Dirk P.

Petition an Bundestag Vater von IS-Anhänger will Rückholung

Stand: 16.08.2019 14:44 Uhr

Viele deutsche IS-Anhänger sind in Syrien inhaftiert. Ihre Angehörigen fordern von der Bundesregierung, sie zurückzuholen und klagen vor Gericht. Ein Vater versucht einen anderen Weg.

Von Eric Beres und Katrin Hemmer, SWR

Die Informationen aus Nordsyrien kommen nur spärlich und auf verschlungenem Wege auf das Smartphone von Werner P. Der langjährige Fotojournalist aus dem baden-württembergischen Landkreis Ravensburg ist selbst viel herumgekommen in der Welt. Jetzt wartet er zu Hause in seinem Wohnzimmer auf ein Lebenszeichen seines heute 37-jährigen Sohnes. "Man fühlt sich machtlos", sagt er.

Dirk P. reiste 2015 ins Herrschaftsgebiet des "Islamischen Staats". Zuvor hatte er sich in Deutschland in radikalsten Salafistenkreisen aufgehalten. Nach SWR-Informationen soll P. unter anderem in Duisburg Kontakt zu dem Reisebürobesitzer Hasan C. gehabt haben. Dieser gilt als Rekrutierer für den IS und steht inzwischen wegen Bildung einer kriminellen und terroristischen Vereinigung vor Gericht.

Vater P. | Bildquelle: SWR
galerie

Vater Werner P. lässt keinen Zweifel: Sein Sohn habe "sein Schicksal selbst gewählt". Jetzt aber müsse dieser sein Schicksal auch wenden dürfen.

"Kein gutes Schicksal"

P. selbst ist nun seit zwei Jahren in Nordsyrien in Haft kurdischer Milizen. Seine syrische Ehefrau und sein zweijähriger Sohn leben von ihm getrennt, in einem Lager für Frauen. "Fakt ist es, dass er sein Schicksal selbst gewählt hat, das ist richtig. Aber jeder sollte die Möglichkeit haben, sein Schicksal zu wenden. Und dort zu sein, ist kein gutes Schicksal", sagt sein Vater Werner P. im Interview mit dem SWR. Er befürchtet, dass sich sein Sohn im Gefängnis erneut radikalisieren könnte.

Vergeblich, sagt der Vater, habe er sich mit seinem  Anliegen an das Auswärtige Amt gewandt.

Nun versucht er es mit einer Petition an den deutschen Bundestag. Die Ausschussmitglieder sollen sich bei der Bundesregierung für die Rückkehr seines Sohnes und dessen Familie nach Deutschland einsetzen. Im Gefängnis gebe es "sehr wenig zu essen". Es gebe "untragbare hygienische Verhältnisse", schreibt Werner P. Und: Sein Sohn werde sich bei einer Rückkehr "einem deutschen Gericht zu stellen".

Am Kampf nicht beteiligt?

Doch genau das ist das Problem. Bisher ist völlig unklar, ob Dirk P. überhaupt vor Gericht gestellt werden kann. Kurdische Milizen hatten in einer Pressemitteilung zwar mitgeteilt, er sei an "Gräueltaten" beteiligt gewesen, nannten aber keine Details. P. selbst hatte vor einem halben Jahr in einem TV-Interview behauptet, er habe sich nicht am Kampf beteiligt. Als gelernter Orthopädie-Schumacher habe er lediglich Prothesen für verwundete IS-Kämpfer angefertigt.

Fälle wie der von Dirk P. bereiten den Behörden bundesweit Kopfzerbrechen. Einerseits wissen sie, dass sie sich um deutsche Staatsbürger im Ausland kümmern müssen, letztlich auch um Dschihadisten. Andererseits sorgen sie sich um die Sicherheitslage und das Sicherheitsgefühl in Deutschland. So teilte das baden-württembergische Innenministerium dem SWR mit: "Auch wenn jeder Einzelfall zu betrachten ist, gilt grundsätzlich, dass wir kein Interesse daran haben, potentiell gefährliche Personen ins Land zu holen."

Allein aus Baden-Württemberg waren rund 50 Islamisten Richtung Syrien oder Irak ausgereist. Wie viele von ihnen derzeit in einer ähnlichen Situation wie Dirk P. sind, teilte das Ministerium nicht mit.

Inzwischen gibt es eine erste, noch nicht rechtskräftige Eilentscheidung des Verwaltungsgerichts Berlin, die die Bundesregierung auffordert, eine Mutter mit drei Kindern aus Nordsyrien nach Deutschland zurückzuholen. Deren Angehörige aus Deutschland hatten geklagt.

Herta Däubler-Gmelin | Bildquelle: SWR
galerie

Auch Ex-Bundesjustizministerin Däubler-Gmelin setzt sich für das Anliegen des Vaters ein.

"Bundesregierung muss jetzt wirklich handeln"

Diese Entscheidung könnte nun auch im Fall P. helfen, glaubt die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin. Aus persönlicher Verbundenheit zu Werner P. engagiert sie sich in dem Fall. Ihr gehe es vor allem um Dirk P.s Ehefrau und den zweijährigen Sohn.

Die Bundestagspetition unterstütze sie daher: "Sie soll bewirken, dass die Öffentlichkeit und der Bundestag dieses humanitäre Problem sehr viel deutlicher vor Augen hat und dass diese das Auswärtige Amt und die Bundesregierung darauf aufmerksam macht, dass sie jetzt wirklich handeln muss."

Werner P. jedenfalls fühlt sich von der Bundesregierung im Stich gelassen. "Ich finde es schlimm, dass man so ignorant sein kann", sagt er. Seit über einem Jahr hat er nichts von seinem Sohn gehört.

Über dieses Thema berichtete SWR aktuell am 16. August 2019 um 15:56 Uhr.

Korrespondent

Eric Beres Logo SWR

Eric Beres, SWR

Darstellung: