Ein Bauer bewässert seine Felder | dpa
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Schädliche Agrarsubventionen UN fordern Kurswechsel

Stand: 14.09.2021 15:00 Uhr

Landwirtschaft ist einer der Hauptverursacher des Klimawandels. Der Großteil der Agrarsubventionen wirkt sich dabei negativ aus. Die UN fordern ein Umschwenken, um bis 2030 die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Von Nick Schader, SWR

Die Landwirtschaft verursacht weltweit erhebliche Probleme beim Klima- und Umweltschutz. Das ist das Ergebnis eines neuen UN-Berichts, der heute veröffentlicht wird und der dem SWR bereits vorliegt.

Mehrere UN-Organisationen und zahlreiche Wissenschaftler haben für den Report untersucht, welche Auswirkungen die Landwirtschaft und vor allem auch die Agrarpolitik auf die Umwelt haben. Im Ergebnis stellen sie der Landwirtschaft ein sehr schlechtes Zeugnis aus. Schuld daran seien vor allem falsche Anreize und Ziele bei den Agrarsubventionen. Diese würden weltweit immer weiter steigen - mit negativen Auswirkungen.

Milliarden an "schädlichen" Subventionen

So werden jährlich 540 Milliarden US-Dollar an direkten und indirekten Agrarsubventionen ausgeschüttet. Aber 87 Prozent dieser Fördergelder, also 470 Milliarden Dollar, hätten negative Folgen für die Bevölkerung oder die Umwelt. Als Beispiele nennen die UN-Experten, dass Agrarsubventionen oft dazu führen, dass ökologisch nachteilige Monokulturen in der Landwirtschaft auf immer mehr Flächen angebaut werden.

Monokulturen, wie sie zum Beispiel beim Mais- oder Reis-Anbau häufig zu finden sind, stehen in der Kritik, weil sie zu einem Rückgang der Artenvielfalt und zu einer Verödung der Landschaft führen können.

Doch laut dem UN-Report bewirkt die aktuelle Agrarpolitik vieler Länder, dass sich überall auf der Welt immer mehr Landwirte auf den Anbau von wenigen, lukrativen Sorten spezialisieren - nämlich auf die, bei denen es die höchsten Subventionen gibt. Das führe zur Ausdehnung der Monokulturen mit ihren negativen ökologischen Folgen.

Zu wenig Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft

Man sei auf dem falschen Kurs, um die UN-Ziele für eine nachhaltige Landwirtschaft bis 2030 zu erreichen, so die Autoren des Reports. Zudem würden bestehende Förderprogramme dazu führen, diese lukrativen Monokulturen mit noch mehr Pflanzenschutzmitteln zu schützen, was ebenfalls negative Auswirkungen auf die Umwelt habe.

An dem Report mitgearbeitet hat die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen. Deren Generaldirektor, Qu Dongyu, appelliert an die Regierungen der Länder: "Dieser Report […] ist ein Weckruf für Regierungen weltweit, ihre Agrar-Subventionen zu überdenken und die Agrarsysteme zu verändern, damit wir Verbesserungen erreichen: Bessere Lebensmittel, bessere Produktion, bessere Umwelt und ein besseres Leben."

Umweltprobleme durch falsche Landwirtschaft

Auch bezüglich des Verbrauchs von Ressourcen üben die Autoren des UN-Berichts deutliche Kritik am derzeitigen Landwirtschaftssystem. Die Nahrungsmittelproduktion sei "ein Hautverschmutzer von Luft und Wasser". Zudem sei der Agrarbereich der größte Wasserverbraucher, auf den rund 75 Prozent des weltweiten Verbrauchs von Süßwasser entfallen. Die Intensivierung der Landwirtschaft habe zu einer "schweren Verschmutzung der Land- und Meereslandschaft geführt", so der Report. Schuld daran seien vor allem chemische Pestizide und Düngemittel sowie der übermäßige Einsatz von Antibiotika.

Ein weiteres Problem, das der Report kritisiert, sind die Kosten der Umweltverschmutzung, die sogenannten "externen Kosten". Wenn beispielsweise durch einen hohen Dünger- oder Pestizideinsatz Gewässer mit Schadstoffen belastet werden, trage die Kosten dafür die Allgemeinheit und nicht die Verursacher.

Das kritisiert auch Tim Christophersen, Leiter der Abteilung Natur- und Klimaschutz beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), gegenüber dem SWR: "Landwirtschaftliche Produkte werden mit zu viel Gift, zu viel Energie und zu vielen Emissionen produziert, oft auf gerodetem Land und mit dem bitteren Nebeneffekt, dass Ernährungskrankheiten weltweit stark steigen.  Hier sollten alle Länder nachbessern, um Steuergelder für effektiven Klimaschutz und mehr Natur einzusetzen, und somit langfristig die Ernährung der Menschheit durch eine zukunftsfähige Landwirtschaft zu sichern."

Klimasünder Landwirtschaft

Das gelte auch für die Treibhausgase. Die Landwirtschaft sei weltweit gesehen einer der Hauptverursacher des Klimawandels. Laut dem Weltklimarat (IPCC) verursacht die landwirtschaftliche Produktion etwa 25 Prozent der menschengemachten Treibhausgase. Schuld daran sei auch hier eine falsche Agrarpolitik in vielen Ländern, kritisiert der Report.

Die größte finanzielle Unterstützung würden ausgerechnet die Bereiche bekommen, die besonders viele Klimagase erzeugen - allen voran Fleisch, Milch oder Reis. Die derzeitige Landwirtschaftspolitik "arbeite gegen die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens und unsere gemeinsame Zukunft", so die deutliche Kritik im UN-Bericht.

UN: System muss umgebaut werden

Die Experten haben daher eine klare Forderung formuliert. Die finanziellen und steuerlichen Subventionen in der Landwirtschaft müssten dringend verändert werden, um die Produktion in die richtige Richtung zu lenken. Prinzipiell seien Subventionen eine gute Möglichkeit, um Entwicklungen zu steuern. Die Kriterien müssten aber unbedingt verändert werden. Eine nachhaltige, klimafreundliche oder ökologische Landwirtschaft müsse viel stärker gefördert werden als Produktionsmethoden, die Ressourcen verbrauchen und das Klima und die Umwelt belasten.

Der aktuelle Report wurde federführend von drei UN-Organisationen erstellt. Beteiligt waren Experten des UN-Umweltprogramms (UNEP), des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) und der Welternährungsorganisation (FAO). Anlass des Reports ist der "Food System Summit" der UN, der nächste Woche in New York stattfindet. Dort steht das Ziel im Mittelpunkt, das globale Ernährungssystem zu einer nachhaltigen Wirtschaft umzubauen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 14. September 2021 um 15:20 Uhr.