Gedenkstätte in Sobibor | AP
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Erinnerung in Sobibor Angehörige fordern mehr Mitsprache

Stand: 14.10.2021 06:01 Uhr

Zum Jahrestag des Aufstands im Vernichtungslager Sobibor kritisieren Nachkommen der Opfer die Entfernung einer von ihnen gestalteten Gedenkallee. Sie fordern mehr Mitsprache bei der Erinnerungskultur, die auch mit deutschen Steuergeld finanziert wird.

Von Marcel Kolvenbach, SWR

Als Elke Tischer und Hans-Joachim Gutmann erfuhren, dass die mehr als 300 Steine und Erinnerungstafeln der Gedenkallee von Sobibor entfernt werden sollen, war es zunächst ein großer Schock für sie. Ihren Vater Kurt Gutmann hatten sie 2006 begleitet, einen Stein in Gedenken an dessen ermordete Mutter und dessen Bruder niederzulegen. Angehörige von jüdischen Opfern aus ganz Europa waren gekommen, und so war die Gedenkallee Name um Name, Stein um Stein gewachsen. Kein staatlich organisiertes Gedenken, sondern ein Erinnern, gelebt von den Nachkommen.

Im Zentrum stehen die individuellen Schicksale der Opfer. Dieser Zugang eröffnet ein anderes Gedenken als die Zahlen aus der Statistik des staatlich organisierten Massenmordens.

Während der "Aktion Reinhardt" ermordeten die Nazis zwischen März 1942 und November 1943 im besetzten Polen schätzungsweise rund zwei Millionen Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma sowie deren Angehörige. Darunter waren rund 120.000 deportierte Jüdinnen und Juden vor allem aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden.

Damit starben in den drei deutschen Vernichtungslagern von Belzec, Sobibor und Treblinka mehr Menschen als im deutschen Vernichtungslager Auschwitz, das heute für viele als Symbol der Shoah gilt. Die Gedenkallee von Sobibor, die durch einen dichten Wald führt, rekonstruiert den Weg, den die Gefangenen von der Rampe der Bahngleise zu den Gaskammern gehen mussten.

Das Lager wurde nach dem Aufstand am 14. Oktober 1943 aufgelöst; nur 365 Lagerinsassen gelang damals die Flucht. 180.000 Jüdinnen und Juden aus Polen und anderen Teilen Europas ließen die Deutschen im Vernichtungslager Sobibor ermorden. Um alle Spuren der Massenmorde zu verwischen, zerstörten die Täter das Lager, verbrannten die Leichen, verstreuten ihre Asche und pflanzten darüber Bäume.

Jeanette Gutmann, die Mutter von Kurt Gutmann, dessen Bruder Hans-Josef und dessen Onkel Fritz Kann überlebten nicht. Kurt Gutmann nahm von 2009 bis 2011 als einziger deutscher Nebenkläger an dem Prozess gegen den früheren SS-Wächter John Demjanjuk bei, der laut einem Gerichtsurteil seit 1943 in dem Vernichtungslager Sobibor an den Mordtaten beteiligt gewesen war. 

Elke Tischer und Hans-Joachim Gutmann mit dem Gedenkstein ihres Vaters Kurt Gutmann | Steffen Hänschen (Bildungswerk)

Elke Tischer und Hans-Joachim Gutmann mit dem Gedenkstein ihres Vaters Kurt Gutmann Bild: Steffen Hänschen (Bildungswerk)

Kurt Gutmann in Sobibor, neben dem Bild seines ermordeten Bruders (Archiv 2006) | Bildungswerk Stanisław Hantz e.

Kurt Gutmann in Sobibor, neben dem Bild seines ermordeten Bruders (Archiv 2006) Bild: Bildungswerk Stanisław Hantz e.

Gedenksteine entfernt

Gegen die Entfernung der Steine der Gedenkallee protestierten vor einigen Wochen Elke Tischer und Hans-Joachim Gutmann schriftlich: "Jetzt wird der Umbau der Gedenkstätte zum Anlass genommen, die bisherige Gedenkallee dem Erdboden gleich zu machen und die sich dort befindlichen Gedenksteine zu entfernen. Es sind Gedenksteine für Tote, auch für Familienangehörige von uns. Warum kann man nicht mit Würde und pietätvoll mit den Gedenksteinen umgehen. Hat man vergessen, dass die Gedenkstätte ein Friedhof ist?"

Tatsächlich bekamen sie Antwort in einem Schreiben der Leitung des Museums von Sobibor, das dem SWR vorliegt und zumindest an einigen Punkten für Klärung sorgen konnte. Die Leitung verweist darauf, dass man die Verlegung mit dem "International Steering Committee" mit Vertretern Polens, des Königreiches der Niederlande, der Slowakei und Israels diskutiert und abgestimmt habe. Außerdem verweist der Brief auf die Zusammenarbeit mit dem Bildungswerk Stanlisaw Hantz aus Kassel und dem Stichting Sobibor aus Amsterdam.

Wörtlich heißt es: "In Absprache mit diesen ausländischen Partnern werden die Gedenksteine auf eine würdevolle Weise verlegt und auf einen anderen Platz gelegt, d.h. entlang der Asphaltstraße. Der Grund für ihre Verlegung ist vor allem der Bau des Denkmals - der Gedenkmauer, die an der Stelle stehen wird, wo sich der letzte Weg, der zu den Gaskammern getriebenen Opfer, befand. Die Gedenksteine werden entlang des Hauptweges gelegt", schreibt Tomasz Oleksy-Zborowski vom Museum Sobibor.

Die Erinnerung weitertragen

Doch mit den Angehörigen, die die Gedenkallee angelegt haben, sei dies nie besprochen worden. Im Gegenteil, Anfragen seien nicht beantwortet worden, kritisiert Elke Tischer. Mitte September reisten die beiden darum selbst von Berlin nach Sobibor, um vor Ort den Verbleib der Steine zu klären.

"Nach dem Tod unseres Vaters im Dezember 2017 war es für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir seinen Staffelstab aufnehmen und an die Verbrechen, die unserer Familie angetan wurden, weiter erinnern", erklärt Elke Tischer und legte gemeinsam mit ihrem Bruder Hans-Joachim Gutmann nun selbst Hand an bei der Entfernung des Steines für die Großmutter und den Onkel. Doch der weitere Verbleib der Steine und damit des gewachsenen Erinnerns sei ungewiss. Darum fordern sie und andere Angehörige jetzt mehr Mitsprache bei der künftigen Gestaltung in Sobibor. Sie möchten, dass die Nachkommen eine aktive Rolle bekommen. 

Gedenksteine in Sobibor auf dem Weg zum Zwischenlager. | Hans-Joachim Gutmann

Die Gedenksteine in Sobibor auf dem Weg zum Zwischenlager. Bild: Hans-Joachim Gutmann

Kritiker: Zivilgesellschaftliches Engagement ignoriert

Unterstützung kommt von Kamil Majchrzak, dem Vize-Präsidenten des Internationalen Komitees Buchenwald (IKBD). Seine Großeltern wurden kurz nach dem Überfall der Deutschen auf Polen 1939 Opfer des Nazi-Terrors. "Für uns Nachkommen ist die Geschichte jedoch nicht vorbei. Wir wollen mit unseren Gedenkformen aber auch Teilhabe an der Bildungsarbeit in den Gedenkstätten, weiter Zeugenschaft und eine lebendige Erinnerungskultur erhalten", sagt er dem SWR.

Eine Verantwortung sieht Majchrzak dabei nicht nur auf polnischer, sondern auch auf deutscher Seite. "Das mangelnde Bewusstsein für die Gedenkallee in Sobibor, die aus der Zusammenarbeit von Überlebenden und Nachkommen der Opfer mit der deutschen und niederländischen Zivilgesellschaft entstanden ist, ist auch die Folge einer fehlenden ganzheitlichen erinnerungspolitischen Strategie der Bundesregierung", meint Majchrzak. Die tatsächlich Betroffenen seien viel weiter als die ritualisierte Gedenkkultur, aber diese Initiativen fänden nicht die Anerkennung und Beteiligung, die sie verdienten.

Offene Fragen zwischen Deutschland und Polen

Auch Elke Tischer fordert von der deutschen Regierung mehr Unterstützung für die Interessen der Nachkommen: "Wir fühlen uns als Angehörige, mit unserer Bitte in die Gedenkarbeit miteinbezogen zu werden, nach wie vor nicht ernst genommen. Der deutsche Bundestag hat Haushaltsmittel für solche Projekte sowohl in Deutschland als auch in Polen beschlossen, warum nutzt die Gedenkstätte meines Wissens diese Mittel bisher nicht? Oder sind ihr diese Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung nicht bekannt?"

Auf Nachfrage bestätigte das Auswärtige Amt, dass die Bundesregierung die Gedenkstätte in Sobibor mit einer Summe von einer Million Euro im Zeitraum 2018 bis 2021 fördert. Die politische Verantwortung bei der Gestaltung und dem Umgang mit dem Gedenken liege allerdings bei den polnischen Stellen. Wörtlich heißt es in dem Antwortschreiben an den SWR: "Das Museum und die Gedenkstätte Sobibor sind seit Anfang 2012 Teil der Gedenkstätte Majdanek und unterstehen damit direkt dem polnischen Kulturministerium. Die Bundesregierung hat keinen Einfluss darauf, wie die Erinnerungskultur vor Ort gehandhabt wird, ob und wie die Zivilgesellschaft darin einbezogen wird."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 28. Januar 2020 um 22:15 Uhr.