Bild vom Breitscheidplatz in Berlin am 19.12.2016 | Bildquelle: dpa

Anschlag Breitscheidplatz Der Stand der Aufarbeitung

Stand: 19.12.2019 05:43 Uhr

Drei Jahre nach dem Terroranschlag von Anis Amri auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz bleiben trotz umfangreicher Ermittlungen wichtige Fragen unbeantwortet. Ein Überblick.

Von Florian Flade, WDR

Gegen 20.06 Uhr am 19. Dezember 2016, nur wenige Minuten, nachdem er mit dem entführten Lastwagen in den Weihnachtsmarkt gerast war und insgesamt zwölf Menschen tötete, filmte eine Überwachungskamera Anis Amri in der Unterführung des U-Bahnhofs Zoologischer Garten in Berlin. Der Terrorist blickte in die Kamera und hielt den ausgestreckten Zeigefinger nach oben - eine Geste, die den islamischen Monotheismus symbolisieren soll und bei Dschihadisten beliebt ist. 

Kurz danach stieg Amri offenbar in die U-Bahn. Die Ermittler glauben, dass er in seine Wohnung in der Freienwalder im Ortsteil Wedding zurückkehrte. Um 21.51 Uhr filmte eine weitere Überwachungskamera den Tunesier - diesmal in der Prinzenallee im Wedding. Auf den Bilder ist zu sehen: Amri trug nun eine andere Jacke und einen Rucksack.

Flucht über NRW und die Niederlande

Bot Amri Brüssel
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Amri wurde unter anderem in Brüssel von Überwachungskameras erfasst.

Dann verliert sich für mehrere Stunden die Spur des Attentäters. Erst am nächsten Morgen, dem 20. Dezember 2016, tauchte Amri wieder auf - in Nordrhein-Westfalen, unweit jener Asylunterkunft in Emmerich, in der Amri einst gewohnt hatte. Ein afghanischer Asylbewerber meldete sich nach dem Anschlag bei der Polizei und erzählte, er habe Amri gegen 7.00 Uhr im Bus der Linie 58 in Kleve gesehen. 

Er habe den Tunesier noch von früher gekannt, so der Afghane - unter dem Namen "Walid Alahamad". Als er eingestiegen sei, habe Amri bereits ganz hinten im Bus gesessen, gekleidet in einer langen grünen Jacke und mit Rucksack. Amri habe erzählt, er fahre zur Schule. An der Haltestelle Bahnhof Kleve seien beide dann ausgestiegen, Amri soll dann zu den Zügen gelaufen sein.

Handelte Amri alleine?

Polizisten an einem Tatort in Mailand | Bildquelle: AFP
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Polizisten erschossen Amri in Mailand.

Amri reiste offenbar per Bus von Nordrhein-Westfalen in die Niederlande, dann mit dem Zug weiter nach Belgien und Frankreich bis nach Italien. An den Bahnhöfen filmten ihn mehrmals die Überwachungskameras, so lässt sich seine Route rekonstruieren. Am Morgen des 23. Dezember 2016, vier Tage nach seinem Anschlag in Berlin, erschossen italienische Polizisten den Islamisten schließlich in San Sesto Giovanni bei Mailand. 

Bis heute aber wissen die Ermittler nicht, wie Amri genau aus Berlin geflohen ist - und ob er dabei Helfer hatte. Die Aufnahmen der Überwachungskameras von diversen Bahnhöfen in Deutschland wurden für den besagten Zeitraum nach dem Attentat gesichtet und ausgewertet - ohne Ergebnis. Es meldeten sich auch keine Zeugen, die Amri in einem Fernbus gesehen haben wollen. Unklar ist daher, ob Amri eventuell von jemandem mit dem Auto nach Nordrhein-Westfalen gefahren wurde. 

Wann wurde Amri als Attentäter identifiziert? 

Was er an jenem Abend gedacht habe, als er das erste Mal vom Lkw-Anschlag in Berlin gehört habe, fragte der Grünen-Politiker Konstantin von Notz einen hochrangigen LKA-Ermittler aus Nordrhein-Westfalen, der mit Anis Amri befasst war. "Ich dachte, was alle meine Kollegen gedacht haben", so der Kriminalhauptkommissar. "Lass es nicht Amri sein."

Am Abend des 19. Dezember 2016 aber soll noch keineswegs klar gewesen sein, wer der Attentäter war. Zunächst war ein pakistanischer Asylbewerber im nahegelegenen Tiergarten festgenommen worden. Zeugen hatten ihn fälschlicherweise der Polizei als den Attentäter beschrieben. 

Amris Geldbörse im Tat-Lkw

Der Lkw, mit dem Anis Amri in die Menge fuhr | Bildquelle: dpa
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In dem Lkw wurden Amris Papiere gefunden - allerdings erst ein Tag nach dem Anschlag.

Nach offizieller Darstellung der Berliner Polizei wurde Amri erst am Folgetag identifiziert - und zwar, als seine Geldbörse samt Aufenthaltserlaubnis der Ausländerbehörde Kleve in der Fahrerkabine des Lkw gefunden wurde.

Zwischen 15.00 und 16.00 Uhr am 20. Dezember 2016, so teilte die Berliner Polizei mit, sei die Geldbörse entdeckt worden - im Fußraum der Fahrerseite, unter einer Decke. Zuvor hatte man den Lastwagen erst vom Breitscheidplatz in die Julius-Leber-Kaserne nach Berlin-Reinickendorf transportiert und dort von 15.00 Uhr bis 18.45 Uhr untersucht. Durch den Aufprall auf eine Holzbude des Weihnachtsmarts sei die Fahrerkabine reichlich verwüstet gewesen, daher habe man die Geldbörse nicht sofort gefunden.

Der Bundestags-Untersuchungsausschuss will der Frage, wann Amri als Attentäter feststand, weiter nachgehen. Dazu soll auch der "Pegida"-Gründer Lutz Bachmann als Zeuge angehört werden. Er hatte am Abend des Anschlages um 22.16 Uhr, also nur rund zwei Stunden nach der Tat, über Twitter mitgeteilt, einer "internen Info" der "Berliner Polizeiführung" zufolge sei der Attentäter ein "tunesischer Moslem". Die Abgeordneten wollen von Bachmann nun wissen, woher diese Information zu diesem sehr frühen Zeitpunkt stammte. 

Was wussten ausländische Geheimdienste über Amri?

Die deutschen Sicherheitsbehörden waren in heller Aufregung nach dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. Amri war ein behördenbekannter Gefährder. Gleich mehrere Polizeibehörden, Staatsanwaltschaften und Verfassungsschutzämter waren mit ihm zuvor befasst. Hatte man etwas übersehen? Gab es Hinweise darauf, dass der Extremist bald zuschlagen würde?

Der Bundesnachrichtendienst (BND) bat seine Partner nach dem Anschlag weltweit um Mithilfe bei den Ermittlungen. Am 27. Dezember 2016, um 20.13 Uhr, meldete sich nach WDR-Recherchen ein US-Geheimdienst mit einer brisanten Information: Man verfüge über mehrere Videos des Attentäters - aufgenommen wohl vor seiner Tat. Die Videos waren erstmals durch Recherchen von WDR, NDR und SZ bekannt geworden.

Am Folgetag dann übermittelte der Dienst die Videodateien, der BND konnte sie allerdings zunächst nicht öffnen. Erst am 29. Dezember 2016 gingen lesbare Dateien ein. Es handelte sich um vier Videos, aufgenommen wohl zwischen dem 28. und 29. November 2016, also rund drei Wochen vor dem Anschlag. Drei Videos zeigen Amri, der auf Arabisch de-facto Attentate ankündigt, ein viertes Video zeigt den späteren Anschlagsort, den Breitscheidplatz. Die Aufnahmen wurden parallel zum BND auch dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) übermittelt. 

Was wussten ausländische Dienste?

Besaß ein ausländischer Geheimdienst demnach schon vor dem Attentat Drohvideos von Amri? Warum wurden die Aufnahmen nicht schon früher an deutsche Behörden übermittelt? Der Untersuchungsausschuss im Bundestag durfte die besagten Videos mittlerweile zwar sehen. Woher sie allerdings genau stammen, dazu schweigt die Bundesregierung weiterhin. 

So bleibt unklar, ob der ausländische Geheimdienst möglicherweise schon vor dem Anschlag in den Besitz der Drohvideos gelangt war - etwa durch die "technische Aufklärung", also das Herausfiltern von Informationen im weltweiten Datenstrom durch Selektoren wie E-Mail-Adressen oder Handynummern. Oder ob der Dienst die Videodateien erst nach dem Attentat beschafft hatte, zum Beispiel durch den Zugriff auf eine Cloud, in der die Inhalte von Amris Handy gespeichert waren.

Woher stammt die Pistole, mit der Amri den Lkw-Fahrer erschoss? 

Fotos zeigen den späteren Attentäter mit Waffen | Bildquelle: RBB
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Fotos zeigen den späteren Attentäter Amri mit Waffen.

Bevor er in die Menschenmenge am Breitscheidplatz raste, tötete Amri den polnischen Lastwagenfahrer Lukasz U. mit einem Kopfschuss, um dessen Sattelschlepper zu entführen. Die Waffe, die der Islamist dabei verwendete, ist eine Pistole der Marke Erma, Modell EP 552, Kaliber .22 mit der Seriennummer 012030.

Auch drei Jahre nach dem Anschlag wissen die Ermittler nicht, wie Amri an diese Waffe gelangt war. Der Weg der Pistole konnte nur teilweise rekonstruiert werden: Sie wurde demnach 1990 im bayerischen Dachau produziert, an einen Waffenhändler in Erlangen, dann 1992 an einen weiteren Händler in Würzburg und schließlich im Oktober 1992 an ein Fachgeschäft in Konstanz am Bodensee verkauft.

Spur führt in die Schweiz

Was dann mit der Pistole geschah, lässt sich aufgrund eines Ermittlungsverfahrens aus der Schweiz nachvollziehen. Der Schweizer Rudolf Z. soll zwischen September und Dezember 1992 mehrere Pistolen und Revolver in dem Geschäft in Konstanz gekauft haben. Er fungierte dabei wohl als Strohmann für den aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Joza P., der die Waffen letztendlich auf den Balkan geschmuggelt haben soll.

Joza P., der in der Schweiz wegen des Waffenhandels verurteilt wurde, lebt heute in einem osteuropäischen Land. Er wurde bereits im Auftrag des Bundeskriminalamtes (BKA) von der örtlichen Polizei zu seinen Waffengeschäften befragt - und soll ausgesagt haben, dass er sich nicht mehr erinnern könne, an wen er die Pistolen weitergegeben habe. Amri jedenfalls kenne er nicht. 

Auf einem der Drohvideos, die der BND und der Verfassungsschutz nach dem Anschlag erhalten hatten, ist Anis Amri wohl mit der späteren Tatwaffe zu sehen. Demnach besaß der Islamist die Pistole wohl bereits einige Wochen vor seiner Tat. 

Dritter Jahrestag des Attentats vom Breitscheidplatz
Claudia van Laak, DLF
19.12.2019 09:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. Dezember 2019 um 06:45 Uhr.

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Florian Flade, WDR Logo WDR

Florian Flade, WDR

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