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Neonazi-Rapper in Haft Das Netzwerk des "Mr.Bond"

Stand: 02.02.2022 16:48 Uhr

In Wien sitzt ein Neonazi-Rapper in Untersuchungshaft, der mit seiner Hetze seinen Lebensunterhalt finanziert haben soll. Finanzermittlungen könnten wichtige Hinweise auf ein Netzwerk liefern, finden aber nicht statt.

Von Christof Mackinger und Sabina Wolf, BR

"Adolf war zu human, das war sein Kapitalfehler" - so lautet eine der mehr als 70 Textzeilen, mit der die Staatsanwaltschaft Wien Philip H. "nationalsozialistische Wiederbetätigung" nachweisen will; ein schwerwiegender Straftatbestand in Österreich, der mit langjährigen Haftstrafen geahndet werden kann. Schwierig dürfte das nicht sein, denn die Lyrics des österreichischen Rappers "Mr.Bond" sind eindeutig. Sie strotzen vor NS-Verherrlichung und Gewaltphantasien gegen Schwarze, Homosexuelle und Juden.

Jahrelang hatte mutmaßlich Philip H. den Hass online gesät. Indem er bekannte Hits zu Faschisten-Hymnen umdichtete, erlangte der 37-Jährige in der extrem rechten Online-Community Bekannt- und Beliebtheit. So textete er Gucci Manes Lied "Supa Cocky" um zu "Supanazi". Im Lied imaginiert sich H. als Nazi-Superheld, spinnt Mordphantasien gegen jüdische Kinder.

Attentäter und Shoah gefeiert

Laut Anklage der Wiener Staatsanwaltschaft, die report München vorliegt, soll er Bilder verbrannter jüdischer Babys online getauscht haben. Aus dem Lied "I Wanna Love You" von Akon & Snoop Dogg wurde bei "Mr.Bond" "I wanna gas you".

Der Neonazi-Rapper baute jahrelang eine Fangemeinde im Netz auf, die mit ihm rassistische Terroranschläge feierte und zu Gewalt aufstachelte. Nachdem im März 2019 ein Rassist im neuseeländischen Christchurch 51 Menschen ermordet hatte, widmete ihm "Mr.Bond" ein Lied, in dem er ihn zum "Heiligen" machte.

Attentäter von Halle spielte seine Tracks

Am 9. Oktober 2019, an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, versuchte der online radikalisierte Stephan B. in Halle an der Saale in eine Synagoge einzudringen. Für seinen Live-Stream vom Attentat spielte er ein Lied von "Mr. Bond." Spätestens damit wurden die Behörden auf den österreichischen Neonazi-Rapper aufmerksam.

Seit einem Jahr nun ist der Österreicher, welcher mutmaßlich hinter "Mr.Bond" steckt, in Haft. Auf Anfrage will sich H.s Anwalt nicht äußern. Der Beschuldigte selbst schweigt gegenüber den Behörden.

Der österreichische Verfassungsschutz attestiert ihm "besondere Gefährlichkeit", weil er "selbst ein Attentat planen könnte oder andere dazu animiert Anschläge zu begehen," so die Anklageschrift. "Die Außenwirkung des Angeklagten ist aus der zahlreichen Fanpost, die er in Haft bekam, ersichtlich," so die Staatsanwaltschaft Wien.

Keine Finanzermittlungen trotz aufschlussreicher Verbindungen

Die Ermittler vermuten, Philip H. hätte mit seiner Neonazi-Musik Geld verdient. In einem Beschluss des Landesgerichts für Strafsachen Wien ist die Rede von "der offensichtlichen Bestreitung seines Lebensunterhaltes" mit dem "Verkauf seiner Musik". Allein über eines von Philip H.s Bitcoin-Wallets liefen zehntausende Euro an vermeintlichen Spenden.

Für Terrorismus-Experte Peter Neumann ist die Aufklärung von Finanzbeziehungen in der Ermittlungsarbeit essentiell: "Wenn ich jemandem Geld überweise, deutet das auf eine stärkere Beziehung [hin], als wenn ich jemanden auf Twitter folge oder wenn ich mit jemanden auf Facebook eine 'Freundschaft' habe". Somit wäre belegbar, dass "zwischen diesen zwei Personen etwas stattgefunden hat", so Neumann.

Mittlerweile würden nicht nur Telefon, E-Mail-Accounts und die sozialen Medien durchforstet, sondern auch Finanzströme, die zu einer Person führen. Doch bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Wien lässt man bezüglich des Rechtsextremisten Philip H. wissen: "Die Finanzströme wurden nicht untersucht und es liegen keine Informationen über allfällige Spender vor."

Finanzhilfen für den Neonazi-Rapper

Indes formieren sich auf Telegram Neonazis, die den Inhaftierten unterstützen wollen. Unter ihnen sind Neonazis aus ganz Europa, darunter auch User aus Österreich und Deutschland sowie zwei Aktivisten aus den USA, selbst fanatische Judenhasser: "Ich bin Nationalsozialistin im Sinne Adolf Hitlers", schreibt Lindsey K.R. aus Massachusetts.

Im vergangenen Jahr trat Lindsey K.R. beim neonazistischen "Miss Hitler"-Schönheits-Wettbewerb an, präsentierte sich online mit Hakenkreuz und Wehmachtsmütze; ein Vehikel, um Öffentlichkeit für den Inhaftierten Rapper zu schaffen, Spenden zu akquirieren. Dafür korrespondierte sie offenkundig auch mit der deutsch-kanadischen Holocaust-Leugnerin Monika Schaefer, wie es Screenshots aus einer Telegram-Gruppe belegen. Schaefer finde es "schön, dass junge Menschen", wie Philip H. "auch den Kampf aufnehmen".

Auch international Spenden gesammelt

Finanzielle Mittel für Philip H. will auch Christopher L.A. aus Illinois/USA eintreiben. Mit einem Spendenkonto und dem Vertrieb von Fan-Artikeln promotet er den Rapper. Im Onlineshop A.s werden "Mr.Bond"-Sammelkarten mit Adolf Hitler, dem Aufdruck "Race War" und Poster mit dem Konterfei des Attentäters von Christchurch angeboten - für 8,88 Dollar.

Für den Terrorismus-Experten Hans-Jakob Schindler ein bekanntes Vorgehen in der Neonazi-Szene: "Im Gegensatz zur übrigen Musikindustrie in Deutschland, welche durch erhebliche Konkurrenz gekennzeichnet ist, operiert die gewaltorientierte rechtsextreme Musikszene auffällig kooperativ. Bands wechseln von Album zu Album das Label, Shops bieten das gleiche Sortiment an, verweisen aufeinander, sollte das Sortiment knapp werden."

Den Geldhahn zudrehen

Experte Neumann plädiert dafür, mit Hilfe der sogenannten Financial Intelligence "herauszufinden, ob es weitere Hinweise auf noch größere rechte Netzwerke" gebe, von denen man vielleicht gar nichts gewusst habe.

Der österreichische Verfassungsschutz hatte kurz vor der Festnahme des Beschuldigten im Januar 2021 die Staatsanwaltschaft ersucht, die digitale Geldbörse des Beschuldigten sicherstellen zu dürfen - ob von den Behörden oder H.s Komplizen, das war bis Redaktionsschluss nicht zu erfahren.