Brennender Wald in Sibirien (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance/dpa/Emergency S

Russisches Taiga-Holz Import an allen Kontrollen vorbei?

Stand: 17.12.2020 08:59 Uhr

Ein Holzhändler plünderte in der russischen Taiga ein Gebiet von der Größe Hessens. Laut der Umwelt-NGO Earthsight sind so möglicherweise viele Tonnen Holz illegal nach Deutschland verkauft worden.

Von Alexander Bühler, SWR

In der Präsentation der russischen Unternehmensgruppe BM machte das Sägewerk mächtig was her, damals vor acht Jahren: Mit Hunderten Arbeitsplätzen, große Stämme würden blitzschnell entrindet und geschnitten. Container würden angeliefert und im Dutzend wieder mit Nutzholz gefüllt auf Lastwagen verladen und abtransportiert. Ein Zentrum der Industrialisierung mitten in der Abgeschiedenheit der Region Chabarowsk, wo sich statistisch 1,7 Menschen pro Quadratkilometer verlieren.

Die Taiga, jener Waldgürtel aus Nadelbäumen hoch im Norden Russlands, bildet ein wichtiges Reservat, um langfristig Kohlenstoff zu binden und ist gleichzeitig ein wichtiger Sauerstofflieferant, das Gegenstück zu Amazonas-Urwald und Kongobecken. Und genau hier sind möglicherweise Tonnen von Baumstämmen illegal geschlagen und nach Deutschland exportiert worden, schreibt die Umweltschutzorganisation Earthsight in ihrer neuesten Studie "Taigaking". 

"Die Bemühungen der EU, illegales Abholzen in Ländern außerhalb der EU zu stoppen, funktionieren nicht", sagt Earthsight-Direktor Sam Lawson. "Dabei treibt die EU durch ihren Holzverbrauch die weltweite Entwaldung an, die massiv zum Klimawandel und der zunehmenden globalen Erwärmung beiträgt."

Abholzarbeiten in der Taiga (Archivbild) | Bildquelle: picture-alliance / dpa
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Laut der NGO Earthsight wurden zuletzt in der Taiga rund 20.000 Quadratkilometer Wald industriell genutzt und das Holz weiter in die EU exportiert.

Vorzeigeprojekt hält Zusagen nicht ein

Im Zentrum des Falls steht die russische Firmengruppe BM unter der Leitung des Geschäftsmanns Alexander Pudovkin. Sie hat auf die Anfrage nicht reagiert. 2012 erhält das Tochterunternehmen Asia Les vom russischen Staat den Status eines Vorzeigeprojekts - mit weitreichenden Vorteilen: Den Recherchen von Earthsight zufolge durfte die Firma jedes Jahr eine Million Kubikmeter Holz fällen, zwischen 2014 und 2018 habe Asia Les zusätzlich staatliche Subventionen in Höhe von 15 Millionen Euro erhalten.

Gleichzeitig geht mit dem Status als Vorzeigeprojekt auch eine Verpflichtung einher: Infrastruktur zu bauen - wie jene Sägemühle, die Pudovkin in einer dem SWR vorliegenden Powerpoint-Präsentation vorgestellt hatte: Komplett mit einer elektrischen Transformatorenstation, Rundholzsortierung, Baumrindenentfernung, einer Pellet-Fabrik, Verwaltungstrakt und drei Lagerhäusern zum Trocknen des Holzes. Allein - der Plan wird nie realisiert.

Geheimdienst durchleuchtet die Firmengruppe

Ende 2017 beginnt der russische Geheimdienst FSB die BM Firmengruppe zu durchleuchten. Denn statt der versprochenen Hunderte Arbeitsplätze sind nur 170 entstanden, statt die Bäume industriell zu verwerten, wurden schlicht die Stämme nach China exportiert, so Earthsight. Und im Dezember 2018 seien die staatlichen Wirtschaftsprüfer zu einem vernichtenden Ergebnis gekommen: ein Schwindel.

Bei den deutschen Handelspartnern der BM-Gruppe klingeln die Alarmglocken, denn laut der EU-Holzhandelsverordnung EUTR sind Importe problematisch, wenn im Herkunftsland Gesetze verletzt wurden.

Satellitenfoto vom brennendem Wald in Sibirien (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance/dpa/ZUMA Wire
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Bisher war die russische Taiga wegen der riesigen Waldbrände der letzten Sommer in den Schlagzeilen. Die Brände in Sibirien waren teilweise vom Weltall aus sichtbar.

Holz könnte beschlagnahmt werden

Falls überhaupt, formuliert die zuständige Kontrollbehörde BLE (Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung) auf Anfrage extrem vorsichtig, "wäre zunächst zu prüfen, ob sich darüber hinaus auch nachweisen lässt, dass illegal eingeschlagenes Holz durch deutsche Marktteilnehmer von diesem Unternehmen importiert wurde. In diesem Fall könnte das Holz beschlagnahmt werden." Doch die BM Gruppe wendet einen schlichten Trick an: Sie verlegt den Export nominell auf eine andere, nicht umstrittene Tochterfirma, auf Logistic Les. 

Und während im Mai 2019 die Gebietsverwaltung gerichtlich gegen Belegschaft und Geschäftsführung von Asia Les vorging, um ihre Sonderrechte beim Forsteinschlag zu stoppen, machten die - Earthsight zufolge - munter weiter: Bis die nächste Instanz der Verwaltung Recht gab, hatte das Unternehmen nochmal 150 Quadratkilometer bisher intakter Wälder abgeräumt. Tatsächlich wurden laut der NGO in der ganzen Amtszeit von Alexander Pudovkin rund 20.000 Quadratkilometer Wald industriell genutzt und weiter in die EU, etwa nach Deutschland, exportiert.

Fünf deutsche Firmen als Kunden

Fünf deutsche Firmen listet Earthsight auf, die zwischen Januar 2015 und April 2020 bei der BM Gruppe eingekauft haben, in einem Umfang von 30.000 Tonnen. Trotz aller Kontrollmechanismen. Die Firma Weissenbach, die laut Earthsights Handelsunterlagen noch bis Februar 2019 bei der BM Group eingekauft hat, schreibt auf Anfrage, "dass wir bei allen Importen, die wir von außerhalb der EU in den vergangenen Jahren getätigt haben, strengste Maßstäbe an die Einhaltung der uns durch die EUTR auferlegten Sorgfaltspflicht haben walten lassen. (…) Im Fall von BM Group / Asia Les unterhalten wir seit 2017 keine Geschäftsbeziehung mehr!"

Auch andere Unternehmen antworten konsterniert - ohne die Panne erklären zu können. Das ebenfalls genannte Unternehmen Jacob Jürgensen erklärt: "Überprüft werden alle Dokumente in der Lieferkette, angefangen von Einschlagslizenzen und Transportdokumenten bis hin zu Zertifizierungen unabhängiger Dritter (…). Im Rahmen unserer Sorgfaltspflicht kommt es vor, dass von einem Import abgesehen wird, da die Risiken nicht vernachlässigbar sind oder uns keine ausreichende Einsicht in die Unterlagen gewährt wird, und die Transparenz bei der Beschaffung von Informationen fehlt. Bisher sind unsere Entscheidungen von den Beratungsfirmen, der Monitoring Organisation und der Behörde bestätigt worden."

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