Verfallene Häuser in einer Siedlung am Hanauer Hauptbahnhof

Immobilienfirma GPG Hat die Finanzaufsicht versagt?

Stand: 22.09.2020 14:44 Uhr

Traumrenditen für die Sanierung denkmalgeschützter Gebäude - so das Versprechen der Immobilienfirma GPG. Doch das Geld wird nicht ausgezahlt, die Häuser verfallen und die Bafin ließ es zu.

Von Anna Klühspies, BR und Sascha Mache, HR

Defekte Gasgeräte in der Wohnung, vermoderte Balkons, die auf die Gehwege stürzen: Die wenigen verbliebenen Mieter der Siedlung am Kinzigheimer Weg in Hanau leben gefährlich, denn die Wohnblocks verfallen.

Besitzer ist die Immobiliengesellschaft Dolphin Capital aus Hannover, heute heißt sie German Property Group (GPG). Sie kaufte die Siedlung 2014 für gut sechs Millionen Euro. Jahrelang rätselten Bewohner und Kommunalpolitiker, warum Dolphin die 13 denkmalgeschützten Häuser überhaupt gekauft hat - und sie in der Folge verkommen ließ.

Dolphin Trust GmbH
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Die Häuser in der Hanauer Siedlung verfallen.

Die Stadt Hanau versucht seit Jahren, die Siedlung über ihr Vorkaufsrecht zu erwerben, um endlich mit der Sanierung zu beginnen. Doch das scheitert bislang an einem Rechtsstreit mit Dolphin. Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky spart nicht an Kraftausdrücken, wenn er über den vorgeblichen Denkmalsanierer spricht. Der Stadt sei klar, bei Dolphin handle es sich um einen "unseriösen Spekulanten". Doch die Stadt habe keine rechtlichen Möglichkeiten einzuschreiten, sie müsse dem Verfall der denkmalgeschützten Häuser zusehen.

Denkmalgeschützte Häuser verfallen

So wie in Hanau bereiten verfallende Dolphin-Immobilien Kommunalpolitikern in zahlreichen deutschen Städten Kopfzerbrechen. Laut eigenen Angaben besitzt die Firma rund 60 Immobilien in Deutschland.

Im vergangenen Jahr brachte eine Recherche des Bayerischen Rundfunks und des Hessischen Rundfunks mit dem britischen Sender BBC erstmals die Hintergründe der fragwürdigen Geschäfte von Dolphin ans Licht: Dolphin warb bei Anlegern im Ausland mit einem vielversprechenden Finanzprodukt. Mit dem Geld der Investoren, so die Eigenwerbung, würde die Immobilienfirma aus Hannover sanierungsbedürftige, denkmalgeschützte Häuser in ganz Deutschland aufkaufen. Die Häuser sollten saniert und die darin entstandenen Wohnungen verkauft werden. Den ausländischen Anlegern wurden bei diesem Investment sagenhafte Renditen von bis zu 15 Prozent versprochen.

Wo ist das Geld?

Doch die Recherchen von BR, HR und BBC im Frühjahr 2019 zeigten bereits, dass bei vielen Häusern die Sanierungsarbeiten stockten oder gar nicht erst begonnen hatten. Gleichzeitig gab es immer mehr ausländischer Anleger, die fällige Rückzahlungen nicht erhielten. Die Investoren kommen unter anderem aus Großbritannien, Irland und Asien. Im Mai 2019 betonten Anwälte im Namen von Dolphin gegenüber der ARD ausdrücklich, es gebe keine Liquiditätsprobleme. Seit 2016 veröffentlicht die GPG keine Bilanzen mehr, aber noch ein Jahr zuvor gewährte sie ihrem Geschäftsführer Charles Smethurst ein Privatdarlehen in Höhe von drei Millionen Euro. Das sei ein ganz normaler Vorgang, hieß es damals.

Im Laufe der Recherchen treten noch dubiosere Geschäftspraktiken zutage: Die Firma warb sogar mit dem Besitz einer Immobilie, die ihr in Wahrheit nie gehört hatte. Knapp 14 Monate später, im Juli 2020, meldete die Firma Insolvenz an. Laut Insolvenzverwalter gibt es starke Indizien auf ein Schneeballsystem. Jetzt muss geklärt werden, was mit dem Geld der Anleger passiert ist. Das Anlagevolumen übersteigt wohl eine Milliarde Euro.

Kritik an Finanzaufsichtsbehörde

Die Staatsanwaltschaft Hannover hatte in der Vergangenheit mehrfach Hinweise auf die dubiosen Geschäfte der GPG erhalten, nicht zuletzt durch Anfragen von BR und HR im Frühjahr 2019. Trotzdem eröffnete die Staatsanwaltschaft erst Anfang 2020 ein Ermittlungsverfahren gegen drei Verantwortliche wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue.

Auch der Finanzaufsichtsbehörde Bafin sind die Recherchen von BR, HR und BBC seit 2019 bekannt. Sie ist zuständig für die Überwachung des Finanzmarktes und den Schutz von Verbrauchern. Doch auch die Bafin ließ die Geschäfte von Dolphin weiter laufen.

Auf erneute Nachfrage bestätigt die Behörde nun, sie habe 2019 Anlass für eine Überprüfung von vier Anleihen der Firma gesehen, weil für diese keine Prospekte bei der Bafin hinterlegt worden seien. Allerdings seien diese Anleihen exklusiv Großanlegern mit Fachkenntnissen angeboten worden, damit habe die GPG "eine gesetzliche Ausnahme genutzt und es bestand keine Prospektpflicht". Die Recherchen von BR, HR und BBC zeigten jedoch, dass viele Rentenersparnisse von Kleinanlegern in das Firmenkonstrukt flossen.

Der Kapitalmarktexperte und Fachanwalt Peter Mattil, der GPG-Investoren vertritt, kritisiert die Zurückhaltung der Bafin. Mattil argumentiert, die Aktivitäten von Dolphin seien erlaubnispflichtige Bankgeschäfte, die die Bafin hätte stoppen müssen. Zur Frage der Bankgeschäfte äußert sich die Bafin nicht.

Auch der finanzpolitische Sprecher der Linkspartei im Bundestag, Fabio de Masi, kritisiert die Bafin: "Sie hätte sich mit der europäischen Aufsichtsbehörde austauschen können und sie hätte sich das auf jeden Fall genau angucken müssen." Denn die Bafin sei zum kollektiven Verbraucherschutz verpflichtet. Allerdings fehlt laut De Masi bei der Bafin "der richtige Jagdinstinkt". Das sei bereits mehrfach deutlich geworden, ob beim Cum-Ex-Steuerskandal, beim P&R-Anlageskandal, bei Wirecard oder nun im Falle der GPG.

Über dieses Thema berichtete report München im Ersten am 22. September 2020 um 21:45 Uhr.

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