500. In drei Städten ist das Amt mittlerweile ansässig: in Wiesbaden, Meckenheim und Berlin. Und es braucht Personal, denn in den kommenden Jahren stehen Pensionierungswellen an. Viele erfahrene Beamte werden das Amt verlassen.

Viele neue und alte Aufgaben

Das BKA, das für die schwerwiegenden Fälle von Terrorismus und Organisierter Kriminalität sowie für Spionage, Kriegsverbrechen und den Schutz von Regierungsmitgliedern und Abgeordneten zuständig ist, braucht Nachwuchs. Gerade erst sind zwei neue Abteilungen für den islamistischen Terrorismus und die Cyberkriminalität gegründet worden. Auch die Verfolgung von militanten Rechtsextremisten soll verstärkt werden. Außerdem soll das BKA bald als Zentralstelle für die Bekämpfung der Hasskriminalität fungieren und die bundesweite Verfolgung von strafbarer Hetze im Netz koordinieren.

Die Personalgewinnung läuft deshalb auf Hochtouren. Über soziale Medien und auf Jobbörsen wirbt das BKA um neue Mitarbeiter. Mit Erfolg: Alleine im vergangenen Jahr wurden 780 Bewerber eingestellt. Früher waren es pro Jahr gerade einmal rund 100. Der schnelle Aufwuchs aber bringt auch Herausforderungen mit sich: Wie findet man ausreichend qualifiziertes Personal? Und wie verändert sich eine Behörde durch derart viele neue Mitarbeiter?

Beauftragter soll "gemeinsame Werte manifestieren"

Seit wenigen Wochen gibt es im BKA nun einen Wertebeauftragen, der Maßnahmen entwickeln soll, um die "Resilienz der BKA-Beschäftigten gegen Extremismus und Diskriminierung" zu stärken. Das Amt habe schließlich eine "besondere Verantwortung für die Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung", wie eine Sprecherin auf Anfrage mitteilte. Das Ziel solle daher sein, "gemeinsame Werte im Alltag des BKA zu manifestieren". 

Eine Arbeitsgruppe (AG) "Werte" hat sich im vergangenen Jahren mit den Fragen beschäftigt, welches Selbstverständnis das BKA hat. Welche Werte sollen von den Mitarbeitern nach innen und nach außen vermittelt werden? Wo könnte falschverstandener Korpsgeist auftreten? Welche Bereiche der Behörde sind möglicherweise besonders anfällig für eine problematische "Cop Culture", in der es oft an Kritik und Fehlerkultur mangelt?

Mehrere Vorfälle bei der Polizei

In mehreren Landespolizeien, etwa in Hessen und Nordrhein-Westfalen, waren in den vergangenen Jahren rechtsradikale und ausländerfeindliche Umtriebe bekannt geworden. Dabei ging es vor allem um Chatgruppen von Polizisten, in denen teilweise über Jahre rassistische, antisemitische und volksverhetzende Inhalte verbreitet worden waren. Im BKA sind solche Fälle bislang kaum bekannt geworden.

Sechs BKA-Mitarbeiter waren in den vergangenen drei Jahren durch rechtsextreme Äußerungen aufgefallen, fünf davon wurden zeitnah entlassen. Aufgefallen waren die Personen, weil sich Kollegen bei den Vorgesetzten gemeldet hatten. Bei einem der Vorfälle ging es um eine WhatsApp-Chatgruppe von Kommissaranwärtern, in der ein Polizeischüler ein Bild von Adolf Hitler gepostet hatte, der mit den Händen ein Herz formt. Ein anderer Anwärter schlug vor, man könne sich an Halloween doch als der rechtsextremistische Attentäter von Halle verkleiden, der im Oktober 2019 versucht hatte, schwer bewaffnet eine Synagoge zu stürmen.

Bewerber sollen früher überprüft werden

Um solche Ausfälle in Zukunft zu unterbinden, setzt das BKA nun auf eine verstärkte Vermittlung von Werten - und zwar schon bei den Bewerbern. Denn die Sorge ist groß, dass aufgrund der Personalnot Abstriche bei der Qualität der neuen Mitarbeiter gemacht werden müssen. Zwar unterlaufen BKA-Beamte und auch Tarifbeschäftigte grundsätzlich eine Sicherheitsüberprüfung durch den Verfassungsschutz. Dabei wird ermittelt, ob die Person als Extremist bekannt ist, damit alleine lässt sich Fehlverhalten aber nicht verhindern.

Daher soll mit dem Wertebeauftragen nun deutlich gemacht werden: Wir nehmen nicht jeden. Die Zahl der Bewerber sei grundsätzlich ausreichend, heißt es aus dem BKA. Weiterhin problematisch seien allerdings die Defizite im Bereich der Allgemeinbildung. Wie heißt eigentlich der deutsche Vizekanzler? Wofür steht die Abkürzung RAF? Wer war Günter Guillaume? Was ist das Trennungsgebot? Oft gebe es da erschreckende Wissenslücken.

Defizite schon länger bekannt

Vor einigen Jahren war bekannt geworden, dass viele Bewerber den Sport- oder auch den  Deutschtest des BKA nicht bestanden. Wie schreibt man Kerzendocht, fahlgrün, Hyazinthe oder verbrämt? Heißt es Konkurrenz oder Konkurens? An solchen Fragen scheiterten nicht wenige. Daraufhin wurde entschieden, die Prüfung solle zeitgemäßer gestaltet werden. BKA-Präsident Holger Münch forderte in der "Welt" einen "Philosophiewechsel" bei der Personalgewinnung. Gerade im Bereich der dringend gesuchten Computerspezialisten sei es beispielsweise nicht notwendig, besonders sportlich zu sein.