Blick in die Textilfabrik One Composite Mills in Bangladesch | dpa
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Schuhindustrie Leiden fürs Leder

Stand: 05.10.2022 10:10 Uhr

Die Schuh- und Lederindustrie verschleiere bislang Ausbeutung und Verstöße gegen Menschenrechte - so der Vorwurf einer europäisch-asiatischen Initiative. Sie will die Hersteller zu Transparenz zwingen. Ab Januar gilt zudem ein Lieferkettengesetz.

Von Marcel Kolvenbach, SWR

Im April 2013 ist das "Rana Plaza" in der Stadt Sabhar in Bangladesch eingestürzt. Mehr als 1000 Menschen starben in der Textilfabrik. Zehn Jahre nach der Katastrophe soll ein Gesetz dazu beitragen, den Schutz von Arbeitnehmern bei Zulieferern zu verbessern. Das Lieferkettensorgfaltsfplichtgesetz (LkSG) tritt im Januar 2023 in Kraft.

Marcel Kolvenbach

Experten warnen davor, dass viele Unternehmen noch keine Strategie haben, mit den neuen Verpflichtungen umzugehen. Derweil positionieren sich Aktivisten und versuchen Verbraucher zu sensibilisieren, wie die Initiative "Together for Decent Leather". Es ist ein Zusammenschluss von sieben zivilgesellschaftlichen Organisationen, darunter das Deutsche INKOTA-netzwerk und das niederländische Recherchenetzwerk SOMO. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, die Menschenrechtssituation in der Leder-Industrie zu verbessern. Gefördert werden sie auch von der Europäischen Union.

Systematische Ausbeutung in der Lederindustrie Asiens

Gemeinsam mit Partnern in Südasien Indien, Pakistan und Bangladesch nahm das Aktionsbündnis im ersten Halbjahr 2022 die Produktionszentren für Lederprodukte unter die Lupe. Aus den Studien, umfangreichem Filmmaterial und Interviews, die dem SWR exklusiv vorliegen, geht hervor, dass es in den verschiedenen Produktionsphasen der Lederwarenindustrie zu schweren und systematischen Verstößen gegen internationale Standards im Arbeitsrecht und Gesundheitsschutz kommt. Dazu wurden in Bangladesch, Indien und Pakistan insgesamt 347 Beschäftigte befragt, die in Gerbereien, Lederwarenfabriken und informellen und häuslichen Werkstätten arbeiten.

In allen drei Ländern dominieren informelle Arbeitsverhältnisse: Beschäftigte erhalten oft keinen Arbeitsvertrag, keine Entschädigung bei Arbeitsunfällen oder Krankheit, keinen Zugang zu Sozialversicherungen. Die niedrigen Löhne liegen in allen Fällen deutlich unter existenzsichernden Löhnen. Beschäftigte berichten, dass sie zu Überstunden gezwungen werden. Arbeiter in Gerbereien sind schädlichen Chemikalien ausgesetzt. In Bangladesch beispielsweise arbeiteten 75 Prozent der Befragten ohne ausreichende Schutzausrüstung.

"Europa ist ein wichtiger Markt für Leder und Lederprodukte, die in Ländern wie Bangladesch, Pakistan und Indien hergestellt werden. Vor allem die Deutschen sind große Fans von Lederschuhen und kaufen mehr als drei Paar Schuhe pro Person", sagt Berndt Hinzmann, zuständig für Menschenrechte und Wirtschaft beim INKOTA-netzwerk.

Er kritisiert: "Europäische Marken und Einzelhändler haben es jahrzehntelang versäumt sicherzustellen, dass Arbeitsrechte in Gerbereien und Fabriken in Asien respektiert werden. Einkäufer halten an unfairen Einkaufspraktiken fest, die Lieferanten keine Verbesserungen ermöglichen."

Offenlegung der Lieferketten gefordert

Aus diesem Grund hat die niederländische Forschungsorganisation SOMO die Transparenz von 100 Marken untersucht. Nur 29 der 100 befragten Unternehmen veröffentlichen eine Lieferantenliste, und wenn sie überhaupt eine veröffentlichen, ist sie bei weitem nicht vollständig.

Das gilt auch für die 16 Unternehmen, die ihren Firmensitz in Deutschland haben. Hier schnitten Adidas, Puma und Zalando am besten ab, mit jeweils drei erfüllten Kategorien, darunter öffentliche Angaben zu den Zulieferern erster und zweiter Kategorie, also auch Angaben wie etwa zu den Gerbereien oder Lieferanten von Rohmaterial. Elf Hersteller und Marken erfüllen dagegen keine der Kategorien im Ranking.

"Marken und Einzelhändler verstecken sich hinter komplexen Lieferketten. Bei der derzeitigen Intransparenz ist es unmöglich, die Herkunft von Leder, das in Marken-Endprodukten verwendet wird, zu bestimmen und Unternehmen für Arbeitsrechtsverletzungen in ihren Lieferketten zur Rechenschaft zu ziehen", so das Fazit von Martje Theuws von SOMO.

Vertrauliche Geschäftsinformationen

Allerdings ist die Veröffentlichung der Lieferketten auch mit dem neuen Gesetz nicht verpflichtend. Auf Anfrage des SWR antworteten acht Unternehmen, teilweise mit umfangreichen Erläuterungen, wie sie die Einhaltung der Lieferkettenverantwortung sicherstellen und mit Verweisen auf Brancheninitiativen in denen sie sich engagieren oder auch individuelle Firmenlösungen.

Berndt Hinzmann bewertet solche Aussagen skeptisch "Unternehmen wie Wortmann oder Deichmann nehmen für sich in Anspruch, das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz bereits zu erfüllen, jedoch ohne öffentlich zugängliche Belege. Den Nachweis bleiben die Unternehmen schuldig, insbesondere darüber, dass sie die strukturellen Risiken, die durch ihre Einkaufspraktiken bestehen, abgestellt haben", sagt Hinzmann.

Diesem Vorwurf widersprechen die Hersteller. Dem SWR erklärte Andreas Burmeister, Leiter der Nachhaltigkeitsstrategie der Wortmann Schuh-Holding KG: "Das LkSG, dem wir vom Anwendungsbereich her nicht unterliegen, verlangt keine allgemeine Offenlegung dieser vertraulichen Geschäftsinformationen, weil eine Verpflichtung zur Offenlegung von vertraulichen Informationen zu einem Risiko von Geschäftsverlust an den Wettbewerb führt."

Christian Hinkel, Leiter Unternehmenskommunikation bei Deichmann, begrüßt grundsätzlich das neue Gesetz, räumt auf SWR-Anfrage aber auch ein, dass sein Unternehmen nicht beanspruche, bereits sämtliche Anforderungen des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz zu erfüllen. "Sollten konkrete Vorwürfe an uns herangetragen werden, gehen wir diesen selbstverständlich sofort nach und geben hierüber auch Auskunft", erklärt Hinkel.

Unternehmen und Verbände haben Entwicklung verschlafen

Für viele Betriebe kommt das neue Gesetz angesichts der explodierenden Energiepreise und Inflationsrisiken jetzt zu einer Unzeit. Auch, weil viele Unternehmen das Thema bisher eher auf die lange Bank geschoben haben. Experten kritisieren, dass Wirtschaftsverbände und Handelskammern es verschlafen haben, sich konstruktiv für Maßnahmen einzusetzen.

Der Berliner Jurist Robert Grabosch stand als Sachverständiger der Bundesregierung bei der Entwicklung des Nationalen Aktionsplans für Wirtschaft und Menschenrechte und dem Bundestag im Gesetzgebungsverfahren zum LkSG zur Verfügung. Er berät Unternehmen zum deutschen und zu ausländischen Sorgfaltspflichtengesetzen.  

"Viele Unternehmen, die sich nicht schon längst auf nachhaltige Produkte spezialisiert haben, haben noch nicht mal eine Strategie, wie sie sich an das neue Gesetz anpassen, und staunen: Ihre Großkunden, die das Gesetz erfüllen müssen, legen nun umfangreiche Fragebögen vor und versuchen, ihre Sorgfaltspflicht auf den Mittelstand vertraglich abzuwälzen", sagt Grabosch. Es bestünde viel Unsicherheit darüber, ob solche Klauseln unterschrieben werden müssten, und was ein kleineres Unternehmen überhaupt tun könne, um in seinen Lieferketten für Ordnung zu sorgen.

"Viele der 4000 betroffenen Unternehmen haben zu spät mit der Schulung ihrer Mitarbeiter und mit der Suche nach Experten für nachhaltiges Lieferkettenmanagement begonnen. Wer damit erst jetzt anfängt, hat es schwer", meint Grabosch. Er empfiehlt den Unternehmen, die Tragweite des Themas anzuerkennen und umfassende Anpassungen in der personellen Organisation, im Risikomanagement und in der Einkaufspolitik einzuleiten.

Dies auch vor dem Hintergrund, dass die EU gerade eine Verschärfung der Lieferkettenverantwortung angekündigt hat. Dann sollen Betroffene ein Klagerecht erhalten. Die Ampelkoalition hat bereits erklärt, die im Vergleich zur deutschen Regelung deutlich strengeren Pläne der EU-Kommission für ein Lieferkettengesetz unterstützen zu wollen.