Eine Mutter hilft ihrer Tochter bei den Hausaufgaben | Bildquelle: imago images/photothek

Studie zum Unterricht zuhause "Homeschooling" belastet die Familien

Stand: 30.04.2020 17:32 Uhr

Erste Ergebnisse einer Studie zeigen, dass viele Eltern die Beziehung zu ihren Kindern durch das "Homeschooling" belastet sehen. Der Unterricht zuhause wird zudem offenkundig vor allem von den Müttern gestemmt.

Von Marilina Görz y Moratalla und Nick Schader, SWR

Seit Wochen müssen viele Eltern neben dem "Homeoffice" auch das "Homeschooling" stemmen. Viele fühlen sich überfordert. Doch wie läuft es wirklich? Und geht Fernunterricht wirklich auf Kosten der Bildung und der Familie? 

Das haben sich die Erziehungswissenschaftlerin Anja Wildemann und der Psychologe Ingmar Hosenfeld von der Uni Koblenz-Landau gefragt. Sie haben vor vier Wochen eine breit angelegte Umfrage unter Eltern gestartet. Eine erste Auswertung auf der Basis von 2216 Datensätzen mit Fragen, die Eltern online beantworten sollten, liegt nun vor. Der SWR konnte sie einsehen.

Die Ergebnisse sind ernüchternd: Ein Viertel der Eltern, die ihre schulpflichtigen Kinder während der Corona-Krise zuhause betreuen, sehen durch das "Homeschooling" eine Belastung der Beziehung zu ihren Kindern. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Dunkelziffer sogar noch deutlich höher liegt. Ein möglicher Grund: Problematische Situationen in Familien gibt in einer Befragung keiner gerne offen zu. Die Zahlen zeigen weiter: Die Mehrheit der deutschen Familien (63 Prozent) betreibt täglich rund drei Stunden mit "Homeschooling" - und das alles neben dem Beruf.

"Bildungsschere kann größer werden"

Die Hälfte der Befragten wünscht sich allgemein mehr Rückmeldungen seitens der Lehrer; weitere 20 Prozent zumindest in einzelnen Fächern. Dazu gehört laut Bildungsexpertin Wildemann, dass Eltern beispielsweise bei den Hausaufgaben stärker unterstützt werden und klarere Vorgaben bekommen wollen. Mehr als die Hälfte der Eltern bemängelt laut der Befragung, dass es keinen "erkennbaren Rhythmus" bei den Lernaufgaben der Schule gebe. So kämen Aufgaben sehr unregelmäßig oder überhaupt nicht. 

"Es ist in einer Krise wie Corona klar, in der es keine sozialen Kontakte gibt, dass Eltern mehr Feedback von Lehrern wollen", sagt Wildemann dem SWR und fügt hinzu: "Eltern haben das Recht auf Planbarkeit, wenn es um Schule geht. Und da fehlt eben die nötige Struktur, die den Eltern Sicherheit gibt. Fehlende Struktur birgt die Gefahr, dass die Bildungsschere größer wird, denn Kinder, die sich gut selbst strukturieren können, sind hier klar im Vorteil."

Mütter sind für Bewältigung verantwortlich

Die Zahlen zeigen auch, dass es fast ausschließlich Mütter sind, die sich mit dem "Homeschooling" auseinandersetzen müssten. Von 2216 Fragebögen seien 1810 ausschließlich von Müttern beantwortet worden. Das sind 82 Prozent der Befragten. Das stufen die beide Wissenschaftler hinsichtlich der "Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen" als "bedenklich" ein.

Eine große Herausforderung mit fast 50 Prozent unmotivierten Kindern - auch das haben Eltern rückgemeldet. Der mögliche Grund dafür liege an den fehlenden kreativen Konzepten. Da sei die Schule gefragt - auch wenn sicherlich vieles gut laufe, so die Bildungsforscherin: "Die Ministerien sind in der Pflicht, die Familien und vor allem die Frauen zu entlasten. Daher geht kein Weg daran vorbei, die Schulen unter strengen Hygienebedingungen weiter zu öffnen."

"Gutes Corona-Schulmanagement"

Das Schulministerium von Rheinland-Pfalz, das derzeit auch den Vorsitz der Kultusministerkonferenz inne hat, erklärte auf Anfrage des SWR: Angesichts der Ausnahmesituation funktioniere "vieles bereits sehr gut". Man stehe regelmäßig in engem Austausch mit den Schulen und werde entsprechend nachsteuern, wo Probleme auftauchen. Die Ergebnisse der Studie würden sich mit dem decken, was das Ministerium zurückgemeldet bekäme.

Und was sagt der Deutsche Lehrerverband? Deren Präsident, Heinz-Peter Meidinger, schreibt dem SWR, die starke Belastung der Eltern durch das sogenannte "Homeschooling" wundere ihn nicht. Vor allem bildungsaffine Eltern würden ihre Lehrerrolle häufig zu ernst nehmen. Manche würden ihre Kinder zu stark unter Druck setzen. Meidinger räumt ein, dass es bei der Wochenplanstruktur mitunter an Koordination fehle. Letztlich könne "Homeschooling" jedoch "nie die Effektivität von Präsenzunterricht erreichen".

Erziehungswissenschaftlerin Wildemann und ihr Kollege Hosenfeld werden ihre Studie weiterführen. Eltern können weiter an der Befragung teilnehmen. Es sei ihnen wichtig gewesen, schon jetzt erste Ergebnisse publik zu machen, denn Schulen und Ministerien bräuchten ein direktes Feedback der Familien.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 30. April 2020 um 22:35 Uhr.

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