Ein Auto fährt in der Morgendämmerung in der Nähe von drei Windrädern vorbei. (Archivbild) | dpa
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Koalitionsvertrag und Klimaschutz Studie warnt vor Verfehlen der Klimaziele

Stand: 30.11.2021 08:51 Uhr

Die Klimaschutz-Pläne der neuen Bundesregierung reichen bei weitem nicht aus, um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die dem SWR vorab vorliegt.

Von Marcel Kolvenbach, SWR

Die Ampel-Koalition will den Ausbau erneuerbarer Energien deutlich beschleunigen. Bei den Klimazielen bleibt es bei den Zielen aus dem Klimaschutzgesetz der Großen Koalition, das unter dem Druck des Bundesverfassungsgerichts in diesem Frühjahr nachgebessert worden war. Demnach soll Deutschland bis zum Jahr 2045 klimaneutral sein.

Marcel Kolvenbach

Nach den Modellrechnungen einer Studie der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), die dem SWR vorab vorliegt, würden damit die Klimaziele des Pariser Klimaschutzabkommen allerdings verfehlt. Zu diesem Ergebnis kommt Studienleiter Volker Quaschning. Er ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der HTW. Der Mitbegründer von "Scientists For Future", einem Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die dem Thema Klimaschutz mehr Gewicht geben möchte, hat die aktuelle Studie mit seiner "Forschungsgruppe Solarspeichersysteme" durchgeführt.

Studie: Klimaneutralität bis 2035 erreichen

Wann Deutschland CO2-neutral werden müsse, ermittelten die Forscher anhand des sogenannten Budgetansatzes, einer globalen Obergrenze für die noch zu emittierende Gesamtmenge an Kohlendioxid aus fossilen Quellen, um gefährliche Klimaänderungen zu vermeiden - verteilt auf die Weltbevölkerung. Daraus berechnet sich auch die CO2-Menge, die Deutschland noch emittieren darf. Die Forscher stützen sich dabei auf Vorgaben des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU) und neueste Veröffentlichungen des Weltklimarats IPCC.

Nach den vorliegenden aktuellen Daten zum CO2-Ausstoß und verschiedenen Modellierungen der Reduzierung der Emissionen ergeben sich laut Studie 2030 und 2035 als Referenzjahre zum Erreichen der CO2-Neutralität. "Die Maßnahmen des Koalitionsvertrags lassen eine Kohlendioxidneutralität bis 2045 möglich erscheinen, nicht aber das Einhalten des Pariser Klimaschutzabkommens", sagt Volker Quaschning dem SWR.

Mindestens die doppelte Photovoltaik-Leistung gefordert

Was passieren müsste, damit diese Ziele erreicht werden, damit beschäftigt sich der zweite Teil der Studie. "Unsere Studie ermöglicht erstmals anhand der jährlichen Zubaumengen für die Photovoltaik, zu überprüfen, ob ein genanntes Zieljahr realistisch ist und wie sich verschiedene Maßnahmen wie Windkraftausbau, Importquote für grünen Wasserstoff oder andere Ambitionen bei der Energiewende auf die nötige Photovoltaikinstallation auswirken. Damit lässt sich auch überprüfen, ob der eingeschlagene Weg überhaupt schlüssig zu den versprochenen Zielen führt", sagt Quaschning.

Im Jahr 2020 deckten erneuerbare Energien gerade einmal 19,3 Prozent des deutschen Endenergiebedarfs. Dieser Anteil müsse zur Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens demnach spätestens in 15 Jahren auf 100 Prozent gesteigert werden, so Quaschnings Studie. Anhand von drei verschiedenen Szenarien haben er und seine Kolleginnen den zukünftigen Energiebedarf Deutschlands und den Wechsel zu fossilfreien Technologien modelliert. Darauf aufbauend, wurden ein CO2-neutrales Energiesystem beschrieben und die dazu erforderlichen Ausbaumengen der erneuerbaren Energien bestimmt.

"Um überhaupt auf den Pfad des Pariser Klimaschutzziels zu kommen, ist mindestens die doppelte Photovoltaikleistung erforderlich", kommentierte Studienleiter Quaschning die Ausbauziele der Ampel-Koalition. Demnach sei die installierte Photovoltaikleistung von derzeit 59 Gigawatt auf mindestens 590 Gigawatt zu verzehnfachen. Im Koalitionsvertrag der "Ampel" heißt es hingegen: "Unser Ziel für den Ausbau der Photovoltaik (PV) sind circa 200 Gigawatt bis 2030."

 

Außerdem, so die Fachleute, führe kein Weg daran vorbei, die Windkraft mit 200 Gigawatt an Land und 70 Gigawatt auf See weiter massiv auszubauen . Klar sei auch, dass die Energiewende ohne den Import von grünem, also mit erneuerbaren Energien hergestelltem Wasserstoff, nicht mehr realisierbar sei. Aus Effizienzgründen fordert die Forschungsgruppe eine rasche und konsequente Elektrifizierung des Verkehr- und Wärmesektors. Die Studie rechnet mit 31 Millionen Elektroautos und zwölf Millionen Wärmepumpen im Jahr 2035. Voraussetzung hierfür sei, dass ab 2025 keine neuen Benzin- und Dieselautos sowie Öl- und Gasheizungen mehr verkauft werden dürften.

Grüne verweisen auf Klima-Außenpolitik

Mit den Ergebnissen der Studie konfrontiert, erklärte eine Sprecherin des Bundesvorstandes von Bündnis90/Die Grünen gegenüber dem SWR, mit dem Koalitionsvertrag gebe man nach Jahren des Stillstands für alle klimaschutzrelevanten Bereiche ehrgeizige Ziele vor. "Dabei legen wir aber - anders als Fridays for Future zum Beispiel - nicht das Konzept des CO2-Budgets pro Kopf zugrunde. Täte man dies,
müsste Deutschland bereits 2030 CO2-neutral sein, die USA Ende 2021,
also in gut vier Wochen", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Essenziell sei eine aktive Klima-Außenpolitik, die etwa Technologiesprünge, insbesondere in Schwellen- und Entwicklungsländern, ermögliche.

Studienleiter Quaschning kritisiert hingegen, dass die Ampel-Koalition sich nicht an dem CO2-Budget orientiert: "Sich entwickelnde Länder werden derartige Rechnungen nicht akzeptieren. Wenn jeder so argumentiert, dann ist das Klimaschutzabkommen gescheitert."