Am NDR-Hochhaus hängen in Hamburg-Lokstedt zwei Logos mit der Aufschrift ·NDR | dpa
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Vorwürfe gegen Landesfunkhaus-Chefin NDR ließ Korruptionsverdacht offenbar jahrelang auf sich beruhen

Stand: 07.09.2022 15:02 Uhr

Nach dem Vorwurf der Vetternwirtschaft gegen die Hamburger Landesfunkhauschefin Rossbach zeigen Recherchen einer unabhängigen NDR-Investigativeinheit, dass der Geschäftsleitung des NDR dieser Verdacht offenbar mindestens seit fünf Jahren bekannt gewesen ist. Eine ernsthafte Prüfung erfolgt scheinbar erst heute.

Von Manuel Daubenberger, Felix Meschede, Han Park, Jochen Becker, Christine Adelhardt, NDR

Am 17. Juli 2017 erreicht den damaligen NDR-Pressesprecher eine Anfrage der "Hamburger Morgenpost" (MOPO). Mitarbeiter des NDR hätten sich an die Zeitung gewandt, sie berichten von einem "herrischen Führungsstil" der Landesfunkhausdirektorin Hamburg und einem "Regime des Schreckens". Der NDR antwortete damals, "nicht konkretisierte anonyme Vorwürfe kommentieren wir nicht".

Doch nicht nur die Atmosphäre im Landesfunkhaus war Gegenstand der Anfrage. Die MOPO wollte außerdem wissen, ob Sabine Rossbach ihre Tochter, die in Hamburg eine PR-Agentur mit vielen prominenten Kunden führt, möglicherweise begünstigt. In der Anfrage heißt es: "Die Mitarbeiter, die sich an uns gewandt haben, sagen, Frau Rossbach verlange auffällig oft, dass über bestimmte Firmen oder Personen berichtet wird, die gleichzeitig Kunden der Tochter von Sabine Rossbach sind." Die in Rede stehende Sendung ist das TV-Magazin Hamburg Journal, das im Regionalprogramm des NDR ausgestrahlt wird.

Der NDR wies auch diesen Vorwurf damals zurück. Über diese Firmen und Personen würden auch andere Medien berichten und die Themenplanung des Hamburg Journal erfolge auf Vorschlag von Planungsredakteuren "in der täglichen Redaktionskonferenz". Danach ließ der NDR die Vorwürfe offenbar auf sich beruhen. Auf Anfrage, was damals intern veranlasst wurde, ob der Compliance-Beauftragte oder die Antikorruptionsbeauftragte eingeschaltet wurden, teilte der NDR lediglich mit: "Die persönliche Verbindung (zwischen Rossbach und der PR-Agentur ihrer Tochter, Anmerkung der Redaktion), war 2017 Inhalt von Gesprächen von Frau Rossbach mit der damaligen Redaktionsleitung des Hamburg Journals. Wie danach verfahren wurde, ist derzeit Bestandteil einer Klärung."

Allerdings ist Rossbach als Funkhauschefin die Vorgesetzte des jeweiligen Redaktionsleiters. Mitarbeitende des Hamburg Journals berichten, sie hätten gewusst, dass die PR-Agentur der Tochter von Rossbach gehört. Das sei ein "offenes Geheimnis" gewesen.

Verstoß gegen die NDR-Compliance Regeln?

Den möglichen Interessenkonflikt hat die Landesfunkhauschefin nach Recherchen der NDR-Investigativeinheit aber gegenüber den Mitarbeitern des NDR Hamburg Journals offenbar nicht ausdrücklich offengelegt oder transparent gemacht. Dies könnte ein Verstoß gegen die NDR-Compliance Regeln sein, in denen es heißt: "Wir wissen um die Gefahr der Korruption und beugen ihr deshalb in allen Bereichen des NDR durch Transparenz und vertrauensvolle Zusammenarbeit vor".

Die Frage, ob Rossbach den möglichen Interessenkonflikt in der Vergangenheit gegenüber den Compliance- oder Korruptionsbeauftragten des NDR von sich aus angezeigt habe, ließ der Sender unbeantwortet und verwies auf eine jetzt angeschobene Prüfung, die klären soll, ob Rossbach "gegen Korruptionsstraftatbestände oder gegen Compliance-Regeln des NDR verstoßen hat". Diese Prüfung wurde allerdings erst vor kurzem veranlasst, die Vorwürfe sind jedoch mindestens fünf Jahre alt.  

In der aktuellen Stellungnahme des NDR heißt es, man nehme die Vorwürfe "sehr ernst", es bedürfe "einer inhaltlichen und journalistischen Betrachtung für die mehr Zeit notwendig" sei. Warum nicht bereits im Jahr 2017 die Vorwürfe untersucht wurden, dazu äußerte sich der Sender bislang nicht.

E-Mails keine Einzelfälle

Sabine Rossbach nahm wohl auch direkt Einfluss darauf, dass Themen der Agentur ihrer Tochter Eingang ins Programm fanden. So leitete sie Themenvorschläge der Agentur schriftlich weiter mit Hinweisen wie "Mit der Bitte um Berichterstattung" oder "sollten wir haben". Über diese Mails hatte NDR Info berichtet. Dass solche E-Mails keine Einzelfälle sind, bestätigen mehrere Mitarbeitende anonym. Das NDR-Rechercheteam konnte in den vergangenen Tagen zwar mit zahlreichen festen und freien Mitarbeitenden sprechen, aber niemand war bereit, dies öffentlich zu tun. Man habe Angst vor möglichen Konsequenzen, hieß es. Über den Vorwurf der Vetternwirtschaft hatte zuerst das Online-Magazin "Business Insider" berichtet. Der NDR teilte mit, auch andere Medien hätten über die Veranstaltungen der PR-Agentur berichtet.

Im Fernseharchiv des NDR finden sich mehrere hundert Beiträge über oder mit den Kunden der PR-Firma. In einzelnen Beiträgen tauchen gleich mehrere Kunden gleichzeitig auf. So zum Beispiel im Hamburg Journal vom 27. Juni 2016: Darin ist eine Spitzenköchin auf einem Erdbeerhof zu sehen, als weitere Interviewpartnerin tritt eine Springreiterin auf. Alle drei sind Kunden der PR-Agentur der Tochter.

"Auf den Wunsch einer einzelnen Dame"

In der Vergangenheit gab es auch in Teilen der Redaktion häufiger Zweifel an der journalistischen Notwendigkeit, Themen der PR-Agentur im Programm abzubilden, die dann mit dem geflügelten Wort "auf den Wunsch einer einzelnen Dame" doch ins Programm gehoben worden seien. Denn allen sei klar gewesen: Dies bedeutete, dass die Direktorin Rossbach das Thema in der Sendung wolle. So bestätigen es mehrere Redaktionsmitglieder unabhängig voneinander. 

Rossbach hat unterdessen in einer schriftlichen Stellungnahme eingeräumt, dass sie Angebote der Agentur ihrer Tochter weitergeleitet habe. "Sollte in der Redaktion der Eindruck entstanden sein, dass die Kunden meiner Tochter bevorzugt behandelt werden sollen, bedaure ich das."

Disclaimer

Das "NDR-Rechercheteam" ist eine redaktionsübergreifende investigative Einheit aus den Redaktionen ZAPP, STRG_F, Panorama und dem Ressort Investigation des NDR. Die Mitglieder recherchieren zu den Vorwürfen gegen den NDR und andere öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Sie gehen Hinweisen zu Missständen nach, arbeiten selbstständig und unabhängig und sind nicht an Weisungen gebunden.

An diesem Artikel hat ein Autor mitgewirkt, der früher selbst im Landesfunkhaus Hamburg unter Sabine Rossbach gearbeitet hat.

Anmerkung der Redaktion tagesschau.de: Die erste Version dieses Beitrags wurde aus juristischen Gründen geändert.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 06. September 2022 um 14:11 Uhr.