Frauen, die mit IS-Kämpfern verheiratet sein sollen, im Lager al-Hol im Nordosten Syriens | AFP
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Mutmaßliche Terrorfinanzierung  Deutsche Spenden für IS-Anhänger? 

Stand: 06.05.2021 17:08 Uhr

Eine deutsch-türkische Spendenorganisation sammelt Geld für ehemalige IS-Angehörige in Gefängniscamps in Nordsyrien. Laut Sicherheitsbehörden dient das vor allem dazu, die IS-Ideologie am Leben zu halten und womöglich sogar die Befreiung von IS-Anhängern zu finanzieren.

Von Ahmet Şenyurt und Eric Beres, SWR

Das Video zeigt dunkle Wolken, Stacheldraht, Kinder und Frauen eingepfercht hinter hohen Zäunen. Untertitel: "In den Camps der PKK müssen Tausende Frauen und Kinder um ihr Leben bangen". Damit wirbt die Organisation "Deine Schwester im Camp" in sozialen Medien um Spenden - auch in Deutschland. In der Kanal-Info heißt es: "Wir betreiben aktive Nothilfe für Schwestern und Waisen, die sich in den Camps befinden." Dazu posten sie Bilder von vermeintlichen Essenslieferungen in nordsyrischen Lagern, die mit Hilfe der Spenden finanziert worden seien: Ein "Winterpaket" für 28 Euro, eine "Gasflasche zum Kochen und Heizen für zwei Euro".

Eric Beres

Das klingt zunächst harmlos. Doch längst beobachten deutsche Sicherheitsbehörden die Organisation, die bereits seit Mai 2019 einen Telegram-Kanal in deutscher Sprache betreibt. Für Burkhard Freier, den Leiter des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen, ist klar, dass die Spendenkampagne einer der derzeit zentralen Anknüpfungspunkte für salafistische Propaganda und für die Finanzierung der Szene ist:

Das Thema 'gefangene Schwestern' im Camp Al-Hol hat eine hohe emotionale Mobilisierungskraft. Über solche Kanäle - wie beispielsweise 'Deine Schwester im Camp' - erreichen die Absender eine große Zahl von Personen und sammeln Sachspenden sowie nicht unerhebliche Geldspenden, die sich eigenen Angaben zufolge von kleineren Geldbeträgen bis hin zu Summen im unteren fünfstelligen Bereich aufaddieren." 

Spenden an der Supermarktkasse 

Der SWR nahm anonym Kontakt zu einer der Initiatoren auf: Mit dem den deutschen Verfassungsschützern bekannten Harun Y.. Dieser schreibt, dass er und andere Organisatoren sich "nicht mehr in Deutschland", sondern "überwiegend im Ausland" aufhielten. Dennoch gebe es ein deutsches Spendenkonto. Man könne sogar an Supermarktkassen alle 24 Stunden "Max 999 Euro" bar einzahlen. 

Mit dem Geld könne man Frauen in zwei Lagern versorgen - in den Gefangenencamps Al-Hol und in Al-Roj. Sich aussuchen, an wen das Geld geht, könne man allerdings nicht. Die Spenden gingen "an alle Bedürftigen" und an "meist verletzte Schwestern". 

SWR-Recherchen zeigen, dass "Deine Schwester im Camp" offenbar Teil eines Netzwerkes von Social-Media-Plattformen ist, dessen Zentrale in der Türkei liegt und welches der salafistischen Ideologie nahesteht. Die Organisation bekennt sich auf Facebook zu der Kampagne "Bacin Esir Kampinda", zu deutsch: "Deine Schwester im Camp". 

In einem Video, in dem angebliche Insassen im Al-Hol-Lager für eine Spendenaktion werben, taucht ein Mann in militärischer Kleidung auf: Yavuz Selim, der mutmaßliche Gründer der Plattform. Gegen ihn ermittelten syrische Milizen wegen Verdacht des Menschenhandels und "Mitgliedschaft in der terroristischen IS". In einem Video bestreitet Selim alle Vorwürfe.  

Videos sollen Schleusungen von IS-Frauen zeigen 

Was den Sicherheitsbehörden in Deutschland zudem Sorgen macht, ist die Befürchtung, mit den Spenden aus diesem Netzwerk könnten ehemalige IS-Anhängerinnen oder sogar Dschihadisten freigekauft und dann - unbemerkt von Sicherheitsbehörden - nach Europa geschleust werden.

Tatsächlich teilte auch die deutschsprachige "Deine Schwester im Camp" auf ihrem Social-Media-Kanal mehrere Videos aus der Türkei, die zeigen sollen, wie Frauen aus dem IS-Gefangenencamp Al-Hol befreit wurden. Es werden Fotos von vermeintlichen Insassen geteilt, die in deutscher Sprache darum bitten, sie bei der Freilassung von der "Atheisten PKK" zu unterstützen. Eine SWR-Anfrage dazu an einen Ansprechpartner des Kanals blieb unbeantwortet.

Ermittlungen in vier Bundesländern

Nach SWR-Recherchen gibt es in Zusammenhang mit Spendensammlungen für Lager in Nordsyrien inzwischen in vier Bundesländern Ermittlungen wegen Terrorfinanzierung: neben Nordrhein-Westfalen auch in Hessen, Niedersachsen und Berlin. Der Grund liegt auch darin, dass noch immer rund 300 Frauen und Kinder allein aus Deutschland unter den insgesamt rund 70.000 Gefangenen in kurdischen Lagern in Nordsyrien sind.

Deren Situation ist nach Angaben von Menschrechtssituation wie Human Rights Watch extrem angespannt. Die Corona-Pandemie verschlechtert die humanitäre Versorgungs- und Sicherheitslage zusätzlich. Aus Sicht von Sicherheitsbehörden sind das ideale Bedingungen für salafistische Propagandisten und Akteure, sich als Helfer in der Not zu präsentieren.

Rückholung statt Nährboden für Spendensammler

Hinter vorgehaltener Hand bekunden ausgerechnet Beamte aus Sicherheitsbehörden immer wieder, Deutschland müsse IS-Anhängerinnen und Anhänger aus den Camps in Nordsyrien zügig und kontrolliert zurückholen. Auch um dubiosen Spendensammlern wie "Deine Schwester im Camp" den Nährboden zu entziehen. So sieht es auch Irene Mihalic, innenpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag: "Das Agieren solcher Organisationen ist sehr besorgniserregend und ich teile die Befürchtung, dass IS-Dschihadisten auf diese Weise unkontrolliert nach Europa einreisen könnten. Wir erwarten, dass diese Bundesregierung endlich Farbe bekennt und eine kontrollierte Rückholung deutscher Staatsbürger in Gang setzt", sagte sie dem SWR

Im Innenausschuss will die Fraktion demnächst Experten des Auswärtigen Amts befragen, warum vereinzelte Rückholaktionen stattfinden, eine systematische Rückführung jedoch nicht. Ein Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums sagte dazu dem SWR: "Man spielt auf Zeit, vielleicht in der Hoffnung, dass sich das Sicherheitsproblem von selbst löst."