Ein Mann arbeitet an der Tastatur eines Laptops.  | dpa
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Über 40 Millionen Euro Schaden Prozess um Cybertrading-Portale startet

Stand: 03.05.2022 01:37 Uhr

In Saarbrücken beginnt einer der bundesweit größten Online-Betrugsprozesse. Über gezinkte Finanzportale sollen Anleger mehr als 40 Millionen Euro verloren haben. Der Angeklagte soll Teil eines internationalen Betrügernetzwerks sein.

Von Caroline Uhl und Niklas Resch, SR

Schon seit vier Jahren hatten Ermittler aus Deutschland und Österreich das Netzwerk im Visier. Bei 35 Razzien in fünf verschiedenen europäischen Ländern sicherten die Behörden 5,1 Terabyte Daten. Die Unterlagen zu dem Prozess am Saarbrücker Landgericht füllen jetzt 866 Aktenordner. Die Anklageschrift ist nach SR-Informationen 728 Seiten lang, bisher sind 28 Prozesstage bis in den September hinein angesetzt.

Angeklagt ist der 29 Jahre alte Azem S. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor. Er soll Teil eines Netzwerks sein, das mithilfe von Online-Portalen für hochspekulative Finanzwetten Anleger systematisch um ihr Geld brachte.

Verlockende Rendite-Versprechen

In beschlagnahmten Datenbanken fanden Ermittler Hinweise auf hunderte solcher gezinkter Internet-Portale. In dem Gerichtsprozess wird es um fünf von ihnen gehen. Sie heißen "XMarkets.com", "Zoomtrader", "Option888", "TradeInvest90" und "TradoVest". Gelockt mit hohen Renditeversprechen zahlten Privatinvestoren dort Geld ein. Sie gingen demnach davon aus, über die Plattformen beispielsweise auf den Verlauf von Börsenkursen zu wetten.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft überredeten dabei Telefon-Agenten von südosteuropäischen Callcentern aus die Anleger mit Tricks dazu, immer mehr Geld an die Portale zu überweisen. Am Ende war meist alles weg. Das eingezahlte Geld soll auch nur zum Schein in Finanzwetten geflossen sein, tatsächlich aber direkt in die Taschen der mutmaßlichen Betrüger.

Trading-Plattform  (Screenshot)

Mit professionell gestalteten Webseiten wurden die Opfer dazu verleitet, Geld zu überweisen.

Offenbar Tausende Anleger hereingelegt

Über diesen Weg soll die Bande einen enormen Schaden angerichtet haben. Zur Anklage gebracht hat die Saarbrücker Staatsanwaltschaft nun die Fälle von insgesamt 1153 Geschädigten aus Deutschland und Österreich. Sie haben zusammen rund 42 Millionen Euro verloren, im Schnitt rund 35.000 Euro pro Person. Der höchste Verlust einer Einzelperson liegt laut Staatsanwaltschaft bei 5,5 Millionen Euro.

Tatsächlich dürfte der Schaden, den die Bande angerichtet hat, aber noch viel höher ausfallen. Nach SR-Informationen fanden die Ermittler in ausgewerteten Datenbanken die Namen von über 200.000 möglichen Geschädigten, die insgesamt 115 Millionen Euro eingezahlt haben.

Im Sommerurlaub festgenommen

Im Sommer 2019 hoben Ermittler ein Callcenter im Kosovo aus, von wo aus Telefonagenten Anlegern ihr Geld abgeschwatzt haben sollen. Der Angeklagte S. soll das Callcenter geleitet haben. Die Ermittler schnappten ihn rund zwei Monate nach der Razzia im Sommerurlaub in Albanien. Seit Sommer 2020 sitzt er in Deutschland in Untersuchungshaft. Sein Verteidiger wollte sich auf SR-Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. Er kündigte aber eine Einlassung seines Mandanten im Verlauf des Prozesses an.

Der mutmaßliche Kopf der Bande soll ein Deutscher gewesen sein, der sich in der Vergangenheit mit Online-Casinos und Plattformen für Online-Poker einen Namen gemacht hatte. Ihn hatten Spezialkräfte der Polizei im Januar 2019 in Österreich festgenommen. Später wurde er nach Deutschland ausgeliefert. In Untersuchungshaft in Saarbrücken starb er im Sommer 2020 an einer Medikamenten-Überdosis. Die genauen Hintergründe seines Todes bleiben unklar.

Durch die Ermittlungen der Saarbrücker Staatsanwaltschaft sind zwar fünf Onlineportale vom Netz. Die Betrugsmasche mit anderen fingierten Tradingportalen läuft nach Einschätzung von Verbraucherschützern und Ermittlern aber noch immer weiter.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. Februar 2022 um 06:35 Uhr.