Ein Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes steht in einem Schutzanzug vor einer Flüchtlingsunterkunft Sankt Augustin und begutachtet eine Tasche einer Frau | Bildquelle: dpa

Corona in Flüchtlingsheimen Zu eng für Abstandsregeln

Stand: 19.05.2020 06:58 Uhr

Was Experten befürchteten, ist in Sankt Augustin eingetreten: eine Corona-Masseninfektion in einem Flüchtlingsheim. Eine Studie zeigt: Die Gefahr für die Bewohner ist mindestens so hoch wie auf Kreuzfahrtschiffen.

Von Marcel Kolvenbach, SWR

Seit zwei Monaten läuft die grüne NRW-Landtagsabgeordnete Berivan Aymaz bei der Landesregierung Sturm, um auf den unzureichenden Schutz von Flüchtlingen gegen eine Corona-Infektion in den großen Landeseinrichtungen hinzuweisen. Wochenlang bekam die flüchtlingspolitische Sprecherin ihrer Fraktion keine Antwort auf die Frage, wie viele Menschen in den Einrichtungen besonders gefährdet sind, wegen Vorerkrankungen oder wegen ihres hohen Alters. Nicht, weil die Landesregierung mauerte, sondern schlicht, weil diese Zahlen bisher offensichtlich nicht systematisch erfasst wurden.

Berivan Aymaz | Bildquelle: Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Landtag Nordrhein-Westfalen
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Berivan Aymaz fordert schon seit Wochen, dass die NRW-Landesregierung mehr für Flüchtlinge tut.

Jetzt ist eingetreten, wovor sie seit Wochen gewarnt hatte: eine Masseninfektion mit Corona in der Flüchtlingsunterkunft in Sankt Augustin.

In den Unterbringungseinrichtungen des Landes für Geflüchtete seien nach wie vor - neben jeweils mehreren Hundert Menschen ohne Einzelzimmer und ohne separate Küchen und Sanitärbereiche - besonders gefährdete Personengruppen untergebracht, wie etwa ältere Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen, kritisiert Aymaz. Auf Nachfrage sagt sie dem SWR: "Das Problem besteht bundesweit, überall dort, wo Geflüchtete in Massenunterbringungen mit teilweise mehreren hunderten Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht werden."

Neue Corona-Hotspots?

Laufende Untersuchungen zu 23 Einrichtungen in sieben Bundesländern stützen jetzt diese These. In einer bisher unveröffentlichten Studie, die dem SWR exklusiv vorliegt, kommen die Forscher zu dem vorläufigen Ergebnis, dass Flüchtlingsunterkünfte und Asylbewerberheime wegen der hohen Personendichte sogar zu Hotspots für Corona-Infektionen in Deutschland werden könnten.

Menschen tragen Mundschutz, während sie in der Zentralen Unterbringungseinrichtung ZUE Sankt Augustin I auf dem Gelände hinter einem Zaun stehen | Bildquelle: dpa
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In der Unterkunft Sankt Augustin wurden bei Bewohnern und Personal bislang insgesamt 140 Corona-Infektionen nachgewiesen.

Grundlage für die Untersuchungen der Universität Bielefeld und weiteren Wissenschaftlern des "Kompetenzzentrum Public Health Covid-19" waren 1367 bestätigte Sars-CoV-2 Infektionen unter 6083 Asylbewerbern, deren Einrichtungen zum Zeitpunkt der Untersuchung unter Quarantäne standen.

Die Forscher kommen demnach zu dem Schluss, dass das Infektionsrisiko in den untersuchten Einrichtungen vergleichbar hoch oder sogar höher sei als auf Kreuzfahrtschiffen, auf denen wegen der hohen Personendichte eine besonders hohe Übertragungsrate festgestellt wurde.

Corona-Verordnungen können nicht eingehalten werden

Als Ursache vermuten die Forscher, dass in den Sammelunterkünften die Corona-Verordnungen nicht eingehalten werden können: Die Unterbringung mehrerer Menschen, die nicht zur selben Familie gehören in engen Zimmern, die gemeinsame Nutzung von WC und Dusche, die Tatsache, dass Essen nicht getrennt zubereitet werden kann. Die Unterbringung von teilweise mehreren hundert Personen auf engstem Raum mache es den Bewohnern unmöglich, die Abstandsregeln oder Hygienevorschriften in den Einrichtungen einzuhalten.

Kayvan Bozorgmehr | Bildquelle: Universität Bielefeld
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Kayvan Bozorgmehr von der Universität Bielefeld will eine andere Unterbringung der Geflüchteten.

"Wenn man keine Situation haben möchte, in der inländische Corona-Hotspots generiert werden, die das Infektionsrisiko von Kreuzfahrtschiffen mit sich bringen, müssten die zuständigen Behörden dringend eine Unterbringung umsetzen, die mit den Corona-Schutzmaßnahmen konform ist", fordert darum Studienleiter Kayvan Bozorgmehr, Professor für Public Health an der Uni Bielefeld. Konkret hieße das: die Unterbringung in Einzelzimmern, oder eine dezentrale Unterbringung.

Zumindest Menschen mit chronischen Vorerkrankungen oder ältere Menschen sollten frühzeitig identifiziert und aus den Massenunterkünften verlegt werden, um sie besser schützen zu können und um gleichzeitig mehr Abstand für die Nicht-Risikogruppe zu schaffen, sagt er.

NRW-Grüne wollen Landesregierung unter Druck setzen

Dem SWR liegt ein Antrag der Grünen vor, mit dem sie die NRW-Landesregierung jetzt - nach dem Corona-Ausbruch in Sankt Augustin - auffordern, prophylaktische und breit angelegte Testungen in den Flüchtlingsunterkünften durchzuführen, die Unterbringung in Masseneinrichtungen zu beenden und Geflüchtete schnellstmöglich den Kommunen zuzuweisen.

Die Bielefelder Forscher arbeiten unterdessen intensiv an der Veröffentlichung ihrer Studie, um der Politik die nötigen Ergebnisse zur Verfügung stellen zu können und damit handlungsfähig zu machen.

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