Ein Militärfahrzeug fährt an einem Stacheldrahtzaun an der Grenze von Polen und Belarus entlang. | REUTERS
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Flüchtlingsroute Lockruf aus Belarus führt über die Türkei

Stand: 09.11.2021 12:41 Uhr

Im Oktober kamen mehr als 5000 Migranten, überwiegend aus dem Nahen Osten, über Belarus bis nach Deutschland. Recherchen von Report München zeigen: Die Route ist gut organisiert und führt über die Türkei.

Von Oliver Mayer-Rüth, Markus Rosch, Borhan Akid und Katharina Willinger, BR

Die Erstaufnahme-Einrichtung in Eisenhüttenstadt ist von hohen Zäunen umgeben. Bis vor wenigen Tagen wurde jeder in Brandenburg aufgegriffene Migrant hierher gebracht, auch Sabbah Abdoulghaffar, 49 Jahre aus dem Nordirak, mit seiner Familie. Für seinen Traum von der EU habe er zu Hause alles verkauft, erzählt er. "Wir sind erst in die Türkei geflogen. Mein Bruder hatte alles für uns organisiert. Wir haben drei Tage in Istanbul verbracht, dann kam ein Mann vom Reisebüro und hat uns zum Flughafen gefahren, um nach Belarus zu fliegen."

Die Recherchen führen in Sabbahs Heimat, den Nordirak. Von hier stammt die Mehrheit der Migranten, die derzeit über Belarus in die EU kommt. Im Zentrum der Provinzhauptstadt Erbil liegt das Reisebüro Top Travel, für viele Iraker ein Ausgangspunkt auf dem Weg in die EU. Mitarbeiter Ahkam Özet verkauft derzeit vor allem Reisen Richtung Belarus. "Täglich rufen mich mindestens fünf Kunden an, die anderen Kollegen werden auch angerufen. Wir kommen wohl auf 20 Kunden am Tag, die alle nach Belarus wollen."

Direkte Reise erschwert

Und die fast immer ihre Familie mitnehmen. So können wöchentlich 500 bis 700 Reisende zusammenkommen. Direktverbindungen aus dem Irak nach Belarus gibt es allerdings keine mehr: Auf Druck der EU hat die irakische Regierung sie eingestellt. Nun laufe der Weg vor allem über das Nachbarland Türkei, erzählt Özet. "Es gibt auch den Weg über den Iran, aber der wird eher selten genutzt. Die meisten reisen über die Türkei und besorgen sich dort ein Visum für Belarus." 

Während des Interviews betritt ein Kunde den Laden. Der junge Mann will von Belarus aus nach Deutschland weiter, erzählt er. "Falls es einen Weg gibt und die Schlepper vertrauenswürdig sind. Ich habe gehört, der Weg über die Türkei ist günstig und gut." Zahlen muss er zunächst nur das Flugticket über Istanbul, das kostet etwa 1000 Euro. Später kommen neben Hotel- noch Kosten für Visa und Schlepper in Belarus dazu. Der Kunde hat sich umgehört: Er rechnet mit Kosten zwischen 3000 und 4000 Euro.

Flucht vor Armut, Krieg und Gewalt

Viele Iraker verkaufen dafür all ihren Besitz. In den sozialen Medien hat sich rumgesprochen: Belarus ermöglicht die Weiterreise in die EU. Vor allem junge Iraker folgen dem Lockruf aus Minsk, sagt Staatsminister Aydin Maruf Selim. Manche von ihnen fliehen vor Krieg und Gewalt in der Region. "Aber der wichtigste Grund ist die wirtschaftliche Lage, die hohe Arbeitslosigkeit. Deshalb wollen so viele junge Menschen aus dem Irak und der gesamten Region ins Ausland."

Von Erbil führen die Recherchen weiter in die türkische Metropole Istanbul. Hier besorgen Mittelsmänner bei den belarusischen Auslandsvertretungen im Land Visa für die Migranten, legal und zügig. Wir bekommen einen Hinweis aus deutschen Diplomatenkreisen: Der Flughafen Istanbul sei inzwischen eines der wichtigen internationalen Drehkreuze für die Migration über Belarus in die EU. Von Istanbul aus starten mittlerweile vier Direktflüge täglich nach Minsk.

Helfer am Flughafen

Am Schalter der belarusischen Airline Belavia steht eine mindestens 20-köpfige Gruppe aus dem Nordirak, darunter viele Frauen und Kinder. Sie wollen nach Minsk, erzählt ein junger Mann. Und dann? "Ich habe Familie in Deutschland", lautet die Antwort.

Einige Meter abseits fallen zwei Männer auf. Sie bereiten mit den Migranten Reiseunterlagen und Visa für das Einchecken vor. Nach der Aufgabe des Gepäcks bringen sie die Gruppe zur Passkontrolle. Auch dort helfen die beiden und warten, bis alle hinter der Absperrung verschwunden sind. Wir sprechen daraufhin einen der Männer an. Er erzählt, er sei Student, komme selbst aus dem Nordirak und helfe bei der Organisation von Reisen nach Belarus.

Flüchtlinge werden instrumentalisiert

Die Route nach Belarus über die Türkei, sie ist ein politisches Druckmittel auf die EU, sagt man im Bundesinnenministerium in Berlin. Künstlich erzeugt vom belarusischen Diktator Alexander Lukaschenko. Doch auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nutze die Situation für eigene Zwecke. Schließlich hätte er die Möglichkeit einzugreifen, so Stephan Mayer, Staatssekretär im Bundesinnenministerium. "Ich bin der festen Überzeugung, es wäre richtig, Präsident Erdogan stärker in die Verpflichtung zu nehmen, die Flüge von Istanbul ausgehend nach Minsk deutlich zu reduzieren beziehungsweise ganz einzustellen."

Doch bisher gehen die Flüge weiter. Von Istanbul aus dürften inzwischen mehrere Tausend Migranten ganz legal nach Minsk eingereist sein. Bilder aus den sozialen Medien zeigen einige Menschen, die ihre Weiterreise in die EU noch nicht organisieren konnten und die in der belarusischen Hauptstadt in U-Bahn Haltestellen schlafen. Wer das Geld für Schlepper aufbringen kann, der reist über den Landweg weiter nach Polen und Deutschland. Zwar ziehen polnische Soldaten an der Grenze zu Belarus immer mehr Stacheldrahtzäune hoch, dennoch gelangen täglich neue Flüchtlinge über diesen Weg in die EU.

Belarusische Polizisten halfen beim Grenzübergang

Der Iraker Sabbah Abdoulghaffar aus dem Aufnahmelager Eisenhüttenstadt hat es bis nach Deutschland geschafft - auch mithilfe belarusischer Polizisten, erzählt er. "Ein Polizist hat mein kleines Kind getragen, und sie haben uns den Weg nach Polen gezeigt. Sie haben uns gesagt, dass wir langsam in diese Richtung laufen sollen, ohne die Taschenlampen anzumachen, weil uns sonst die polnische Polizei erwischt."

Andere sitzen Tage oder Wochen im Grenzgebiet fest, ohne ausreichend Nahrung und medizinische Versorgung, bei Kälte und Regen unter menschenunwürdigen Bedingungen. Sie sind längst zum Spielball der internationalen Politik geworden. Ihr Schicksal ist den Machthabern in den Ländern auf der neuen Route in die EU offensichtlich egal.