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Betrugsverdacht Anklage gegen frühere Dexcar-Manager

Stand: 03.05.2021 18:00 Uhr

Zehntausende Kunden lockte ein Essener Autovermittler mit Mietwagen zum kleinen Preis - nur kamen die Autos in vielen Fällen nicht. Nach Informationen von WDR und SZ sollen sich die damaligen Geschäftsführer nun wegen bandenmäßigen Betruges verantworten.

Von Massimo Bognanni und Georg Wellmann, WDR

Zwei Jahre lang einen Neuwagen fahren, gegen eine Einmalzahlung von 500 bis 2000 Euro - mit diesem verlockenden Versprechen köderte die Essener Mietwagenfirma Dexcar jahrelang Zehntausende Kunden in ganz Europa. Doch hinter den vollmundigen Versprechen steckte womöglich eine kriminelle Bande - davon geht zumindest die Staatsanwaltschaft Bochum nach ihren Ermittlungen aus.  

Screenshot dexcar.de

Die Firma warb mit sehr günstigen Preisen für neue Autos (Screenshot von der Dexcar-Website)

Verdacht des bandenmmäßigen Betrugs

Die Strafverfolger haben nach Informationen von WDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) nun den früheren geschäftsführenden Gesellschafter sowie den Marketingdirektor des Unternehmens wegen des Verdachts des bandenmäßigen Betrugs angeklagt. Sie sollen in 126 Einzelfällen Kunden betrogen und sie laut Anklage um insgesamt 158.000 Euro geprellt haben. Da Dexcar einigen Opfern ihr Geld zurückbezahlt haben soll, habe sich der Betrag zwischenzeitlich auf 136.000 Euro reduziert. Das Landgericht Essen bestätigte die Anklage. Die I. Wirtschaftsstrafkammer prüfe derzeit, ob sie zum Hauptverfahren zugelassen werde.

Das italienische Brüderpaar ist laut Landgericht Essen derzeit in der Schweiz ansässig. Die Strafverteidiger der beiden Ex-Dexcar-Manager standen für Presseanfragen nicht zur Verfügung. Als WDR und SZ den mutmaßlichen Anlegerbetrug vor zwei Jahren enthüllten, bestritten die beiden Brüder die Vorwürfe. Auf erneute Anfragen zu der Anklage antworteten sie nicht.

Dexcar war anfangs erfolgreich

Die Anklage ist der düstere Tiefpunkt einer einst strahlenden Start-Up-Geschichte. Im Jahr 2014 schickte sich das junge Unternehmen an, den Automietmarkt zu revolutionieren.

Mit Slogans wie "Langzeitmietautos zum monatlichen Nulltarif" oder "Nie wieder Geld ausgeben für ein neues Auto" traf die Essener Dexcar Autovermietung GmbH offenbar den Nerv Zehntausender Menschen. Auf professionell wirkenden Homepages kursierten schnell Videos mit jubelnden Dexcar-Kunden, die nach der Schlüsselübergabe mit ihren Neuwagen davonbrausten. Rasch expandierte die Firma nach Frankreich, Italien, Österreich, Spanien, den Niederlanden und Rumänien und gewann eigenen Angaben zufolge rund 37.000 Kunden.

 Unterschiedliche neue Auto-Modelle stehen auf dem Autoterminal im Hafen, direkt am VW-Werk.  | dpa

Nach bis zu zwei Jahren Wartezeit einen Neuwagen für zwei Jahre kostenlos fahren - so das Versprechen der Firma. Bild: dpa

Schneeballsystem?

Tatsächlich klang das Angebot revolutionär. Gegen eine Gebühr von 547 Euro bis 1950 Euro stiegen die Kunden ein. Sie vertrauten auf das Versprechen von Dexcar: Nach bis zu zwei Jahren Wartezeit soll der Kunde für 24 Monate ein Auto gratis bekommen - inklusive Kfz-Steuer, Wartung, Versicherung und Reifenwechsel.

Und die Wartezeit auf den ersehnten Neuwagen, versprach Dexcar, lasse sich verkürzen - indem Kunden weitere Menschen für Dexcar begeistern. Viele Dexcar-Neulinge warben nun auch Verwandte, Freunde und Bekannte, um schneller an das Traumauto zu kommen - ein gut geöltes Vertriebssystem, das Dexcar-Verantwortliche als "Network Marketing" bezeichneten. Bozener Verbraucherschützer fanden hingegen für die Masche ein anderes Wort und vermuteten ein Schneeballsystem.

Vermutlich mehr Menschen betroffen

Einen bandenmäßigen Betrug vermutet die Bochumer Staatsanwaltschaft mit Schwerpunkt Wirtschaftskriminalität. Denn immer mehr Kunden warteten nach zwei Jahren vergebens auf ihre Neuwagen. Statt Autoschlüssel gab es Hinhalte-Schreiben. 126 Kunden aus Deutschland, Österreich und Italien erstatteten Anzeige. Auf diesen Fällen basiert die Anklage.

Nach Schätzungen des österreichischen Verbraucherschützers Paul Rusching ist dies nur ein Bruchteil aller Fälle. Der Experte der Arbeiterkammer Voralberg beschäftigt sich seit Jahren mit Dexcar, brachte die Ermittlungen mit Strafanzeigen bei der Staatsanwaltschaft im österreichischen Feldkirch ins Rollen, die später von den Bochumer Strafverfolgern übernommen wurden.

"Das kann nie und nimmer alles sein, allein in Österreich gab es mehrere Tausend Fälle von Kunden, die bei Dexcar ihr Geld verloren haben", sagt Rusching. Die Dimension des mutmaßlichen Dexcar-Betruges gehe in die Millionen. "Ich frage mich, wo das ganze Geld geblieben ist", so Rusching.

Geht es nach den Strafverfolgern, sollen diese Frage im Strafprozess vor dem Essener Landgericht geklärt werden. Für bandenmäßigen Betrug sieht das Strafgesetz bei Verurteilung eine Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren Gefängnis vor.

Über dieses Thema berichtete das SWR Fernsehen in der Sendung "Marktcheck" am 25. Juni 2019 um 20:15 Uhr.