Hände einer Bewohnerin eines Heims
Exklusiv

Pflegeheime in Baden-Württemberg Mehr Covid-Opfer als bisher bekannt

Stand: 11.02.2021 13:17 Uhr

Mehr als 40 Prozent aller Covid-19-Opfer in Baden-Württemberg sind während der zweiten Welle in Pflegeheimen gestorben. Das ergeben SWR-Recherchen. Experten kritisieren, dass Antigen-Tests zu spät eingeführt worden seien.

Von Kai Laufen, Edgar Verheyen und Johannes Schmid-Johannsen, SWR

An Heiligabend kam der Anruf: Im Pflegeheim gebe es Coronafälle, kein Besucher dürfe mehr rein. Drei Wochen lang sei das so gegangen, erzählt eine 80-jährige Frau aus Baden-Württemberg, die anonym bleiben will. Ihre Schwester lebt in dem Heim und muss rund um die Uhr betreut werden.

Wochenlang hat die 80-Jährige keinerlei Kontakt zu ihrer schwerkranken Schwester, die sie zuvor jeden Tag besucht hatte. Erst im Januar erfährt sie Details über die Quarantänezeit und ist entsetzt: Ihre Schwester sei im Bett liegend in ein Doppelzimmer geschoben worden. Die fremde Zimmernachbarin sei wenige Tage später gestorben. "Meine Schwester wurde dann positiv getestet. Da muss ich nichts mehr dazu sagen", entrüstet sich die Frau.

"80 Prozent Personalausfall"

Ihre Schwester überlebte, aber das war offenbar pures Glück. Denn das Heim beging den folgenschweren Fehler und ließ mitten in der zweiten Pandemiewelle die gesünderen Bewohner weiterhin an einem großen Tisch gemeinsam essen: "Die sind bis auf einen alle gestorben. Meine Schwester durfte nicht am großen Tisch sitzen, sondern am Katzentisch. Sie hat überlebt", sagt die Frau. In dem Heim sei es wochenlang drunter und drüber gegangen, denn es habe bis zu 80 Prozent Personalausfall gegeben.

Ulrike Kempchen hat viele ähnliche Geschichten aus Baden-Württemberg gehört. Sie ist Juristin und leitet die Rechtsabteilung beim BIVA-Pflegeschutzbund, einem gemeinnützigen und unabhängigen Verbraucherschutzverein, der sich bundesweit für die Rechte und Interessen von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen einsetzt.

Schutzkonzepte fehlten

"Wir haben eine Umfrage gemacht, wo die Teilnehmer uns beantworten können, ob sie nur mit einem Test in die Einrichtung kommen oder die Einrichtung auch so betreten können. Aus Baden-Württemberg haben uns tatsächlich 40 Prozent der Teilnehmer gemeldet, dass sie gar keinen Test brauchen", erzählt sie. Bundesweit hätten nur 27 Prozent angegeben, ihre Angehörigen im Pflegeheim auch ohne Schnelltests besucht zu haben. Auch die 80-Jährige aus Baden-Württemberg berichtet, sie sei nur jeden zweiten Tag getestet worden, obwohl sie ihre Schwester bis Heiligabend täglich besucht habe.

Wo Schutzkonzepte fehlten oder schlecht umgesetzt wurden, schlug das Virus zu. Es ist schwer nachvollziehbar, warum etwa die "Bild"-Zeitung Ende Dezember schrieb, in Baden-Württemberg sei nach Angaben der Landesregierung nur rund jeder Zehnte Corona-Tote aus dem Heim gekommen. Dem SWR gegenüber bestätigte das Sozialministerium nach mehrfacher Nachfrage jetzt: Es waren 40 Prozent aller Todesfälle.

Schnelltests zu langsam eingeführt

Eine Ursache für diese hohe Quote sieht Kempchen vom BIVA-Pflegeschutzbund in einer zu langsam eingeführten Teststrategie: "Die Testungen waren ab Oktober möglich. Die Einrichtungen müssen aber ein Testkonzept erstellen, das wiederum von der zuständigen Behörde abgesegnet werden muss", sagt sie. Es müsse Personal geschult werden und dann müsse das Konzept umgesetzt werden.

Tatsächlich hätten die zuständigen Stellen und Einrichtungen in Baden-Württemberg damit sehr spät begonnen. "Letztendlich wurde das Ganze dann zentral organisiert, damit es ins Laufen kommt. Das war einfach zu spät", sagt Kempchen.

Über dieses Thema berichtete der SWR am 11. Februar 2021 um 16:00 Uhr.