Franz Josef Huber | Nationalarchiv Slowenien
Exklusiv

Eichmanns Komplize NS-Schreibtischtäter diente dem BND

Stand: 06.04.2021 06:00 Uhr

Der SS-General Huber war für den Tod Zehntausender Menschen verantwortlich - nach dem Krieg arbeitete er trotzdem für den Bundesnachrichtendienst. Dies zeigen Dokumente, die report München ausgewertet hat.

Von Stefan Meining, BR

Das ARD-Politmagazin report München hat hunderte Seiten bisher unbekannter Unterlagen aus dem Archiv des Bundesnachrichtendienstes (BND) ausgewertet. Die vom BND deklassifizierten Unterlagen zeigen, dass der ehemalige Münchner SS-General Franz Josef Huber dem BND bzw. dessen Vorläuferorganisation von 1955 bis zu seiner Verrentung 1967 zu Diensten war.

Die von report München ausgewerteten Dokumente belegen zudem: Der deutsche Auslandsnachrichtendienst warb Huber im Dezember 1955 an, obwohl der Behörde die NS-Vergangenheit Hubers in allen Einzelheiten bekannt war. So stellt auch ein interner Bericht des BND vom 13. Januar 1964 fest, Huber sei "insbesondere verantwortlich für die Unrechtsmaßnahmen, die im Bereich seiner Dienststellen […] aus rassischen oder anderen Gründen […] getroffen wurden".

Auf Anfrage sagte der Chefhistoriker des BND, Bodo Hechelhammer, gegenüber report München: "Der Hintergrund ist natürlich, dass man zu dieser Zeit im aufkommenden Kalten Krieg, natürlich vor allem Dingen stramme Antikommunisten gesucht hat und die hat man leider allzu oft auch in früheren Nationalsozialisten gesucht und gefunden."

Schreibtischtäter

Am 11. April 2021 jährt sich der Beginn des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem zum 60. Mal. Doch zahlreiche Komplizen von Eichmann entgingen einer Verurteilung. Dazu zählt auch der Münchner SS-General Huber, der wie Eichmann 1938 kurz nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland nach Wien abkommandiert wurde und dort Gestapo-Chef wurde.

Huber ist für den Tod von Zehntausenden Menschen verantwortlich: Als Leiter der sogenannten "Zentralstelle für jüdische Auswanderung", die von Eichmann in Wien aufgebaut worden war, war Huber, so die Erkenntnis des österreichischen Historikers Thomas Mang, auch "verantwortlich für die Massendeportation der jüdischen Bevölkerung Wiens".

Huber diente sich US-Geheimdienst an

Nach der Kapitulation Deutschlands diente sich Huber mit seinem Expertenwissen dem amerikanischen Geheimdienst an. Die US-Behörden verhinderten seine Auslieferung an Österreich. Dort sollte Huber als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden. Dann verliert sich seine Spur.

Nach seiner "Entnazifizierung" soll Huber angeblich als kleiner Angestellter in seiner Heimatstadt München gearbeitet haben. Doch das war wohl nur eine Art Tarnmanöver des BND, wie auch die Recherchen des Münchner Historikers Michael Holzmann zeigen. Er hat eine neue Biographie über den SS-General geschrieben und herausgefunden, dass Huber unbehelligt mit seinem Klarnamen bis zu seinem Tod 1975 in München leben konnte. Für seine Taten musste sich Huber nie vor einem ordentlichen Gericht verantworten.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Magazin report München am 06. April 2021 um 21:45 Uhr.