Schüler auf dem Flur einer Gesamtschule in Münster | Bildquelle: dpa

Corona-Maßnahmen Schulleiter in NRW schlagen Alarm

Stand: 24.08.2020 16:59 Uhr

Die Schuldirektoren in NRW proben den Aufstand: In einem offenen Brief an Ministerpräsident Laschet werfen sie dem Schulministerium in der Corona-Krise Verantwortungslosigkeit vor.

Von Marilina Görz y Moratalla, SWR

Zwei Wochen nach Schulbeginn und kurz vor Gesprächen mit dem zuständigen Ministerium erheben Schuldirektoren im größten Bundesland schwere Vorwürfe gegen die aktuelle Schulpolitik der Landesregierung im Umgang mit der Corona-Krise und wenden sich nun zum ersten Mal in einem offenen Brief direkt an Ministerpräsident Armin Laschet.

In dem Brief, der dem SWR vorab vorliegt, wirft die Schulleitungsvereinigung (SLV NRW) dem zuständigen Ministerium vor, dass die Politik des Landes die tatsächlichen Rahmenbedingungen der Schulen nicht berücksichtige. Die SLV NRW beklagt, dass sich die oberste Schulbehörde der eigenen Verantwortlichkeit entledige und die gesamte Verantwortung an Gesundheitsämter, Schulträger und Schulleitungen übergebe.

Yvonne Gebauer | Bildquelle: dpa
galerie

Ministerin Gebauer steht im Zentrum der Kritik

"Scheinbeteiligung"

Im Fokus der Kritik steht die NRW-Ministerin für Schule und Bildung, Yvonne Gebauer. Sie hatte zum Schulstart am 11. August in einem Offenen Brief an die Eltern auf die gestiegenen Infektionszahlen in NRW Bezug genommen und die getroffenen Schutzmaßnahmen für den Unterrichtsbeginn erläutert. Darin heißt es mit Verweis auf das nun vorliegende Gesamtkonzept: "Gemeinsam mit allen am Schulleben beteiligten Verbänden und Akteuren (...) haben wir in den Sommerferien an der Gestaltung des Schulalltags unter den Bedingungen der Corona-Pandemie gearbeitet."

Der Schulleiterverband spricht dagegen von einer "Scheinbeteiligung". Der Infektionsschutz soll demnach weitestgehend durch Maßnahmen wie regelmäßiges Stoßlüften, Abstand halten auf Fluren und Maskenpflicht im Klassenraum erreicht werden. Befragungen der Schulleiter aller Schulformen habe aber ergeben, dass die Vorgaben des Ministeriums angesichts der örtlichen Gegebenheiten und schulischen Anforderungen kaum erfüllbar seien.

Unrealistische Handreichung?

Die Schulministerin "ignoriert die vielerorts nicht gegebenen baulichen Voraussetzungen". Die öffentlichkeitswirksam präsentierte Handreichung des Ministerium für Schule und Bildung (MSB)  zum Lernen auf Distanz signalisiert der Elternschaft das Versprechen der Umsetzung - den Anspruch auf Umsetzung verschiebt das MSB auf die Schulleitungen vor Ort." Ein "normaler Unterricht" könne unter diesen Vorgaben nicht stattfinden.

Wie es tatsächlich um die Schulen bestellt sei, illustriert der Vorsitzende der Schulleitungsvereinigung, Harald Willert auf Anfrage des SWR an einem konkreten Beispiel mangelhafter baulicher Voraussetzungen: "Uns haben Mails von Schulleitern erreicht, die berichten, dass Fenster zugeschweißt seien oder Direktoren vom Schulträger keine Griffe bekämen". In dem Brandbrief werden weitere Probleme genannt, wie fehlende Hausmeister oder Reinigungsdienste in den Ferien oder für die Zwischenreinigungen.

Schulen in NRW im "Feldversuch"

Aber auch die Organisation des Unterrichts sei in dem vom Ministerium vorgelegten Gesamtkonzept realitätsfern: So sei etwa die Vorgabe "vom ausschließlichen Einsatz von Lehrern in festen Lerngruppen" nicht realisierbar. Erkrankte Lehrer müssten spontan vertreten werden. Religions- und Fördergruppen würden von Lehrkräften unterrichtet, die an mehreren verschiedenen Schulen eingesetzt würden. "Ein wirkliches Interesse des Schulministeriums an der Realität vor Ort in den Schulen ist nicht feststellbar", so die Bilanz des Verbandes.

Nach Auffassung der Schulleitungsvereinigung NRW komme das Ministerium seiner Verantwortung für Vorsorge und Gesundheitsschutz gegenüber den Schülerinnen und Schülern, den Lehrkräften und den Schulleitungen im Land nicht nach. Die SLV NRW spricht von einem "Feldversuch". "Wir hoffen, dass dieser Brief Konsequenzen nach sich zieht und die Öffentlichkeit erfährt, wie marode unser Bildungssystem ohnehin ist," erklärt Willert, "was jetzt endlich durch Corona sichtbar wird."

Ministerium verteidigt Corona-Maßnahmen

Das Schulministerium verteidigte auf SWR-Anfrage das Konzept für den angepassten Schulbetrieb vom 3. August. Es sei "so breit aufgestellt, dass es die Möglichkeit bietet, angemessen auf die Entwicklung des Infektionsgeschehens zu reagieren."

Am Stichtag 19. August 2020 befänden sich in NRW unter den Lehrkräften 30 bestätigte Corona-Fälle und 306 Fälle bei Schülerinnen und Schülern. Das Ministerium gibt weiter an: "In Quarantäne befinden sich 524 Lehrkräfte und 5001 Schülerinnen und Schüler."

Gespräche mit Lehrer- und Elternverbänden

Die Schulleiter wollen nach SWR-Informationen bei einem Treffen zwischen dem NRW-Schulministerium mit Lehrer- und Elternverbänden ihre Position deutlich machen. "Wir nehmen die Scheinbeteiligung nicht mehr hin und dass wir uns auf Absprachen nicht verlassen können," erklärt Verbandsvorsitzende Harald Willert die Position gegenüber dem Ministerium. Denn bei einem zweiten Lockdown, der angesichts der Infektionszahlen nicht auszuschließen sei, würden die massiven Probleme nur verschärft werden.

Auf Bundesebene verfolgen die Eltern die Entwicklung im größten Bundesland mit Sorge: "Wir beobachten, dass die Zustände in NRW chaotisch sind und dass die Ministerin mit der Situation völlig überfordert ist", kommentiert Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrates. Gerade in einem so bevölkerungsreichen Bundesland, müssten die Lerngruppen kleingehalten werden.

Dazu hätte es Pläne gegeben - "aber man gewinnt den Eindruck, dass alle Ideen dazu jetzt wieder in der Schublade verschwunden sind. Da muss sich die Politik die Vorwürfe von Lehrern und Eltern gefallen lassen, dass Verantwortung abgewälzt wird, um Normalität vorzuspielen." Wassmuth fordert darum ein Eingreifen der Bundesregierung. Die Kultusminister der Länder dürften in dieser Situation nicht alleine handeln.

Darstellung: