Rauch vom Konsum von Cannabis-Produkten (Symbolbild). | Bildquelle: BR/ARD

Rauschwirkung vervielfacht Suchtmediziner warnen vor Turbo-Cannabis

Stand: 14.01.2020 08:23 Uhr

Joints gelten vielerorts als verzeihliches Laster. Doch die Rauschwirkung von Cannabis hat sich durch aggressive Züchtungen vervielfacht - mit schlimmen Folgen.

Von Oliver Bendixen und Fabian Mader

Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch mit Schminkutensilien. Viel mehr hat das zwölf Quadratmeter-Krankenhaus-Zimmer nicht zu bieten. Auf dem Bett sitzt ein zierliches Mädchen. Ihre dunklen Haare hat sie zum Zopf zusammengebunden. Vor zwei Jahren hat sie mit dem Kiffen angefangen, mit 13. Jetzt, mit 15, sitzt sie in einer Psychiatrie.

Mit dem ARD-Politmagazin Report München spricht sie erstmals über ihre Erfahrungen. Sie rauchte mehrere Monate lang täglich. Und verlor zunehmend die Kontrolle. Sie hörte auf zu träumen.

Sie entwickelte immer mehr Ängste, regelrechte Paranoia: "Wenn ich nachts irgendwie alleine eine Straße langgelaufen bin, hatte ich echt so krass Herzrasen. Ich habe immer Schritte hinter mir gehört, ich habe mich immer umgeschaut. Ich war immer voll in so einem Film drin." Irgendwann traut sie sich kaum noch aus dem Haus. Wenn sie alleine zu Hause ist, schließt sie sich in ihrem Zimmer ein. "Ich hatte einfach keine Lust mehr auf Menschen."

Cannabis-Patientin in der Psychatrie. | Bildquelle: BR/ARD
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Immer mehr Patienten haben Psychosen, die mit Cannabis in Verbindung stehen.

Nicht so harmlos wie viele denken

Kiffen gilt eigentlich als harmlos. Über 40 Prozent der bis 25-Jährigen in Deutschland haben es mindestens einmal probiert. Geraucht wird offen im Park. In den meisten Bundesländern verfolgt die Polizei das kaum noch.

Aber immer häufiger landen Cannabis-User im Krankenhaus. In wenigen Jahren hat sich die Anzahl der stationären Cannabispatienten in Deutschland verdoppelt, auf rund 19.000 Menschen im Jahr. Und zwei Drittel derjenigen, die sich erstmals wegen Drogenproblemen ambulant behandeln lassen, haben inzwischen Probleme mit Cannabis.

Wirkung hat sich vervielfacht

Michael Uhl überrascht das nicht. Er leitet die Drogenlabor des LKA in Bayern. Was seine Kollegen sicherstellen, macht ihm zunehmend Sorgen. Cannabis hat sich stark verändert. Das Marihuana oder Haschisch von heute habe nur noch wenig mit der Hippie-Droge zu tun: "Als ich vor über 30 Jahren angefangen habe, lag der durchschnittliche THC-Gehalt bei Marihuana bei etwa einem Prozent. Die Superware, Jamaica-Gras, hatte vier Prozent. Heute sind es 12 oder 13 Prozent im Durchschnitt. Das ist fast eine Verzehnfachung des THC-Gehalts."

Zehnmal mehr THC heißt: Zehnmal stärkere Rauschwirkung. In weiterverarbeiteten Drogen sind auch mehr als 50 Prozent THC-Gehalt möglich. Und das macht einen Unterschied.

Mediziner schlagen Alarm

Britische Forscher haben Städte untersucht, in denen besonders starkes Cannabis im Umlauf ist. Beispielsweise Amsterdam und London. Das Ergebnis: Die Gefahr einer Psychose ist fünfmal höher, wenn Menschen diese Sorten täglich konsumieren.

Für Rainer Thomasius vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat Cannabis heute nichts mehr mit einer sanften Droge zu tun. Es sei inzwischen ein "hochpotentes Halluzinogen", mit einer "Qualität von LSD". Regelmäßiger Konsum sei "immer mit der Konsequenz" verbunden, "dass die Gefahr der Psychoseauslösung weiter und weiter und weiter erhöht wird."

Ist Legalisierung die Lösung?

Aber wie umgehen mit dem härter gewordenen Stoff? Die drogenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen, Kirsten Kappert-Gonther, schlägt vor, die Droge jetzt erst Recht legal zu verkaufen - mit einer genauen Angabe, wie stark eine Sorte ist. Nutzer müssten wissen, was sie bekommen.

Das sei momentan nicht der Fall: "Wenn ein Nutzer oder eine Nutzerin auf dem Schwarzmarkt Cannabis kaufen, ist das so, als würden Sie in eine Kneipe gehen und sagen, ein Glas Alkohol bitte. Sie wissen nicht, was sie bekommen." Transparenz zu schaffen, das gehe "nicht auf dem Schwarzmarkt, das geht nur in deklarierten Abgabestellen."

Auch FDP, Linke und die neue SPD-Führung sind offen für eine kontrollierte Abgabe von Cannabis. Viele Suchtmediziner sehen die Legalisierung skeptisch.

In US-Bundesstaaten wie Colorado wird Marihuana seit einigen Jahren legal verkauft. Dort sei die Lage laut aktueller Studien nicht besser, sondern wesentlich schlimmer geworden, sagt Suchtforscher Thomasius: "Das, was wir immer befürchtet haben, bildet sich jetzt in den USA erstmalig ab. Die Legalisierung führt zu Sucht, Psychosen und Suiziden unter Cannabiseinfluss."

Über dieses Thema berichtet das Erste in dem Politmagazin "report München" am 14. Januar 2020 um 21:45 Uhr.

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