Mutmaßlich Waseem Siyam ist gefesselt und mit einer Waffe im Rücken in einem Ausschnitt des Videos zu sehen. | SWR
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Massenerschießung in Damaskus Syrer erkennen Familienmitglied auf Video wieder

Stand: 04.05.2022 14:33 Uhr

Ein geleaktes Video aus dem Assad-Regime zeigt eine Massenerschießung im Jahr 2013 in Damaskus. Syrer aus Mainz wollen nun eines der Opfer wiedererkannt haben - ein jahrelang vermisstes Mitglied der Familie.

Von Eric Beres und Sami Haddad, SWR

Am vergangenen Freitag bekamen Omar und Siham Siyam aus Mainz einen Anruf. Ein Bekannter berichtete ihnen, er habe auf einem Video, das im Internet kursiert, deren seit Jahren vermissten Sohn wiedererkannt. Als Omar und Siham, die 2016 aus Syrien nach Deutschland geflüchtet sind, das Video selbst mehrmals gesehen haben, besteht für sie kein Zweifel mehr: In einer Szene sei ihr Sohn Waseem, damals 34 Jahre alt, zu erkennen. Bekleidet mit weißem T-Shirt und blauer Jeans, wird er in einer verlassenen Gasse in Damaskus an eine Grube herangeführt. Dort muss er selbst hineinspringen und wird noch im Fallen erschossen.

"Genau diese Kleidung hatte er damals an, außerdem noch einen blauen Pullover und eine Weste über dem T-Shirt", sagt Mutter Siham Siyam gegenüber dem SWR. Zudem habe sie Waseem an dessen Stimme erkannt. In dem Video habe sie gehört, wie der Sohn nach der Richtung gefragt habe, nachdem der Todesschütze ihm Anweisungen gegeben habe.

Omar und Siham Siyam | SWR

Omar und Siham Siyam aus Mainz halten Fotos ihres Sohnes Waseem in der Hand. Bild: SWR

USA verurteilen Tadamon-Massaker

Das Video, über das die tagesschau bereits berichtet hat, sorgt in arabischsprachigen Medien und Sozialen Netzwerken seit Tagen für Aufsehen und Empörung. Es wird inzwischen in Originalfassung verbreitet und zeigt in weniger als sieben Minuten insgesamt zehn Erschießungen in Tadamon, einem südlichen Stadtteil von Damaskus, aufgenommen am 16. April 2013. Die mutmaßlichen Täter sind nach Recherchen des niederländischen Instituts für Genozidforschung (NIOD) Mitglieder der regimenahen "National Defense Forces" und des syrischen Geheimdienstes.

In Kommentaren in Sozialen Medien fordern Nutzer eine Bestrafung der Täter und nehmen das "Tadamon-Massaker" zum Anlass, mit Karikaturen an die Verbrechen des Assad-Regimes zu erinnern. Das US-amerikanische Außenministerium verurteilte die "Gräueltaten" in einer Presseerklärung. Das "offensichtliche Massaker" sei ein weiteres erschreckendes Beispiel für den Horror, den das syrische Volk seit mehr als einem Jahrzehnt erleiden müsse.

Verhaftung nach Mehl-Transport?

Wie die Opfer in die Fänge der Täter gerieten, darüber ist bisher wenig bekannt. Die Siyams aus Mainz - neben den Eltern wohnen hier auch mehrere Geschwister von Waseem - können nun über die letzten Lebenszeichen ihres Familienmitglieds berichten.

Waseem, verheiratet, zwei Töchter, sei bereits am 14. April 2013, zwei Tage vor dem "Tadamon-Massaker", spurlos verschwunden. Er habe an diesem Tag bei ihnen übernachtet, weil er früh um sechs Uhr habe aufstehen müssen, um als Selbständiger einen Auftrag aus dem syrischen Innenministerium auszuführen, sagt Mutter Siham Siyam.

Waseem habe mit seinem Pick-up aus einer Mühle Mehl in eine staatliche Bäckerei im Stadtteil Tadamon transportiert. Die Familie habe früher selbst zwei Bäckereien betrieben. An dem 14. April habe Waseem mehrere Checkpoints in Tadamon passieren müssen. "Um etwa halb zwei mittags habe ich das letzte Mal mit ihm telefoniert. Er sagte, er habe das Mehl abgeladen und wolle zurückfahren. Er sprach da schon mit ängstlicher Stimme. Zehn Minuten später habe ich ihn nicht mehr erreicht", sagt Siham Siyam.

Danach habe es von Waseem kein Lebenszeichen mehr gegeben. "Wir haben dann einen Kommandanten der Schabihah-Milizen angerufen, dessen Söhne mehrere Checkpoints in der Stadt kontrollieren. Von dort sei die Rückmeldung gekommen, Waseem habe das Mehl abgeladen und sei dann nach Hause gefahren", so Omar Siyam. Die berüchtigten Schabihah-Milizen gelten als regimenahe Kräfte, die das Assad-Regime systematisch gegen Oppositionelle einsetzt.

Vater entdeckt Fahrzeug des Sohnes

Weitere Nachfragen beim Geheimdienst nach dem Aufenthalt ihres Sohnes seien ins Leere gelaufen, sagt Omar Siyam. Mitunter habe es hohe Lösegeldforderungen gegeben, ohne dass ein Lebenszeichen vorgelegt worden sei. 2014 habe er schließlich den Pick-up, den Waseem an seinem Schicksalstag gefahren hatte, an einem Tag an zwei Checkpoints des Geheimdienstes stehen gesehen: "Ich war mir sicher, dass es der Wagen war, weil er eine Pritsche auf der Ladefläche hatte, mit der man Mehlsäcke heruntergleiten lassen konnte", so der Vater. Dies habe ihm damals die Hoffnung gegeben, der Sohn sei womöglich noch am Leben und halte sich beim Geheimdienst auf.

Seit Ende vergangener Woche glaubt die Familie nun, Gewissheit zu haben. In die kleine Wohnung in einem Mainzer Hochhaus kommen Verwandte, drücken der Familie Siyam ihr Beileid aus. "Ich fühle mich wie im Koma. Ich kann meine Gefühle kaum beschreiben", sagt Siham Siyam. Warum Waseem sterben musste, kann der Vater bis heute nicht verstehen, dieser sei nie politisch aktiv gewesen. "Wir vermuten, dass er als sunnitischer Palästinenser aus dem Stadtteil Yarmuk, südwestlich von Tadamon, verdächtig war", sagt Omar Siyam. Assad, der zur Glaubensrichtung der Alawiten gehört, habe Yarmuk mehrfach bombardiert.

NGO hält Schilderung für glaubwürdig

Überprüfen lässt sich dies nur schwer. Fadel Abdul Ghany vom unabhängigen "Syrian Network for Human Rights", das systematisch Verbrechen des Assad-Regimes dokumentiert, hält die Schilderung der Familie grundsätzlich für glaubwürdig. "Mit Blick auf andere Geschichten, die wir kennen, ist sie akkurat und macht Sinn", sagt Ghany. Er schätzt allerdings eher, dass es sich um eine willkürliche Verhaftung und Exekution handelte:

Ich glaube, die Familie, die durch diesen barbarischen Akt schockiert wurde, sucht nach einer speziellen Erklärung. Aber die gibt es nicht. Es passierte, weil Assad die Gesellschaft und den Aufstand um jeden Preis zerstören wollte, und dafür terrorisierte er die Menschen, damit sie sich nicht dem Aufstand anschließen.

Seine Organisation habe durch eigene Recherche bisher sechs der Opfer identifiziert. Der Fall Waseem Siyam ist einer davon. "Wir versuchen, die Familien über die Schicksale ihrer Angehörigen zu informieren und die Informationen in mögliche internationale Strafprozesse einzubringen", so Abdal Ghany.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 29. April 2022 um 21:45 Uhr.