Schüler betreten eine Schule mit Hinweisschild auf die Corona-Regeln an der Tür. | Bildquelle: dpa

Corona-Infektionen Deutlich mehr Fälle bei Schülern

Stand: 05.11.2020 13:33 Uhr

Die Zahl der Corona-Infektionen von Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften steigt deutlich. Zuständige Ministerien betonen aber, dass es relativ wenig Fälle seien. Doch diese Angabe ist fragwürdig.

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin, tagesschau.de

Deutlich mehr Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer haben sich zuletzt mit dem Coronavirus infiziert. Das zeigen Zahlen aus mehreren Bundesländern. So teilte Rheinland-Pfalz auf Anfrage von tagesschau.de mit, am 26. Oktober seien bei Schülerinnen und Schülern in dem Bundesland 98 Fälle registriert worden. Eine Woche später, am 2. November, waren es 522 Infektionen - mehr als fünf Mal so viel. Bei den Lehrkräften vervielfachte sich die Zahl ebenfalls: von 16 auf 71. Drei Schulen mussten innerhalb dieses Zeitraums ganz schließen, 57 weitere teilweise für Klassen oder Jahrgänge.

In Niedersachsen wurden in der Woche ab dem 12. Oktober 485 infizierte Schülerinnen und Schüler registrierte, eine Woche später 686 - und in der Woche ab dem 26. Oktober sogar 1255 Fälle. In der laufenden Woche waren es allein von Montag bis Dienstagmorgen bereits 366 Fälle.

Hoher Anteil an Neuinfektionen

Die Schulbehörde in Hamburg teilte auf Anfrage mit, die Zahl der Corona-Infektionen habe insgesamt erheblich zugenommen, dies spiegele sich auch bei den Zahlen im schulischen Kontext wider. Für den 2. November wurden 104 entsprechende Neuinfektionen gemeldet. Betroffen seien 85 Schülerinnen und Schüler, zwölf Lehrkräfte sowie sieben weitere Beschäftigte. Für diesen Tag meldete Hamburg insgesamt 456 neue Fälle - das heißt, fast jeder vierte Fall bezog sich auf den schulischen Kontext.

In Bayern waren am letzten Schultag vor den Herbstferien, am 30. Oktober, mehr als 2000 Schülerinnen und Schüler infiziert.

Zehntausende Schüler und Lehrkräfte in Quarantäne

Berlin, NRW und Schleswig-Holstein ließen die Anfragen zu der Zahl der Infektionen bislang unbeantwortet. Mehrere Bundesländer konnten keine Zahlen zu Infektionen übermitteln, aber Angaben zu Quarantäne-Maßnahmen. In Hessen waren am 3. November fast 21.300 von 760.000 Schülerinnen und Schülern in Quarantäne (2,8 Prozent), bei den Lehrkräften waren 2340 von 62.500 betroffen (3,7 Prozent). Wie viele davon positiv oder überhaupt getestet wurden, ist unbekannt.

In Rheinland-Pfalz waren Anfang November ebenfalls rund drei Prozent der Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte in Quarantäne. Mecklenburg-Vorpommern übermittelte auf Anfrage ähnliche Werte, dort waren zuletzt 2,34 Prozent aller Schülerinnen und Schüler sowie 3,38 Prozent der Lehrkräfte in Quarantäne. Wie viele Menschen bundesweit in Quarantäne sind, ist unbekannt.

Wie sicher sind die Schulen?

Die Kultusminister haben immer wieder betont, Infektionen würden in die Schulen zwar hineingetragen - fänden aber im Wesentlichen nicht dort statt. Die Schulen seien sicher. Diese Angabe stützt sich unter anderem auf eine Studie aus Sachsen mit mehr als 2000 Oberschülern und mehr als 500 schulischen Angestellten. Diese ergab, das sich nur in 14 von 2338 Blutproben Antikörper als Hinweis auf eine überstandene Coronainfektion befunden hätten. Das entspricht einer Positivquote von lediglich 0,6 Prozent.

Allerdings stammen diese Ergebnisse aus einer Zeit vor den Herbstferien, als das Infektionsgeschehen in Sachsen insgesamt sehr niedrig war. Im Gespräch mit tagesschau.de sagte Reinhard Berner, einer der Studienleiter am Dresdener Uniklinikum, dass es bei einem höheren Infektionsgeschehen in der Gesellschaft natürlich auch zu mehr Infektionen an Schulen kommen werde - es aber dennoch keinen Hinweis darauf gebe, dass Schulen die Gesamtsituation verschärften.

Internationale Experten und Studien kommen teilweise zu anderen Einschätzungen. Die australische Epidemiologin Zoë Hyde, die sich intensiv mit dem Infektionsgeschehen bei Kindern und Jugendlichen beschäftigt, sagte auf Anfrage von tagesschau.de, das Risiko an Schulen und in Kitas sei "stark abhängig vom Infektiongeschehen in der Gesellschaft." Kinder könnten das Virus genauso übertragen wie Erwachsene, auch wenn sie häufig asymptomatisch seien. "Steigen die Infektionen stark an können Schulen zu Verstärkern der Pandemie werden", so Hyde.

Daher müssten "dringend Vorsichtsmaßnahmen in Schulen getroffen werden: das Tragen von Masken auch im Grundschulbereich, das Reduzieren von Klassengrößen, das Verbessern der Belüftung, das Filtern der Luft und so weiter."

RKI-Empfehlungen nur teilweise umgesetzt

Doch diese Maßnahmen, die auch das RKI weitgehend so empfiehlt, werden in Deutschland bislang nur schleppend und lückenhaft umgesetzt. So sollten laut RKI bereits ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 50 pro 100.000 Einwohnern Klassen geteilt werden, um so auch im Unterricht einen Abstand von 1,5 Meter gewährleisten zu können. Die meisten Länder setzen diese Maßnahme allerdings nicht um. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) bezeichnete die RKI-Empfehlungen sogar als "sehr seltsam".

Mittlerweile setzt offenbar ein Umdenken ein: Niedersachsen musste zwischen dem 1. und 4. November acht Schulen schließen - rund 60 Schulen stellten in diesem Zeitraum ihren Präsenzunterricht um, Klassen werden nun geteilt und versetzt unterrichtet. In NRW dagegen untersagte das Schulministerium der Stadt Solingen, wegen der hohen Infektionszahlen Klassen zu teilen und Digitalunterricht einzuführen.

Kultusminister rechnen Zahlen klein

Offenkundig um zu demonstrieren, wie sicher die Schulen seien, setzen Kultusministerien und Schulbehörden die Zahl der Infektionen immer wieder in Relation zur Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler. So heißt es beispielsweise im jüngsten Beschluss der Kultusministerkonferenz:

Die Infektionszahlen in den Schulen bewegen sich derzeit bundesweit im Promillebereich und damit auf einem vergleichsweise geringen Niveau. Schulen sind somit im Vergleich zu anderen Lebensbereichen als sichere Orte anzusehen.

Diese Darstellung ist allerdings sehr ungewöhnlich; die Angaben über die Infektionen insgesamt werden auch nicht in Verhältnis zur Gesamtbevölkerung gesetzt. Denn diese bewegen sich ebenfalls im Promillebereich: Am 2. November registrierte das Robert Koch-Institut für ganz Deutschland 12.097 Neuinfektionen. Auf die Gesamtbevölkerung bezogen wären das lediglich 0,01 Prozent. Nimmt man die aktiven Erkrankungen, laut RKI etwa 200.000 in Deutschland, wären das 0,24 Prozent.

Gesamtzahlen fehlen

Verlässliche Gesamtzahlen für Deutschland zu Infektionen im Kontext Schule liegen bis heute allerdings nicht vor, auch weil die Nachverfolgung von Infektionen oft kaum noch funktioniert. Die Kultusministerkonferenz (KMK) beschloss zwar, man wolle Zahlen aus den Ländern "zusammenführen" und die Lage genau beobachten, was das allerdings konkret bedeutet, bleibt unklar. Die KMK teilte auf Anfrage von tagesschau.de mit, "die Kultusministerinnen und Kultusminister, Senatorinnen und Senatoren tauschen sich weiterhin regelmäßig dazu aus".

Forderungen nach einem Aufteilen der Klassen und zeitversetzten Unterricht lehnten sie in ihrem Beschluss weiterhin ab. Der Präsenzunterricht sollte so lange wie möglich fortgesetzt werden. Wann genau ein Punkt erreicht sei, an dem dies nicht mehr möglich wäre, beantwortete die KMK auf Anfrage nicht.

Über dieses Thema berichteten am 05. November 2020 Deutschlandfunk um 12:13 Uhr und Inforadio um 07:11 Uhr.

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