Smartphone mit Facebook-F und Coronavirus im Hintergrund | Bildquelle: dpa

Ärzte und Virologen Gegen das Virus der Falschinformation

Stand: 07.05.2020 12:30 Uhr

Ärzte und Virologen aus der ganzen Welt rufen in einem offenen Brief zum Kampf gegen Falschnachrichten auf. Sie hoffen unter anderem auf Unterstützung von Facebook-Gründer Zuckerberg.

Von Marcel Kolvenbach, SWR

Deutschlands bekanntester Virologe, Christian Drosten, hat den Aufruf unterschrieben und auch seine Kollegin Melanie Brinkmann. Der Virologin ist es wichtig, dass die Menschen nicht aufgrund von Falschinformationen Entscheidungen treffen, die das eigene Leben oder das Leben von anderen gefährden können. "Wir müssen sicherstellen, dass Informationen, die noch nicht gar sind, keine massenhafte Verbreitung finden", erklärte Brinkmann gegenüber dem SWR.

Prof. Dr. Melanie Brinkmann
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Virologin Brinkmann fordert, massenhafte Verbreitung von falschen Informationen zu stoppen.

"Tödlicher als das Virus selber"

Die einfachen Mixtouren gegen Covid-19, die in den sozialen Medien kursieren, können dabei mitunter tödlicher sein als das Virus selber. Um den öffentlichen Druck auf die verantwortlichen Konzerne zu verstärken, hier Verantwortung zu übernehmen, veröffentlichen die Internetaktivisten der Nichtregierungsorganisation "Avaaz" den Hilferuf der Wissenschaftler heute auf einer ganzseitigen Anzeigenseite in der "New York Times".

Avaaz zitiert einen der Erstunterzeichner, den New Yorker Epidemiologen Duncan Maru, mit den Worten:

"Als Vater und Arzt, der sich um Covid-19-Patienten in Queens/New York kümmert, habe ich selbst miterlebt, wie Lügen über das Coronavirus das Leben von Menschen gefährden - von Menschen, die Desinfektionsmittel trinken, um sich zu 'heilen', bis hin zu denjenigen, die glauben, die Krise sei ein einziger Schwindel und sich deshalb nicht an die Abstandsregeln halten oder sich weigern, die Hilfe in Anspruch zu nehmen, die sie eigentlich brauchen."

Superspreader erreichen fast 1,5 Millionen Menschen

Doch nicht nur in den USA, auch in Deutschland werden Verschwörungsmythen über Covid-19 millionenfach geteilt, dies belegt eine aktuelle Studie von "NewsGuard", die dem SWR vorliegt. "Wir haben elf Facebook-Seiten identifiziert, die Corona-Falschinformationen an eine besonders große Followerschaft verbreiten, sogenannte Superspreader. Das bedeutet, dass sie eine besonders hohe Reichweite auf Facebook haben: Zusammen erreichen diese Seiten fast 1,5 Millionen Follower", erklärt Marie Richter, eine der Autorinnen der deutschen Superspreader-Analyse von "NewsGuard", einem amerikanischen Unternehmen, das die Glaubwürdigkeit und Transparenz von Online-Nachrichten bewertet.

Für die Verbreitung von Falschinformationen über Covid-19 fielen laut Richter vor allem diese Facebook-Seiten auf: RT Deutsch, Der Wächter, Frieden Rockt, Dr. Ruediger Dahlke, Compact-Magazin, Anonymous Deutschland, Augen Auf, Freidenkerkollektiv, Medizin Heute, Anonymous Offiziell und Russische Nachrichten.

Einschlägig bekannte Seiten

Florian Meißner, Kommunikationswissenschaftler an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf, hat die deutsche Superspreader-Analyse für "NewsGuard" redaktionell betreut. Sein Fazit: "Es gibt eine sehr hohe Überschneidung von Seiten, die jetzt über das Coronavirus Falschinformationen verbreiten, die zuvor schon einschlägig für die Verbreitung von Falsch- und Desinformationen waren."

Verschwörungstheorien veröffentlichen? Weiter möglich

Trotz der angekündigten Maßnahmen von Facebook, der Verbreitung dieser Art von Falschinformationen Einhalt zu gebieten, sei es diesen Seiten weiterhin möglich, Verschwörungstheorien rund um das neuartige Coronavirus zu veröffentlichen. Facebook habe bei nur einem der von "NewsGuard" überprüften irreführenden Postings darauf hinwiesen, dass der Inhalt von unabhängigen Faktenprüfern als falsch eingestuft wurde.

Ein Sprecher von Facebook entgegnete gegenüber dem SWR, man habe bereits Hunderttausende schädlicher Informationen gelöscht und alleine im März 40 Millionen Posts nach Prüfung durch unabhängige Faktenchecker mit Warnhinweisen versehen. Außerdem habe man über zwei Milliarden Menschen zu Informationen von offiziellen Gesundheitsstellen geleitet.

Wissenschaftler fordern mehr Engagement

"Diese Anstrengungen sind aber bei weitem nicht genug", befinden die Wissenschaftler in ihrem Brief an Facebook-Chef Mark Zuckerberg und die Chefs von Twitter, YouTube und Google. Sie sind überzeugt, dass die mächtigen Technologieunternehmen mehr tun können: "Um Leben zu retten und das Vertrauen in die wissenschaftlich fundierte Gesundheitsversorgung wiederherzustellen, müssen die Tech-Giganten aufhören, die Lügen, Verdrehungen und Fantasien, die uns alle bedrohen, weiter anzufachen."

Virologin Brinkmann versteht die Ungeduld der Menschen, die jetzt gerne schnellere Antworten hätten. "Auch die Politik will von uns jetzt sofort belastbare Zahlen haben, aber die gibt es eben in vielen Fragen noch nicht." So fände dann das coolere Gerücht die schnellste Verbreitung und nicht das zähe Ringen der Wissenschaft um komplexe Zusammenhänge. Sie wolle aber mit ihrer Forderung ausdrücklich nicht die Meinungsfreiheit einschränken - ganz im Gegenteil, sie plädiert dafür: "Bildet euch eure eigene Meinung." Grundlage dafür aber ist der Zugang zu zuverlässigen Informationen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Mai 2020 um 16:00 Uhr.

Korrespondent

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Marcel Kolvenbach, SWR

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