UPS Logo auf einem Lieferfahrzeug | picture alliance / dpa
Exklusiv

Chaotische Zustände Schwere Vorwürfe gegen UPS

Stand: 11.05.2021 19:53 Uhr

Pakete fallen von Förderbändern, Fluchtwege sind offenbar versperrt: Bilder und Videos, die Report Mainz anonym zugespielt wurden, zeigen chaotische Zustände beim Paketdienstleister UPS.

Von Niklas Maurer, SWR

UPS, einer der größten Paketdienstleister der Welt, beschäftigt am zentralen Luftumschlagplatz am Flughafen Köln/Bonn rund 3000 Mitarbeiter. Hunderttausende Pakete werden hier täglich für ganz Europa sortiert. Mehrfach sei es schon zu Arbeitsunfällen gekommen, berichten Mitarbeiter.

Dass es solche Unfälle gegeben hat, belegt auch ein Datensatz, der dem ARD-Politikmagazin Report Mainz zugespielt wurde. Ebenfalls darauf enthalten sind über 30.000 ärztliche Atteste aus den vergangenen fünf Jahren. Schon einfache Vorarbeiter sollen Zugriff auf private Informationen haben, sogar auf Diagnosen.

Mangelnder Datenschutz

Dies seien sensible Gesundheitsdaten, kritisiert Stefan Brink, Datenschutzbeauftragter des Landes Baden-Württemberg: "Wenn wir es mit Fällen zu tun haben, wo sehr, sehr viele Daten zu lange gespeichert werden oder wenn besonders sensible Daten, zum Beispiel Gesundheitsdaten, nicht ordnungsgemäß verarbeitet werden, drohen Bußgelder und das auch in erheblichem Umfang. Auch die Tatsache, dass ein Unternehmen kein Daten-Löschkonzept hat oder dieses nicht umsetzt, wird mit einem Bußgeld von bis zu 20 Millionen Euro bestraft."

Verdacht der Arbeitszeitmanipulation

Zudem soll es in der Vergangenheit zu massiven Arbeitszeitverstößen gekommen sein. Das berichten Mitarbeiter anonym im Interview mit Report Mainz. Der Redaktion wurden mehrere hundert Stechkarten vom UPS-Standort am Flughafen Köln/Bonn zugespielt, die zeigen, dass Pausenzeiten von Hand eingetragen wurden, obwohl eine interne Arbeitsanweisung das als "grundsätzlich unzulässig" untersagt.

Mitarbeiter sprechen von einer "Systematik": Man arbeite acht oder neun Stunden ohne Pause durch. Trotzdem würden auf den Karten die Pausen eingetragen, das ginge schon seit Jahren so. Zudem liegen der Redaktion rund 80 Stechkarten vor, die überhaupt keine Pausen aufweisen, obwohl diese ins Buchungssystem eingetragen wurden.

Druck sei von oben gekommen

Ein Insider erzählt: "Da gibt es Arbeitsbereiche, da kommt die Anweisung, dass ab einer bestimmten Uhrzeit keiner mehr in die Pause geht. Das ist nicht höflich formuliert. Und dann kommt es auch vor, dass sich Mitarbeiter in die Hose machen und sich nicht trauen, dagegen vorzugehen."

Mitarbeiter würden zudem unter Druck gesetzt, wenn sie ihre gesetzlich vorgeschriebenen Pausen einforderten. Dies bestätigt auch ein ehemaliger Mitarbeiter, der in einer Führungsposition im Unternehmen beschäftigt war. Er schildert, man sei bei diesen Leuten hingegangen und habe sie pünktlich nach Hause geschickt, damit sie keine Mehrarbeit mehr leisten konnten und weniger verdienten. Auch er habe Pausen mit der Hand nachträglich eingetragen: "Dass das gesetzwidrig war, war klar." Der enorme Druck habe einen alles vergessen lassen: "Das war tägliche Arbeit und Routine."

Verdacht auf Straftaten

Der Arbeitsrechtsexperte Peter Schüren von der Universität Münster kritisiert: "Das deutet darauf hin, dass hier im großen Stil Ruhepausen nicht gewährt und nicht bezahlt werden, dass also hier einerseits im Arbeitsschutz eine Menge böse Sachen passieren und strafbare Beitragshinterziehung vorliegt. Das ist etwas, das ausermittelt werden muss. Und dann muss man sehen, ob diese Straftaten begangen worden sind."

Peter Schüren, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Münster | SWR/ARD

Kritisiert die Vorgehensweise des Unternehmens: Peter Schüren. Bild: SWR/ARD

Zudem fordert der Rechtswissenschaftler eine Reform der bestehenden Gesetze: "Die Arbeitszeiterfassung ist in Deutschland nicht wirklich abgesichert. Es gibt keine Rechtsfolgen, die dazu führen, dass der Arbeitgeber, der geleistete Stunden nicht erfasst und zu bezahlen 'vergisst', schlechter dasteht als der, der das ordentlich macht. Das heißt, wir brauchen ganz harte Sanktionen, die dazu führen, dass Arbeitszeit, die geleistet wurde, auch tatsächlich bezahlt wird." Trickserei dürfe sich nicht lohnen.

Report Mainz hat das Unternehmen und den Betriebsrat mit einem umfangreichen Fragenkatalog konfrontiert. Der Betriebsrat möchte sich aus formellen Gründen noch nicht äußern. UPS antwortet: "Diese mutmaßlichen Vorfälle sind nicht tolerierbar und sind Gegenstand laufender Untersuchungen. Wir arbeiten mit den Behörden zusammen und beabsichtigen, auf der Grundlage etwaiger Erkenntnisse geeignete Maßnahmen zu ergreifen. (…) Wir legen Wert auf Sicherheit, Professionalität und Integrität und tolerieren keine Belästigung in irgendeiner Form."

Über dieses Thema berichtete das Politikmagazin Report Mainz im Ersten am 11. Mai 2021 um 21:45 Uhr.