Eine medizinische Mitarbeiterin der Oxford Universität spritzt einem Probanden eine Injektion.  | Bildquelle: dpa

Internationale Konkurrenz Das Gezerre um den Corona-Impfstoff

Stand: 12.05.2020 19:14 Uhr

Auf der ganzen Welt suchen Wissenschaftler fieberhaft nach Corona-Impfstoffen. Gleichzeitig warnen Experten und Fachpolitiker, dass schon jetzt um die Verteilung rettender Wirkstoffe gestritten werde.

Von Philipp Grüll und Ulrich Hagmann, BR

Bernhard Unrecht zählt zu jenen, die man in diesen Tagen Risikogruppe nennt. In der Brust des 42-Jährigen aus der Nähe von Passau schlägt seit sechs Jahren ein Spenderherz. Seit Monaten spielt sich sein Leben fast ausschließlich in der Wohnung und im Garten ab, und das Lebewesen, das ihm am nächsten kommen darf, ist sein Hund. Unrechts Frau ist Arzthelferin. Die Gefahr, dass sie sich bei der Arbeit infiziert und ihn ansteckt, ist groß.

Impfstoff als einzige Hoffnung

"Ich würde wahrscheinlich diese Virusinfektion nicht überleben", sagt Unrecht. Wegen der Herztransplantation, wegen einer zusätzlichen Lungenerkrankung und weil sein Immunsystem stark geschwächt ist. Er sieht für sich nur eine Hoffnung auf ein normales Leben: einen Impfstoff. "Bis dahin werde ich mich einfach selbst isolieren und abschotten müssen."

Der Impfstoff wäre wohl die Lösung - für die Risikogruppen, für die wankenden Volkswirtschaften, für die Corona-gebeutelte Welt. Er würde das Ende dieser Pandemie einleiten, bei der es nach Angaben der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität bislang fast 290.000 Tote und mehr als 4,2 Millionen Infizierte gab.

China und USA führend

Weltweit hat deshalb ein nie dagewesenes Rennen begonnen. Nach Angaben der WHO gibt es international rund 100 Forschungsprojekte zur Entwicklung eines Impfstoffes. Zehn sind besonders vielversprechend. Sie sind so weit fortgeschritten, dass die Substanzen am Menschen erprobt werden. Und schon jetzt hat im Hintergrund ein Ringen darum begonnen, wer zuerst den Impfstoff bekommt, falls eines dieser Projekte erfolgreich ist. Dabei ist die Ausgangslage für die EU nicht die beste: Chinesische Firmen oder Forschungsinstitute sind an fünf der vielversprechenden Impfstoffprojekte beteiligt, US-amerikanische an vier und Unternehmen aus der EU nur an dreien.

Der Europaabgeordnete Peter Liese befürchtet im Interview mit dem ARD-Politikmagazin report München, dass US-Präsident Donald Trump nach dem Grundsatz "America First" handeln könnte, falls ein rein US-amerikanisches Projekt das Rennen machen sollte. Die EU müsse deshalb bereit sein, "die Sprache der Macht" zu sprechen.

Geberkonferenz ohne US-Vertreter

Als gutes Signal wertet Liese in diesem Zusammenhang die Geberkonferenz zur Erforschung eines Impfstoffs in der vergangenen Woche, die von der Europäischen Kommission initiiert worden war. An dieser hatten sich auch Vertreter aus Japan, Kanada, China, Israel oder Saudi-Arabien beteiligt. Insgesamt kamen dabei 7,4 Milliarden Euro zusammen. Ein schlechtes Zeichen ist nach Auffassung des CDU-Politikers aber, dass unter den Teilnehmern kein hochrangiger US-Vertreter war.

Die EU müsse deshalb gewappnet sein und notfalls Zwangslizenzen erteilen. Dann dürften europäische Firmen einen Impfstoff ohne Genehmigung des Patentinhabers herstellen. Dieser würde durch eine staatlich festgelegte Gebühr entschädigt. Im Extremfall sind Liese zufolge auch Strafzölle denkbar. Diese könnte die EU auf jene Waren erheben, die in US-Bundesstaaten produziert werden, wo Trump eine knappe Mehrheit hatte. Der Europaabgeordnete sagt, mit China klappe der Dialog in der Corona-Krise bislang besser als mit den USA. Doch wenn nötig, müsse die EU auch auf Peking Druck ausüben.

Menschen wie Bernhard Unrecht, in dessen Brust seit sechs Jahren ein Spenderherz schlägt, hoffen, dass es nicht zu nationalen Alleingängen kommt. Denn wenn mit einem Impfstoff "auf dem Rücken der Menschen" Politik gemacht werde, dann werde letztlich "deren Leben riskiert".

Dieses und weitere Themen sehen Sie heute um 21.45 Uhr in report München im Ersten.

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