Volkswagen-Produktion in Zwickau | Bildquelle: dpa

Konkurrenz um Standort Saudi-Arabien buhlt um VW-Werk

Stand: 29.06.2019 14:42 Uhr

Bisher waren Bulgarien und die Türkei Favoriten für ein neues VW-Werk. Die Türkei hatte VW zahlreiche Angebote gemacht. Nach ARD-Informationen könnten diese nun durch Saudi-Arabien übertroffen werden.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Bulgarien oder Türkei: In einem der beiden Länder will der Volkswagenkonzern ein Passat-Werk bauen, hieß es bisher. Niedrige Löhne, günstige Steuern, die logistische Anbindung - einiges spricht für den Standort Manisa bei Izmir, der großen türkischen Hafenstadt an der Ägäis.

Sollte der türkische Staat sein Angebot an den Konzern noch in Nuancen verbessern, stünden die Chancen gut, dass sich der Aufsichtsrat der Volkswagen AG für die Türkei entscheidet und das trotz der Defizite beim türkischen Rechtsstaat, heißt es in Berliner Regierungskreisen.

Weil im Aufsichtsrat der Volkswagen AG die niedersächsische Landesregierung ein deutliches Wort mitzusprechen hat, sieht man in der Bundesregierung eine Standortentscheidung für die Türkei auch politisch als einen deutlichen Schritt auf die Regierung in Ankara zu. Das Verhältnis zwischen Berlin und Ankara gilt aufgrund in der Türkei inhaftierter deutscher Staatsbürger als nach wie vor angespannt.

Spürbare Zurückhaltung

Ankara will sich den Bau eines VW-Werks einiges kosten lassen. Mehr als 100 Millionen US-Dollar Zuschuss, ein kostenfreies Grundstück und logistische Anbindung gehörten zum Angebot, sagt ein Lobbyist der ARD. Im Übrigen will der Staat eine signifikante Menge von bei Beamten und Politikern beliebten Passat-Limousinen abnehmen. Sollte sich Volkswagen für einen anderen Standort entscheiden, fahren die Staatsbediensteten in Zukunft wohl eher Toyota, heißt es aus Ankara.

Doch seit Freitagvormittag spüren in Deutschland ansässige türkischen Lobbyisten eine plötzliche Zurückhaltung in Wolfsburg für die Standortentscheidung an der Ägäis. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass sich offenbar ein weiterer finanzstarker Player in diesen Tagen beim VW-Konzern ins Spiel bringt.

Konkurrent Saudi-Arabien

Saudi-Arabien bemühe sich seit 25 Jahren um ein Automobilwerk, heißt es in Lobbyisten-Kreisen und das Land könne jedes Angebot toppen. Wie sehr sich Saudi-Arabien um den Automobilsektor bemüht, zeigt auch der Besuch des Kronprinzen Mohammed Bin-Salman in Südkorea. Dort hat er ein milliardenschweres Abkommen zur wirtschaftlichen Kooperation unterzeichnet. Dabei geht es auch um den Automobilhersteller Hyundai.

Nach ARD-Informationen hat Saudi-Arabien Argumente, die der VW-Vorstand zumindest nicht sofort vom Tisch wischen kann. So würde das Königshaus jedes gebaute Auto mit mindestens 1000 US-Dollar über mehr als 10 Jahre fördern. Der Staat würde dem Werk pro Jahr in fünfstelliger Höhe PKW abnehmen. Die Umsatzsteuer liege bei fünf Prozent. Land, Gebäude und die entsprechende Infrastruktur würden zur Verfügung gestellt werden. Aus- und Weiterbildung wolle man finanzieren.

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman | Bildquelle: REUTERS
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Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman hatte sich bereits um eine Kooperation mit Hyundai bemüht.

Schon Standort Türkei umstritten

Zwar gibt man sich in Regierungskreisen in Berlin ahnungslos, doch dass die Entscheidung für den Standort Türkei noch nicht endgültig gefällt ist, zeigt auch die Antwort des Volkswagen-Konzerns auf die Frage, ob man Kenntnis von dem Angebot aus Riad habe. Man sei weiterhin in einem ergebnisoffenen Auswahlprozess, schreibt die VW-Pressestelle. Es gebe eine Shortlist mit Favoriten. Nach der Untersuchungsphase folge nun die Verhandlungsphase mit den verschiedenen Kandidaten.

Durch eine Kooperation mit Saudi-Arabien würde die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und dem Königreich nachhaltig gestärkt werden, sagt ein Insider der ARD. Allerdings ist bereits der Standort Türkei im VW-Aufsichtsrat aufgrund des maroden Rechtsstaats ein umstrittenes Thema.

Rigides Scharia-Recht in Saudi-Arabien

Saudi-Arabien sei mit seinem rigiden Scharia-Recht noch fraglicher, so Carsten Müller, CDU-Bundestagsabgeordneter, in dessen Wahlkreis Braunschweig das älteste VW-Werk steht. Er glaubt, eine Kapazitätsausweitung in der Türkei sei dem Gesamtkonzern dienlich. Allerdings müssten auch dort Arbeitnehmerbelange bedacht werden. Saudi-Arabien kann sich Müller als Standort deshalb kaum vorstellen, weil dort die nötigen Facharbeiter fehlen würden. Die Türkei habe mit ihrem Automobilzulieferernetz in dieser Frage einen deutlichen Vorteil.

Ein besonders schwerwiegendes Argument gegen Saudi-Arabien dürfte nach wie vor der Mord an dem saudischen Journalisten Jamal Kashoggi sein. Die UN-Sonderberichterstatterin Agnès Callamard forderte vor Kurzem, es müsste weitere Ermittlungen geben, inwiefern Kronprinz Mohammed Bin-Salman verantwortlich für den Mord an Kashoggi ist. Auch deshalb dürfte sich insbesondere Stephan Weil, Ministerpräsident in Niedersachsen, Sozialdemokrat und VW-Aufsichtsrat, schwertun, den Standort Saudi-Arabien seinen Wählern gegenüber zu rechtfertigen. Die Entscheidung des VW-Aufsichtrats soll Mitte Juli fallen.

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