Ein Betreuer läuft im Altenheim mit einer Bewohnerin auf einem Flur. | picture alliance/dpa
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Krieg in der Ukraine Neues Pflegepersonal zum Dumpingpreis?

Stand: 05.03.2022 08:51 Uhr

Nach dem russischen Angriff sind viele Ukrainer auf der Flucht - auch nach Deutschland. Der Bundesverband für häusliche Betreuung und Pflege befürchtet, dass die Not der Flüchtlinge ausgenutzt werden könnte.

Von Gottlob Schober und Claudia Kaffanke, SWR

Der Bundesverband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) geht nach Recherchen von Report Mainz davon aus, dass ukrainische Betreuungskräfte durch die Umsetzung der EU-Massenzustrom-Richtlinie für einen Bruchteil des Lohnes arbeiten werden, den Osteuropäerinnen aus der EU derzeit in Deutschland vergütet bekommen. "Bis zu 300.000 Ukrainerinnen werden schätzungsweise für die Hälfte des Honorars arbeiten und alle Bedingungen ertragen, um ihre Familien zu ernähren", sagt der Vorstandsvorsitzende des Verbandes, Daniel Schlör.

Gottlob Schober

Betreuerinnen aus Polen und Rumänien, die bislang vorwiegend in der 24-Stunden-Versorgung gearbeitet hätten, würden durch Ukrainerinnen vom Markt gedrängt. Kriegsflüchtlinge seien aufgrund ihrer Notlage bereit, auch für Niedrigstlöhne zu arbeiten. Durch die EU-Massenzustrom-Richtlinie sollen Flüchtlinge aus der Ukraine für bis zu drei Jahre in der EU einen Schutzstatus erhalten - sowie Zugang zur Krankenversicherung und zum Arbeitsmarkt.

900 Euro netto für ukrainische Betreuungskräfte

Report Mainz hat den Fall einer Ukrainerin recherchiert, die ihr Zuhause aus Verzweiflung schon Monate vor dem Krieg verlassen hat. In der Ukraine habe sie 150 Euro im Monat verdient. "Ich hatte keine Wahl. In der Ukraine gibt es keine Arbeit. Höchstens noch für junge Menschen, die gut ausgebildet sind und Fremdsprachen sprechen", sagt sie. "Aber für Menschen, die älter als 35 sind, ist es kaum möglich. Dann verdient man dort rund 150 Euro im Monat. Wie soll man davon leben?"

In der Ukraine habe sie drei Jobs gleichzeitig gemacht, ohne Feiertag, immer auf der Suche nach einem weiteren Nebenjob. "In Deutschland kann ich wenigstens mehr Geld verdienen." Die Menschen, bei denen sie arbeite, sind schwer pflegebedürftig: "Das ist Schwerstarbeit, ich weine fast jeden Tag. Aber ich beiße auf die Zähne. Ich vermisse meine Familie, meinen Sohn." Als Lohn habe sie dafür nur 900 Euro netto bekommen.

EU-Richtlinie verschärft Druck auf Lohnniveau

Diese Summe bestätigt auch die Familie, in der die Ukrainerin gearbeitet hat. Sie habe dort den pflegebedürftigen Vater versorgt. 2370 Euro habe die Familie für die Dienste der ukrainischen Betreuerin jeden Monat bezahlt. "Als sie uns dann aber später erzählte, dass davon nur 900 Euro netto bei ihr ankommen, war das schon ein Schock für uns", sagt ein Angehöriger, der lieber anonym bleiben möchte. Der VHBP-Vorsitzende Schlör bezeichnet diese Lohnhöhe als "Ausbeutung".

Ein Kriterium für eine gute Bezahlung von Betreuungskräften sind auch ausreichende Deutsch-Kenntnisse. Wer sich gut verständigen kann, verdient mehr. Jede osteuropäische Betreuungskraft sollte aber mindestens 1400 Euro netto im Monat verdienen, kritisiert Schlör. Das sei auch in der Vermittlungsagentur "SunaCare", bei der er Geschäftsführer ist, so geregelt.

Über dieses Thema berichtet das Erste am 08. März 2022 um 21:50 Uhr in der Sendung "Report Mainz".