Eine Rinderzucht in Paraguay

Urwald in Paraguay Abholzung für Autoleder

Stand: 30.09.2020 02:00 Uhr

Der BMW X5, ein Schlachthaus und ein verwässertes Lieferkettengesetz - die Umweltorganisation EarthSight zeigt, wie die Autoindustrie in Kauf nimmt, dass immer mehr Urwald gerodet wird, um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden.

Von Alexander Buehler, SWR

Auf den Satellitenaufnahmen der letzten Jahre verbreiten sich die roten Flecken wie ein Fieber, erst sind es nur ein paar Pöckchen, dann immer mehr. Die roten Quadrate bezeichnen die explosionsartig gewachsenen Weideflächen für Rinder - die jetzt fast mehr als Grün zu sehen sind. Das ist der Stand im Jahr 2020. Diesmal zeigen die Bilder nicht den Amazonas-Regenwald, sondern den Chaco in Paraguay.

Ursprünglich ein fast unzugängliches Waldgebiet, in dem vor allem Jaguare und unkontaktierte Indigene beheimatet waren. Jetzt ist diese Region den Angaben der britischen Umweltorganisation EarthSight zufolge zu 47 Prozent gerodet, um Platz für den immer weiter steigenden Bedarf an Weideflächen zu schaffen. Und die Haut der Rinder, die auf dem ehemaligen Urwald weiden, landet als Sitzleder in Autos wie dem BMW X5.

Abholzung in Paraguay
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Bereits jetzt ist bereits fast die Hälfte des Waldgebiets gerodet.

Lieferkette für Luxusgut

Darum geht es: den Zusammenhang zwischen der immer schneller werdenden Entwaldung und dem Endprodukt, das als Luxusgut in Europa landet. Jahrelang hat ein Team der Umweltorganisation EarthSight - undercover und mit offiziellen Anfragen - dafür recherchiert. Jetzt liegt ihr Bericht vor, "Grand Theft Chaco". Minutiös werden darin die einzelnen Glieder der Lieferkette aufgelistet, von der Ranch, die auf Indigenengebiet per Bulldozer Gelände für sich reklamiert über den Schlachtbetrieb und die Gerbereien bis hin zu den italienischen Lederlieferanten.

Es sind Details, die immer wieder erschrecken: Von der paraguayischen NGO Guyra erfährt das EarthSight-Team beispielsweise, dass im Chaco 200.000 bis 300.000 Hektar pro Jahr entwaldet werden. Mindestens ein Viertel der Rodungen im Chaco seien illegal, erfahren sie. Prompt wird in das Büro dieser einheimischen Organisation eine Bombe gelegt, ihr Leiter und seine Tochter erhalten seitdem Todesdrohungen.

GrandTheftChaco
29.09.2020

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Mehr als 1000 Rinder am Tag

Gerade jenes Unternehmen Caucasian, das nach Angaben von EarthSight im Indigenenreservat arbeitet, sendet seine Rinder in eine jener gigantischen Schlachtfabriken, die bis zu 1200 Rinder am Tag töten. Ein anderes Unternehmen lässt seine Rinder im Mennoniten-eigenen Schlachthaus "verarbeiten". Paraguay exportiert viel Rindfleisch, insgesamt betragen die Fleischexporte jährlich eine Milliarde Euro, meistens geht das Fleisch nach Russland oder Chile.

Eingang zu einer Rinderranch in Paraguay
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Für die Rinderfarmen werden die Lebensräune indigener Völker und bedrohter Tiere zerstört.

Die Rinderhäute werden dagegen in einem ersten Schritt im Land verarbeitet, dann exportiert. 50.000 Tonnen jährlich sind es, die das kleine südamerikanische Land verschickt. Und 61 Prozent davon kaufen italienische Unternehmen. An den Zahlen lässt sich verdeutlichen: Im gleichen Maße, in dem die Zerstörung des Chaco voranschreitet, kaufen italienische Lederfabrikanten ihre Rohware aus dem Chaco, 2009 waren es noch knapp über 5000 Tonnen, 2019 schon 24.000 Tonnen.

BMW kauft Leder aus Paraguay

Um herauszufinden, wieviel Rinderhaut genau wohin geliefert wurde, recherchierte das EarthSight-Team undercover bei den einzelnen Gerbereien, fand heraus, welche Exportfirmen wohin lieferten. In Unterlagen stachen zwei Unternehmen heraus: die Firma Pasubio, die etwa 39 Prozent des Leders aus Paraguay kauft, und Grupo Mastrotto. In einem Gespräch erklärte Ferdinand Kehler, Chef des paraguayischen Exportunternehmens Cencoprod, dass das Leder für BMW, spezifisch den BMW X5 benutzt würde.

Auf Anfrage erklärte BMW: "Es trifft zu, dass die BMW Group über ihren Lieferanten Pasubio derzeit noch Leder der paraguayischen Gerbereien Conception, Frigomerc und Lecom erhält. Entsprechend unseren Vorgaben sind diese drei Gerbereien entweder von der Leather Working Group Gold zertifiziert oder vom paraguayischen Ministerium für Industrie und Handel im Hinblick auf Umwelt- und Sozialstandards, Ressourceneffizienz und Materialrückverfolgbarkeit abgesichert worden. FrigoAthena (Minerva/Athena Foods) und Concepcion SA sind Bezugsquellen unserer Lieferkette." Also jene Unternehmen, die auch der EarthSight-Bericht benennt.

BMW X5 | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto
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Im BMW X5 werden Sitze aus paraguyanischem Rindsleder verbaut.

Auch andere Luxusmarken betroffen

Tatsächlich werden jedes Jahr die Häute von über 50 Millionen Kühen für Autos verarbeitet - Tendenz steigend, denn 2019 wurden noch mehr Oberklasse-Autos als im Vorjahr verkauft. Etwa ein Drittel des Leders im Automobilbau, schreibt EarthSight, kam beispielsweise 2017 aus Südamerika - Brasilien allein würde die Hälfte seiner Exporte in diesen Bereich stecken.

Dass dabei oft über die Entwaldung hinweg gesehen wird, findet die Grünen- Bundestagsabgeordnete Steffi Lemke unanehmbar: "Auf EU-Ebene muss sich die Bundesregierung für einen Importstopp von Produkten einsetzten, die mit Waldzerstörung in Verbindung stehen. Der internationale Handel muss dem Schutz der Natur gerecht werden."

Steffi Lemke, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen aus Sachsen-Anhalt | Bildquelle: dpa
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Die Grünen-Politikerin Lemke fordert einen Importstopp für die Produkte.

Widerstand gegen Lieferketten-Gesetz

Doch wie Abhilfe schaffen? Zum Beispiel durch das geplante Lieferkettengesetz, argumentiert EarthSight in ihrem Bericht. Wären die Unternehmen verpflichtet, genauer hinzusehen und Umwelt- und Menschenrechtsstandards zu erfüllen, könnte man die Spirale der Entwaldung stoppen. Schließlich sind weltweit etwa die Hälfte aller Produkte aus der Entwaldung für den Export bestimmt.

Im Moment ist das Lieferkettengesetz in Deutschland in der Diskussionsphase, einmal umgesetzt, würde es in die europäische Gesetzgebung einfließen. Genau das versuchen die Autokonzerne und Unternehmerverbände zu verhindern, sagt Peer Cyriack von der Deutschen Umwelthilfe (DUH): "Die deutschen Unternehmen und ihre Verbände, allen voran die Automobilindustrie und ihre Vorfeldorganisationen, werden nicht müde, die angeblich zu großen Belastungen für die Wirtschaft zu  beklagen." Ein Argument, dass Sam Lawson, Direktor EarthSight irritiert.

Für ihn sei es das Schockierendste, dass ausgerechnet jene, die diese Zerstörung beenden könnten, dagegen ankämpfen. Dabei sei es nicht schwer, so Lawson, ein Nachverfolgungssystem einzuführen: "Von den paraguayischen Gerbereien erfuhren wir, dass sich niemand dafür interessiert. Die Gerbereien sagten sehr klar, dass sie sie Nachverfolgungssysteme umsetzen könnten, wenn denn die Käufer wollten."

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