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VW-Motor EA 288 KBA widersprach eigenen Untersuchungen

Stand: 04.12.2019 17:16 Uhr

Erneut gibt es den Verdacht, dass ein VW-Dieselmotor manipuliert wurde. Der Konzern dementiert dies und verweist auf Tests des Kraftfahrt-Bundesamts. Doch das Amt widersprach der eigenen Untersuchung später selbst.

Von Nick Schader, SWR

Die Staatsanwaltschaft in Braunschweig hat am Dienstag eine Durchsuchung von Büroräumen beim Volkswagen-Konzern in Wolfsburg angeordnet. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht laut Agenturberichten der VW-Dieselmotor EA 288. Er ist in vielen aktuellen Fahrzeugen von VW, Skoda und Seat eingebaut und der Nachfolger des EA 189, der im Zentrum des ersten Dieselskandals stand.

Im September hatte der SWR über mögliche Abschalteinrichtungen bei VW-Dieselmotoren der Baureihe EA 288 berichtet. Das Bundesverkehrsministerium hatte die Berichte aber dementiert und dabei auf Untersuchungen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) zum Motor EA 288 verwiesen. Das Amt habe "zu diesen Modellen bereits in 2016 eigene Messungen, Untersuchungen und Analysen durchgeführt", teilte das Ministerium mit. "Unzulässige Abschalteinrichtungen konnten nicht festgestellt werden - auch nicht in Gestalt einer unzulässigen Zykluserkennung."

In einer Testreihe im Jahr 2016 hatte das KBA unter anderem das Modell VW Touareg 3.0 untersucht. Es wurde danach vom Manipulationsverdacht vollständig freigesprochen. Im Abschlussbericht des Kraftfahrtbundesamtes hieß es: "Der in den USA erhobene Vorwurf zur Verwendung unzulässiger Abschalteinrichtungen bei einigen Modellen mit 3.0 Liter-Motoren ist durch die unabhängige Überprüfung des KBA für die Fahrzeugtypen Audi A6 und VW Touareg für den europäischen Markt in dieser Form nicht bestätigt worden."

Rückruf gefordert

Doch Ende 2017 forderte das Kraftfahrt-Bundesamt VW dann auf, den VW Touareg 3.0 zurückzurufen und die Manipulationen zu beseitigen. Auf mehreren Seiten wird in dem Schreiben, das dem SWR vorliegt, die illegale Abschalteinrichtung des Touareg kritisiert. Das steht im Widerspruch zu den Ergebnissen der Untersuchung von 2016. Genau bei dieser Untersuchung wurde auch der VW-Motor EA 288 von jeglicher Manipulation freigesprochen, obwohl die Stickoxid-Messergebnisse auf der Straße bis zu zehn mal höher lagen als auf dem Prüfstand.

Das KBA hatte in derselben Untersuchung weitere Fahrzeuge in die Kategorie 1 (unverdächtig) eingestuft. Doch mittlerweile liegen auch für diese Modelle offizielle Rückrufe wegen "illegaler Abschalteinrichtungen" vor.    

VW Touareg
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Ende 2017 forderte das KBA VW auf, den VW Touareg 3.0 zurückzurufen.

"Onboard-Diagnose-System"

Im Zentrum der aktuellen Ermittlungen gegen den VW-Konzern steht laut der Nachrichtenagentur Reuters unter anderem das "Onboard-Diagnose-System" (OBD) der VW-Fahrzeuge. Nach SWR-Recherchen arbeitet das "OBD" nicht wie vom Gesetz vorgeschrieben.

Denn laut EU-Vorschrift 692/2008 müsste der Bordcomputer der Fahrzeuge einen Fehler melden, sobald die Abgasreinigung nicht korrekt funktioniert oder abgeschaltet ist, denn dadurch steigen die Stickoxid-Emissionen massiv an - bei einem Ausstoß von mehr als 240 mg/km an Stickoxiden sollte der Alarm angehen. Doch das passiert nicht. Sowohl bei unabhängigen Messungen als auch bei den Untersuchungen des Kraftfahrt-Bundesamtes meldete das "OBD" keinen Fehler, selbst bei deutlichen Grenzwertüberschreitungen.

Indiz für Betrug?

Anwälte, die gegen VW Klagen führen, werten diese "Deaktivierung" als klares Indiz, dass VW hier vorsätzlich betrogen hat. Denn nur so sei es möglich, die Abgasreinigung abzuschalten, ohne eine Warnmeldung im Bordcomputer auszulösen.

Der VW-Konzern bestreitet, dass auch bei Fahrzeugen mit dem Dieselmotor EA 288 betrogen wurde. Auf Anfrage des SWR hatte der Konzern mitgeteilt: "Fahrzeuge mit dem Dieselmotor EA 288 nach dem heute gültigen Abgasstandard EU6 in EU 28 enthalten keine Zykluserkennung."

"Definitiv nicht erlaubt"

Der SWR legte die internen Dokumente des VW-Konzerns zum EA 288 mehreren Experten vor, darunter Peter Mock, Europa-Direktor der Forschungsorganisation ICCT, die den ersten Dieselskandal (VW Motor EA 189) mit aufgedeckt hatte. Nach Durchsicht der VW-Dokumente kommt er zum Schluss: "Die Abschalteinrichtung des EA288 wird so dargestellt, als ob sie deutlich weniger schlimm wäre als die des EA189, da sie 'nur' das Fahrprofil erkennt und nicht auch noch durch weitere Fahrparameter gesteuert wird." Dennoch - auch die Erkennung des Fahrprofils, die an sich schon sehr effektiv sei - sei definitiv nicht erlaubt und definiere eine Abschalteinrichtung."

Zu diesem Ergebnis kommt auch Kai Borgeest vom Zentrum für Kfz-Elektronik und Verbrennungsmotoren der TH Aschaffenburg: "Unserer Meinung nach liefern die Dokumente Belege dafür, dass mindestens eine Zykluserkennung unzweifelhaft vorhanden ist."

Das zuständige Kraftfahrt-Bundesamt hat sich trotz zahlreicher Anfragen des SWR bisher nicht zu dem Manipulationsverdacht beim EA 288 geäußert und sämtliche Anfragen ignoriert.

 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. Dezember 2019 um 17:37 Uhr.

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