Thomas Drach vor Gericht in Köln | dpa
Exklusiv

Reemtsma-Entführer Plante Drach eine weitere Entführung?

Stand: 24.06.2022 15:29 Uhr

Der frühere Reemtsma-Entführer Drach soll laut einem Mitgefangenen Raubüberfälle und neue Entführungen von reichen Frauen geplant haben. Skepsis ist angebracht. Oder doch nicht?

Von Holger Schmidt, ARD-Experte Terrorismus und Innere Sicherheit

Seit Monaten wird am Kölner Landgericht über die Frage verhandelt, ob der als Entführer von Jan Philipp Reemtsma bekannt gewordene Thomas Drach nach seiner Haftstrafe mehrere Geldtransporter überfallen hat. Drach schweigt in seinem Prozess, soll sich aber in der Untersuchungshaft einem Mitinsassen offenbart und einige der Taten zugegeben haben.

Holger Schmidt

Am Montag wird dieser Mann im Drach-Prozess als Zeuge aussagen. Nach SWR-Informationen sind dabei kuriose Details zu erwarten. Zum Beispiel, dass Drach in der Haft ein Handy zur Verfügung hatte. Aber sagt der Mann mit dem Namen Mark D. die Wahrheit? Und falls ja: Stimmt, was Thomas Drach ihm gegenüber behauptet hat?

 

Zu groß und zu komplex 

"Ich möchte nichts dazu sagen", sagt Rechtsanwalt Peter Nickel, Anwalt des Zeugen, zur kommenden Aussage seines Mandanten im Drach-Prozess. Die Sache sei zu groß und zu komplex. Er bitte um Verständnis. Zwischen den Zeilen kann man Sorgen um seinen Mandaten hören. Tatsächlich scheint sich Mark D. Ärger mit allerhand Schwergewichten im kriminellen Milieu zwischen Deutschland und den Niederlanden eingehandelt zu haben - weil er mehrfach bei der Polizei und vor Gericht Angaben in seinen Verfahren gemacht und anderen Angeklagten Verurteilungen eingebrockt hat.

Zum Beispiel 2016. Zeitungsberichte über sein damaliges Verfahren vor dem Landgericht Kleve, nur wenige Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt, machen deutlich, dass D. sehr auskunftsfreudig war und mit seinen Aussagen den "Stein ins Rollen" gebracht hat, in dem er "als Erster die Hosen heruntergelassen" habe. So wird der damals ermittelnde Staatsanwalt zitiert. Trotzdem wurde D. zu einer langen Haftstrafe von sechs Jahren wegen einer Reihe von gesprengten Geldautomaten verurteilt, bei denen - so das Urteil - die Taten von Mal zu Mal gefährlicher geworden seien. Geld wurde allerdings bei keiner einzigen Sprengung erbeutet. Der Verteidiger von Thomas Drach findet das "erstaunlich".

 

Gemeinsame kriminelle Freunde

Trotzdem ist gut vorstellbar, dass so ein Urteil bei einem Schwerkriminellen wie Drach Eindruck gemacht hat. Entscheidend für die Annäherung der beiden soll aber gewesen sein, dass Drach und Mark D. einige gemeinsame Freunde in der deutsch-niederländischen Szene ausgemacht hätten. Und dann, so heißt es in Justizkreisen, habe Drach gegenüber D. "offenherzig" geplaudert. Über seine eigenen Taten, für die er aktuell vor Gericht steht. Über sein Leben. Und über das, was er sonst noch vorhatte und ein Handy, dass ihm in der streng gesicherten U-Haft heimlich zur Verfügung steht. All das behauptete zumindest D. den Behörden gegenüber.

Kopf aus der Schlinge ziehen

Drachs Rechtsanwalt Andreas Kerkhof wiegelt ab. Nie habe Drach mit dem Mann gesprochen. Der Zeuge sei "ein Aufschneider, der auf Kosten Dritter versucht, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen", sagte er dem SWR. Tatsächlich droht Mark D. in einem neuen Verfahren wegen Drogenschmuggels erneut eine hohe Haftstrafe. Und wieder soll er seine Komplizen verraten haben.

Aber verringert das seine Glaubwürdigkeit? Die Geschichte vom gemeinsamen Kumpelkreis ist nach ersten Ermittlungen der Polizei plausibel. Drach und D. waren offenbar tatsächlich im selben Gebäude ("Haus 4") der JVA untergebracht - mit wenigen anderen Gefangenen. Zwangsläufig mussten sie sich dort begegnen. Auch das behauptete Handy wurde bei einer Zellendurchsuchung gefunden. Ermittler, die Drach aus dem aktuellen Verfahren oder der damaligen Entführung Reemtsma kennen, halten ihn ohnehin für einen notorischen Berufsverbrecher. Eine weitere Entführungsplanung wäre da nicht besonders überraschend.

Susanne Klatten oder die reichste Frau der Welt?

Wer das Opfer hätte sein sollen, will Mark D. selbst nicht genau wissen. Es hätte eine der reichsten Frauen Europas sein sollen, 30 Millionen Euro hätte Drach so machen wollen. Ursprünglich sei es um die "Frau von BMW" gegangen, später dann um eine sehr reiche Französin. Es liegt nahe, dass die Ermittler hier an Susanne Klatten aus Bad Homburg und an die als reichste Frau der Welt geltende Françoise Bettencourt-Meyers aus Frankreich denken. Doch wie konkret waren diese Pläne? Dazu sagt D. wohl nur, dass Drach in der Schweiz ein Versteck gesucht habe, doch seine Festnahme sei dazwischengekommen.

Gericht und Ermittler werden bei solchen Angaben immer eine Grunderfahrung aus dem Strafvollzug vor Augen haben: Häufig bieten sich Menschen aus der Haft in aufsehenerregenden Prozessen als Zeugen an und berichten, was sie beim Hofgang oder Mittagessen erfahren haben wollen. Manchmal stimmt, was solche Zeugen sagen. Nicht selten entsteht aber vor Gericht der Eindruck, dass eher Abwechslung vom Haftalltag, Wichtigtuerei, Rache oder das Spekulieren auf Vorteile im Vollzug das Motiv für solche "Selbstanbieter" sind. Vorsicht ist für die Richter also geboten, auch wenn sich bereits einige Angaben von D. als zutreffend herausgestellt haben.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Februar 2022 um 17:00 Uhr.