Ein vermummter arabischer Terrorist zeigt sich auf dem Balkon des israelischen Mannschaftsquartiers im Olympischen Dorf der Münchner Sommerspiele. (Archivbild: 05.09.1972) | dpa

Olympia-Attentat 1972 Das Versagen der Behörden

Stand: 30.08.2022 17:00 Uhr

Während der Olympischen Spiele 1972 in München wurden elf israelische Sportler ermordet. Eine Recherche des BR zeigt anhand neuer Dokumente und Aussagen, wie umfassend deutsche Behörden versagt haben.

Von Markus Rosch und Till Rüger, BR

Walter Renner war als einfacher Streifen-Polizist am 5. September 1972 in Olympia-Dorf im Einsatz. Noch heute erinnert sich der inzwischen pensionierte Polizist an das Chaos: "Auf diese Situation letztlich waren wir überhaupt nicht vorbereitet. Gar nicht. Weder von der Ausbildung, noch von der Bewaffnung, noch von der Taktik, gar nicht."

Im August kehrte Renner an den Ort des Anschlages zurück und erinnert sich: An der Tür des Hauses in der Connollystrasse 31 sollten er und seine Kollegen - allesamt junge Stadtpolizisten ohne Zusatzausbildung - die Terroristen auf dem Weg zum Fluchtfahrzeug ausschalten. Doch der Einsatz scheiterte, auch weil TV-Kameras nicht nur die Verhandlungen mit den palästinensischen Geiselnehmern, sondern auch die Einsatzvorbereitungen der Polizei live übertrugen.

Neue Dokumente zeigen Fehleinschätzung

Walter Renner ist überrascht, als er bisher unveröffentlichte Dokumente, Ergebnis einer BR-Recherche, gezeigt bekommt: Von Seiten der Behörden hatte man vor allem mit Asylbewerbern und Asylanträge aus osteuropäischen Olympiateams gerechnet. Sogar der Bundesnachrichtendienst war in die monatelangen Vorbereitungen eingeschaltet. Am 31. Mai 72 wurde er angewiesen, Vordrucke für Asylbewerber aus dem Ostblock in 12 Sprachen herzustellen, die report München nun erstmals veröffentlichen darf. Zitat aus einem Formularvordruck des Bundesinnenministeriums von 1972: "Ich bitte die Behörden der Bundesrepublik Deutschland um politisches Asyl. Ich bitte für meine Sicherheit zu sorgen, (… und werde …) bis zur Beendigung der Olympischen Spiele den Unterkunftsbereich nicht verlassen." An alles hatten die Sicherheitsbehörden damals gedacht, nur nicht an einen Terroranschlag.

Ankie Spitzer verlor bei dem Attentat 1972 ihren damaligen Ehemann, den israelischen Fechter Andrei Spitzer. Sie verärgert bis heute nicht nur das Versagen der deutschen Sicherheitsbehörden während des Attentats. Sie und die anderen Hinterbliebenen seien auch in den Jahrzehnten danach von der Politik und den Behörden belogen und gedemütigt worden.

Aus Protest denken nun fast alle von ihnen ernsthaft darüber nach, die Gedenkveranstaltung am 5. September in München zu boykottieren: Spitzer sagt, dass sie zwar eine Rede hätten halten sollen, dass sie aber nicht wisse, wofür sie Deutschland danken soll. Denn so Spitzer: "Deutschland hat nichts getan für uns, richtig ist das Gegenteil."

Pakt mit dem Terror?

Tatsächlich berichtete das ARD-Politikmagazin report München bereits 2013 über einen ungeheuerlichen Verdacht: Schon wenige Wochen nach dem Olympiaattentat 1972 soll es einen geheimen "Deal" zwischen Deutschland und den Palästinensern gegeben haben. Denn drei der Geiselnehmer hatten das Attentat überlebt. Sie saßen in München im Gefängnis - für Deutschland ein Sicherheitsrisiko. Dann kamen sie auf spektakuläre Weise plötzlich frei. 

Am Morgen des 29. Oktober 1972 - also sieben Wochen nach dem Olympiaattentat - wurde die Lufthansa-Maschine LH 615 auf dem Flug von Beirut nach München gekapert. Die palästinensischen Entführer forderten die Freilassung der drei überlebenden Olympiaattentäter.

In München ist zu diesem Zeitpunkt schon alles auf wundersame Weise vorbereitet. Im Staatsarchiv München findet sich einen Brief des Münchner Polizeipräsidenten - verfasst elf Tage vor der Flugzeugentführung. Es geht um die "eventuelle Abschiebung der drei festgenommenen Araber" und die Voraussetzungen ihrer Freilassung. Im Dokument heißt es: "Um die mit der Abschiebung verbunden Formalitäten (…) beschleunigen zu können, hat das Amt für öffentliche Ordnung bereits Ausweisungsverfügungen erlassen, die bei der Kriminalpolizei München verwahrt werden."

War die Lufthansa-Entführung ein abgekartetes Spiel? Vieles spricht dafür und nichts dagegen. Stadt-Polizist Walter Renner, der später Leiter der Polizei-Pressestelle München wurde, hatte auch am Tag der Flugzeugentführung Dienst. Er eskortierte die drei Attentäter zum Flughafen in München-Riem. Erstmals erzählt er nun im Interview mit report München: In Polizeikreisen habe man vorab über die Freipressung Bescheid gewusst: "Das war nicht aus heiterem Himmel. Ich hab es auch schon gewusst über Unteroffiziersdrähte, da hat mir einer von der Kriminalpolizei gesagt, dass würde über kurz oder lang stattfinden."

Israel traute den Deutschen nicht

Wollte Deutschland eigene Fehler vertuschen? In Großbritannien konnte report München bereits 2013 Akten des Nationalarchivs einsehen, in dem das Außenministerium in London seine Korrespondenz mit seiner Botschaft in Tripolis ablegt.

Dokumentiert ist ein Gespräch mit dem deutschen Botschafter in Tripolis vom Oktober 1972. Darin heißt es:  "… die Deutschen hatten vorab Kenntnis davon, dass am 30. Oktober etwas passieren würde." Und weiter: " … in Tripolis hatte man seit 15 Tagen auf die Entführung der Lufthansa Maschine gewartet."

Wollte Deutschland durch die Freilassung ein öffentliches Gerichtsverfahren vermeiden? Das zumindest meint Ankie Spitzer, die Witwe des in München ermordeten israelischen Fechttrainers Andrei Spitzer. Sie wirft den deutschen Behörden nicht nur Schlamperei vor, sondern sieht im Verhalten der Bundesregierung eine Verschleierungstaktik: "Um das eigene Versagen zu vertuschen, war es die beste Möglichkeit die Attentäter schnell loszuwerden. So konnte man eine echte Aufarbeitung vermeiden."

Mehr dazu heute um 21.45 Uhr im ARD-Politikmagazin report München.